Bild

Für unsere Autorin sind ein paar freie Minuten das wertvollste Geschenk für eine Mutter. (Symbolbild) Bild: Maskot / Maskot

Mutter: "Warum ich als Mama nie Zeit und habe und immer gestresst bin"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Ich habe jetzt einen Thermomix, dieses sauteure Küchengerät, das angeblich fast alles kann. Mit dem man per WLAN auf eine Rezeptdatenbank zugreifen, Rezeptlisten anlegen und die Einkaufsliste aufs Handy schicken kann. Ich habe mich von meiner Mutter überzeugen lassen, weil ich mir dadurch ein paar Minuten Zeitersparnis am Tag erhofft habe. Ein paar Minuten sind für mich inzwischen das Wertvollste, das es gibt. Beschäftigt sich mein Sohn ausnahmsweise ein paar Minuten mit sich selbst, weil er so ins Angelbauen vertieft ist, dass er vergessen hat, mich zu nerven, ich solle mitmachen, ist diese Mini-Pause Gold. Nicht, weil ich dann einen Kaffee trinken würde, sondern weil ich die kurze Zeit nutze, um eine wichtige E-Mail, den Kindergarten betreffend, am Handy zu tippen oder um eine Online-Bestellung aufzugeben, damit mein Sohn längst überfällige Sandalen für diesen Sommer bekommt.

Seit er auf der Welt ist, wurde meine Zeit gekapert, weil dieses Kind eben ein Kind ist, das sich weder Kleidung selbst kaufen kann oder in der Lage ist, den Heimweg mit Bus und Bahn zu wuppen, noch, sich ein Essen zuzubereiten. Als ich noch kinderlos und voll berufstätig war, hatte ich auch wenig Zeit. Denn nach neun Stunden Arbeit plus Hin- und Rückweg blieb nicht viel übrig, um den Haushalt in den Griff zu bekommen, einzukaufen, Erledigungen auszuführen, Bürokratie-Kram abzuarbeiten, Sport zu machen, Partnerschaft und Freundschaften zu pflegen. Jetzt habe ich das alles noch immer, nur dass eine Person dazugekommen ist, die ich komplett mitdenken und mitversorgen muss.

Bild

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Der ganz normale Betreuungswahnsinn

Das erste Babyjahr lasse ich außen vor, denn das war sowieso Ausnahmezustand. Stillen, Wickeln, zum Schlafen bringen und in unserem Fall Dauertragen. Und dann von vorne. Ich ließ alles andere liegen, hatte kaum soziale Kontakte und verpasste so einige Fristen für Überweisungen, Steuererklärung und Anträge. Ich spreche von jetzt, mit einem fast Vierjährigen, der mich so viel Zeit kostet, dass ich mich frage, wie ich mein restliches Leben bewältigen soll, ohne irgendwann auszurasten?

"Ich spreche von jetzt, mit einem fast Vierjährigen, der mich so viel Zeit kostet, dass ich mich frage, wie ich mein restliches Leben bewältigen soll, ohne irgendwann auszurasten?"

Eine Vollzeit-Nanny wäre sicher eine Lösung, fällt bei uns aus verschiedenen Gründen weg. Also bleibt alles bei mir hängen: Anziehen, Frühstück machen (mit geschnittenem Obst, ist klar), Brotbox füllen, Kindergartenrucksack packen, zum Kindergarten bringen, abholen, Playdate ausmachen (mehrere Whatsapp-Nachrichten nötig), zum Playdate mit Gleichaltrigem begleiten, neue Kleidung besorgen, Geburtstagsgeschenke für seine Freunde überlegen, recherchieren und kaufen, ihn zu einem Hobby oder einer Aktivität begleiten (Kinderturnen, musikalische Früherziehung), Kinderarzttermine wahrnehmen, Mittagessen und Abendessen überlegen, einkaufen sowie zubereiten, seine Kleidung rechtzeitig waschen, Betreuungstermine für das Kind organisieren (mit den Großeltern, einer Babysitterin absprechen), aufräumen und Snacks vorbereiten, wenn eine Mutter mit Spielkamerad zu Besuch kommt, den Musikkurs fürs neue Semester rechtzeitig buchen, endlich mit ihm zum Friseur gehen, im Tennisclub nachfragen ab wann Kinder-Tennis möglich ist, gute Kinderbücher recherchieren zu den Themen, die ihn neuerdings beschäftigen, sowie bestellen.

"Meistens ist mein Kopf so voll, dass ich mir Endlos-To-Do-Listen anlege, die ich dann wochenlang von einer Liste auf die nächste übertrage."

Dazu kommt der ganz normale Betreuungswahnsinn am Nachmittag, wenn er mich für Bauaktionen, Rollenspiele oder fürs Vorlesen einfordert. Meistens ist mein Kopf so voll, dass ich mir Endlos-To-do-Listen anlege, die ich dann wochenlang von einer Liste auf die nächste übertrage. Ich hetze also gedanklich und häufig auch real von Punkt zu Punkt und fühle mich jeden Tag gestresst. Spätestens abends, wenn das Kind mit einem möglichst gesunden Abendessen versorgt und geduscht wurde und endlich schläft, ich das gröbste Chaos in Küche und Wohnzimmer beseitigt habe und noch schnell die Waschmaschine befülle, damit er spätestens übermorgen wieder frische Socken hat, bin ich so müde, dass ich mich nur noch von einer harmlosen, romantischen US-Serie berieseln lassen möchte. Doch das ist der Zeitpunkt, um all die dringenden Punkte von der Liste abzuarbeiten, die ich tagsüber nicht geschafft habe.

Keine Zeit mehr für das eigene Leben

Und dann wäre da noch mein Leben. Meine Interessen, mein Körper, meine Freunde, meine Partnerschaft, meine dringenden To-dos. Oft antworte ich engen Freunden, die ich selten sehe, ich würde ihnen ganz ausführlich zurückschreiben, sobald ich einen ruhigen Moment finde. Leider kommt der nie. Oder mir fehlt abends die Energie, um eine lange, persönliche und interessierte Nachricht zu formulieren, die meinem Gegenüber gerecht wird. Letztens schrieb eine Freundin: „Alles ok bei dir? Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht“. Ich stellte fest, dass ich ihr seit zwei Monaten nicht geantwortet hatte, ihr Name aber auf jeder neuen To-do-Liste stand, weil es mir wichtig war. Ich schrieb sofort zurück, aber keinesfalls so tiefgreifend, wie ich es geplant hatte.

"Wie sehr ich es hasse, dass ich so geworden bin. Dass Dinge und Menschen, die mir wichtig sind, in den Hintergrund treten müssen."

Wie sehr ich es hasse, dass ich so geworden bin. Dass Dinge und Menschen, die mir wichtig sind, in den Hintergrund treten müssen. Und dass ich keine andere Wahl habe, weil ein kleines Kind mit seinen Bedürfnissen und seiner Unselbstständigkeit eben all das Beschriebene bedeutet. Einige werden sich zu Recht fragen, welche Rolle mein Mann bei all dem Kümmern, Mitdenken und Organisieren – aka. „Care Arbeit“ – spielt. Sagen wir es so: Wir haben uns einige Lebensbereiche aufgeteilt aber er könnte bei manchen Dingen, die unser Kind betreffen, präsenter sein.

Geschenke, Kleidung, Friseur und Kinderbücher bleiben definitiv bei mir, weil ich mich besser auskenne und mir Optik wichtiger ist als ihm. Socializen mit anderen Eltern ist auch nicht gerade sein Haupttalent. Doch Aktivitäten wie Mahlzeiten überlegen und zubereiten, zu Hobbys begleiten, Spielen, Termine ausmachen, Arzttermine wahrnehmen und die tägliche Körperpflege des Kindes würde ich gerne komplett abgeben. Ich arbeite an meinem Zeitmanagement, so viel ist sicher. Denn wie hat Mareice Kaiser es in ihrem Buch "Das Unwohlsein der modernen Mutter" so treffend beschrieben? "Ich möchte nicht überall nur halb sein, sondern ganz."

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel