In ihrer Rolle als Mutter ist unsere Autorin manchmal frustriert. (Symbolbild)
In ihrer Rolle als Mutter ist unsere Autorin manchmal frustriert. (Symbolbild)
Bild: iStockphoto / fizkes
watson-Kolumne

"Bringt diesen elenden Muttermythos endlich ins Wanken": Was uns hilft, unsere falschen Vorstellungen von Müttern zu überwinden

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter
27.06.2021, 09:13

Ich erinnere mich an viele Momente in den letzten 3,5 Jahren, in denen ich nicht mehr konnte. Ich erreichte mehrere Tiefpunkte und hatte unzählige Situationen, in denen ich alles infrage stellte. Wie konnte es sein, dass das Leben als Mutter ein so anstrengender Shit war, in dem man selbst komplett auf der Strecke blieb?

Ich fragte mich verdammt noch mal, warum mir andere Mütter zuvor das Bild vermittelt hatten, das Leben mit Kind sei die Erfüllung, die große Liebe, ein neuer Sinn? Ich zweifelte an mir, weil ich überzeugt war, ich sei die große Ausnahme, die gegenteilig empfand. Bis ich irgendwann merkte, dass es doch die ein oder andere Mutter gab, die sich traute, die Dinge beim Namen zu nennen, wenn auch in abgeschwächter Form.

"Ich fragte mich verdammt noch mal, warum mir andere Mütter zuvor das Bild vermittelt hatten, das Leben mit Kind sei die Erfüllung, die große Liebe, ein neuer Sinn?"

Ich suchte bewusst nach Texten, Büchern und Instagram-Posts, die auch kritische Sichtweisen zuließen. Mein erstes Aha-Erlebnis hatte ich mit Antonia Baums Buch "Stillleben". Ich war so dankbar für vieles, was ich dort las. Weil hier eine kluge Frau mit ihrem isolierten Mutterdasein ebenfalls haderte – und sich beschwerte.

Ich las einen Zeitungstext, in dem eine Autorin analysierte, wie sehr uns Filme, Serien und Werbung von Anfang an ein realitätsfremdes Familien- und Mütterbild vorgaukelten, das uns über Jahre geprägt hatte.

Die Ratgeber sind wenig hilfreich, wenn man sich fragt, ob das Kind ein Fehler war

Ich saugte diese Texte auf und wollte mehr. Doch das meiste, was ich fand, war für die Tonne. Bedürfnisorientierte Autorinnen, die ständig nur erklären, warum sich Kinder in bestimmten Situationen entsprechend verhalten und wie man ihnen mit vieeeeel Liebe heraushilft. Als würde durch das Hintergrundwissen das Gefühl, kein eigenes Leben zu haben, verschwinden. Andere fokussieren sich auf witzig-ironische Schilderungen des Alltags mit Kindern. "Man bekommt ja so viel zurück" und "Zu groß für die Babyklappe" heißen die zugegeben unterhaltsamen Bücher von Marlene Hellene. Doch der Tenor ist immer derselbe: Kinder können ganz schön nervig sein, haha, aber am Ende habe ich meine süßen Nervtölen trotzdem soooo lieb.

"Doch der Tenor ist immer derselbe: Kinder können ganz schön nervig sein, haha, aber am Ende habe ich meine süßen Nervtölen trotzdem soooo lieb."

Wenig hilfreich, wenn man sich ausgebrannt fragt, ob es der größte Fehler war, sein wunderbares Leben gegen ein Kind einzutauschen. Und ob das jetzt so weitergehen soll?

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Bild: Emmy Lupin Studio
Unsere Autorin...
... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich wünsche mir, Mareice Kaiser hätte schon früher folgendes Buch geschrieben, das soeben erschienen ist: "Das Unwohlsein der modernen Mutter". Sie stellt zwar gleich zu Beginn klar, dass sie gerne Mutter ist, aber nicht in den Strukturen unserer Gesellschaft. In ihrem Buch erläutert sie, welche gesellschaftlichen Umstände dazu beitragen, dass man als Mutter fast immer überfordert, frustriert und am Ende unzufrieden ist. Weil es unmöglich ist, alle Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen: "Versorgerin, Businesswoman, Mom I’d like to Fuck". Und die Beziehungspflege zu Partner und Freunden wäre auch ganz nett.

"Nicht das Kind belastet die Psyche, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, die von Männern für Männer gemacht wurden."

Sie geht einer Studie auf den Grund, die belegt, dass sich das mentale Wohlbefinden von einem Drittel aller Mütter in den sieben Jahren nach der Geburt deutlich verschlechtert. Ihr Fazit? Nicht das Kind belastet die Psyche, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, die von Männern für Männer gemacht wurden. Strukturen, die für die Leistungsgesellschaft gemacht wurden.

Mütter sind die unbezahlten Dienstleisterinnen

Überhaupt finde ich das Geld-Kapitel sehr interessant, denn wie Mareice Kaiser schreibt, bedeutet Geld Macht und Privilegien. Beides gibt man als Mutter meistens ab. Dazu komme, dass unser Wirtschaftssystem und vor allem unser Rentensystem darauf aufbaue, dass Frauen Kinder gebären und die nächsten Generationen von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen und Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen und Rentenversicherungseinzahler und Rentenversicherungseinzahlerinnen kostenlos erziehen würden. Mütter seien in diesem System die unbezahlten Dienstleisterinnen.

"So langsam verstehe ich, warum ich oft so wütend war, wenn ich alleine mit Kind zu Hause saß, während mein Mann und alle anderen arbeiten gingen."

So langsam verstehe ich, warum ich oft so wütend war, wenn ich alleine mit Kind zu Hause saß, während mein Mann und alle anderen arbeiten gingen. Weil ich das Gefühl hatte, die schwerste Arbeit von allen zu verrichten und nichts dafür zu bekommen, nicht mal Anerkennung. "Erwerbsarbeit ist auch Teilhabe. Erwerbsarbeit ist Kontakt zu Kolleg*innen, strukturiert einen Tag, eine Woche, ist Gesprächsthema, ist manchmal Sinn, ist eine Beschäftigung. Das nicht zu haben, während alle anderen es haben bzw. machen, ist ausgrenzend." Ja, ja, ja.

Mütter, schreibt mehr über diese Themen!

Diese Texte helfen mir, endlich zu verstehen, dass es nicht nur an mir liegt, sondern daran, wie diese Gesellschaft tickt. Es existiert keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, es gibt kaum Unterstützung für Familien. Ich habe verstanden, dass ich nicht jede Sekunde mit meinem Kind genießen muss, weil ich logischerweise auch andere Interessen in meinem Leben habe, die genährt werden müssen. Und dass es völlig normal ist, bei all der Care-Arbeit, die für mich als Mutter anfällt, mein Leben mit Kind nicht mehr auf die Reihe zu bekommen.

Ich zitiere ab sofort in jeder Krisensituation Mareice Kaiser: "Es tut mir leid, ich schaffe gerade gar nichts, außer überleben."

Mütter, schreibt mehr über diese Themen! Seid ehrlich, zeigt euren Frust, berichtet von euren Tiefpunkten und bringt diesen elenden Muttermythos endlich ins Wanken. Nur so tragt ihr dazu bei, dass Mütter sich verstanden fühlen. Und dass werdende Mütter nicht bereits im Wochenbett in ein tiefes Loch fallen. Im besten Fall führen Texte und Bücher, wie das von Mareice Kaiser, dazu, dass sich endlich etwas in Deutschland ändert – vorausgesetzt, es wird an Männer weitergegeben.

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Mutter: "Warum ich die ständige Nähe meines Kindes unerträglich finde"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Mein Sohn war von der ersten Sekunde an ein Klammeraffe. Wollte im Krankenhaus nicht im Kinderbett liegen, nur bei mir. Bitte Körperkontakt nonstop. Und so ging es zu Hause weiter. Ich konnte ihn nicht mal im Tiefschlaf ablegen. Kinderwagen-Ausfahrten? Sechs Monate lang undenkbar! Er lebte auf unseren Armen, an meiner Brust und den Rest in der Trage, dicht an den Körper gepresst.

Inzwischen ist er 3,5 Jahre alt, aber das große Nähebedürfnis hat sich nur verlagert. Netterweise saugt er nicht …

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