Einem Kind wird Fieber gemessen.

Unsere Autorin glaubt, dass sie wahrscheinlich nie aufhören wird, sich um ihr Kind zu sorgen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Ridofranz

Über die größte Sorge von Eltern: "Seit ich Mutter bin, ist die Angst mein ständiger Begleiter"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Manchmal scrolle ich durch Instagram, bleibe bei einem Interview eines Elternblogs hängen und lande schließlich bei dem Account einer Mutter, die ein krebskrankes Kind hat. Ich lese mich zurück durch jeden ihrer Posts, begleite emotional das Auf und Ab von erfolgreichen Therapien und niederschmetternden Diagnosen.

Ich verfolge ihre Gedanken, ihre tiefste Verzweiflung, ihre Hilflosigkeit, bis mir die Tränen kommen. Schicksale dieser Art nehmen mich unglaublich mit, weil ich mich als Mutter so sehr in diese unbekannte Person reinversetzen kann. Und weil es meine Urangst anspricht.

Angst begleitet mich durch den Alltag

Seit ich nämlich Mutter bin, sind Ängste Teil meines Lebens, genauer gesagt, meines Alltags. Angefangen hat das in der Schwangerschaft. Drei Monate lang habe ich nach jedem Toilettengang meinen Slip kontrolliert, weil ich mir sicher war, es wäre Blut zu sehen und das Kind abgegangen. Nachdem das heikle erste Trimester überstanden war, machte ich mich wegen jedes Untersuchungsergebnisses verrückt.

Da mein Blut keinen Rötel-Titer anzeigte, war ich ständig besorgt, ich könnte mich mit Röteln anstecken und ein behindertes Kind bekommen. Ich googelte Testergebnisse, las mich durch Schwangerschaftsforen, steigerte mich in Horrorszenarien, weil ich versehentlich ein Stück Rohmilchkäse gegessen hatte. Ich ging neun Monate davon aus, dass etwas mit dem Kind sein könnte.

Als es endlich auf der Welt war, vermuteten sie aufgrund seiner Größe, er könnte Zucker haben. Ich machte mir Sorgen, was das für seine Zukunft bedeuten würde – bis zur Entwarnung. Mit vier Wochen bekam er eine Neugeborenen-Infektion und wir mussten ins Krankenhaus. Die Entzündungswerte waren extrem hoch, sie pumpten ihn mit Antibiotika voll. Bei der Entlassung bekam ich den Hinweis, später noch mal sein Gehör untersuchen zu lassen, da dieses Antibiotikum in seltenen Fällen zu Taubheit führen könne.

"Ich wollte nie eine ängstliche Mutter sein, die ihrem Kind nichts zutraut."

Ich recherchierte drei Tage und konnte kaum schlafen. Später kam der ganz normale Wahnsinn hinzu: durchwachte Nächte bei 40 Grad Fieber, Verschlucken, Stürze, Schnittwunden. Ich wollte nie eine ängstliche Mutter sein, die ihrem Kind nichts zutraut. Wenn er auf zu hohe Mauern klettert und dort alleine balancieren will, sehe ich bereits vor mir, wie er stürzt, auf die Steine knallt und ich den Rettungswagen rufe.

Ich zwinge mich trotzdem, ihm nicht alles sofort zu verbieten, ihn lediglich zu warnen, dass er vorsichtig sein müsse, weil die Mauer hoch und uneben sei. Ich übe mich darin, gelassen zu bleiben und meinem Kind zu vertrauen. Ihn seine Erfahrungen machen zu lassen und so sein Selbstbewusstsein zu fördern. Er möchte alleine mit dem scharfen Küchenmesser die Kartoffeln schneiden? Ich erlaube es, stehe jedoch mit Argusaugen daneben.

Seit ich Mutter bin, ist die Angst mein ständiger Begleiter und ich kann nichts dagegen tun. Häufig wünsche ich mir, mal wieder frei zu sein. Kein Kind, keine Verantwortung, keine Ängste. Muttersein ist hart genug, wieso müssen die Ängste und Sorgen noch einen draufsetzen? Natürlich kann auch Geschwistern, Eltern, engen Freunden oder dem Partner etwas Schlimmes zustoßen. Doch diese Gedanken sind nicht ständig präsent.

Ruft mich mein Vater an, was eher selten vorkommt, gehe ich nicht davon aus, dass meiner Mutter etwas passiert ist – obwohl es in ihrem Alter nicht völlig abwegig wäre. Ruft der Kindergarten an, fährt das Gedankenkarussell los: Mein Sohn ist bestimmt vom Baum gefallen, schwere Kopfverletzung, befindet sich in Lebensgefahr.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin ...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich habe Angst, dass ihm etwas Schlimmes zustößt oder er sogar stirbt. Die Vorstellung, das Kind zu verlieren, auf das sich automatisch mein Fokus gerichtet hat, für das ich mein Leben umgekrempelt habe und für das ich alles tue, ist unerträglich. Ich habe aber auch Angst, dass mir oder meinem Mann etwas zustößt und unser Sohn als Halbwaise oder Waise endet.

Nicht nur Angst um das Kind

Vor ein paar Monaten spürte ich einen festen Knubbel in meiner linken Brust. Ich dachte daran, dass es wieder die Zyste sein könnte, die vor ein paar Jahren schon mal aufgetaucht war. In meine Vermutung schlich sich aber Stück für Stück das Bild eines bösartigen Tumors. In der Nacht vor dem Kontrolltermin spielten meine Gedanken verrückt. Ich sah den Verlauf der Dinge vor mir: Ich würde die Diagnose Brustkrebs bekommen, würde mich monatelang durch Chemotherapien schleppen in denen ich nicht für mein Kind da sein könnte, würde daran sterben.

Ich sah meine eigene Beerdigung vor mir, mit einem Vierjährigen, der nach und nach realisierte, dass seine Mutter nicht mehr zurückkehren würde. Ich fragte mich, wie mein Mann mit unserem Sohn klar kommen sollte, der so unglaublich an mir hängt? Wie er seinen Vollzeitjob als Unternehmer mit einem Kindergartenkind vereinbaren würde, das mittags um 13.30 Uhr abgeholt werden muss, weil der Waldkindergarten dann eben schließt? Wer würde ihm rechtzeitig neue Kleidung kaufen, wer sich um seine Spielverabredungen kümmern, wer die Geburtstagsgeschenke überlegen und besorgen?

Wird das besser? Ich denke nicht, nur anders. Ich höre von Müttern, die die ganze Nacht wach liegen, bis morgens die Haustür aufgeht, wenn die Tochter vom Feiern nach Hause kommt. Ich kenne Geschichten von Söhnen, die Motorradreisen machen und sich tagelang nicht melden. Die schlimmsten Erzählungen sind jedoch die, wenn Eltern ihre erwachsenen Kinder beerdigen müssen.

So, und jetzt beruhige ich mich mal wieder.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Alter Mann 30.05.2021 13:49
    Highlight Highlight Alles was ich hier lese hat einen negativen Touch. Woher kommt das. Was gibt es denn Positives zu berichten?
    Natürlich kann ich keine Ratschläge geben, da ich ein Mann bin und dies nur aus der männlichen Perspektive betrachten kann. Aber ich meine es gibt auch viele positive Aspekte mit eigenen Kindern, welche ich in den Vordergrund stellen würde. Ich denke dass damit auch Vieles im Tagesablauf sich positiver darstellen würde, da die Einstellung sehr viel Einfluss auf das Geschehen hat.

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