Unsere Autorin spürt in ihrer Schwangerschaft nichts von Magie und Mama-Glow (Symbolbild).
Unsere Autorin spürt in ihrer Schwangerschaft nichts von Magie und Mama-Glow (Symbolbild).
Bild: imago stock&people / Panthermedia
watson-Kolumne

Mutter berichtet: "Warum Schwangerschaft meine persönliche Hölle ist"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter
19.09.2021, 10:3617.10.2021, 12:20

Wenn es alles gut läuft, bekomme ich in ca. fünf Wochen mein zweites Kind. Das dürfte jetzt einige Leser überraschen. Die Gründe, weshalb ich mich doch noch mal dazu durchgerungen habe, lassen sich in meiner Kolumne "Geht es nur darum, was das Kind braucht oder auch darum, was ich brauche?" nachlesen. Ok, sagen wir in den letzten Sätzen des Textes.

Was sicher auch mitspielt? Nach etwa drei Jahren fingen einige Erlebnisse der ersten Höllenjahre mit Kind an, zu verblassen. Die Schwangerschaft zählte ebenfalls dazu. Jetzt stecke ich wieder mittendrin. Und der Wahnsinn ist in vollem Gange. Nachdem ich mich wochenlang von vegetarischem Sushi ernährt habe, lese ich in einem Hebammenbuch, dass Sushi verboten sei. Vegetarisches ebenfalls. Bitte was? Und wieso?

Ich kann nichts dazu im Netz finden aber etwas anderes finde ich in dieser Nacht: Schlaflosigkeit. Ich lese, dass die Sporen einer einzigen verschimmelten Himbeere aufgrund ihres Wassergehalts alle anderen verseuchen. Schön, dass ich mich den gesamten Sommer von gekauften Beeren ernährt und die Verschimmelten jeden Morgen aussortiert habe. Listerien, eine Art von Bakterien, die fast auf jedem Lebensmittel lauern, werden zu meinem persönlichen Todesfeind. Ich stoße auf Texte über Giftstoffe, die sich morgens in den Wasserleitungen befinden und selbst nach dem Abkochen noch vorhanden sind.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Bild: Emmy Lupin Studio
Unsere Autorin...
... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Schwangere werden neuerdings bereits vor der Geburt gegen Keuchhusten geimpft und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich verzichte auf Partyeinladungen, weil ich Angst habe, mich mit Covid-19 anzustecken, da Schwangere ein 1,5-fach höheres Risiko haben, auf der Intensivstation zu landen. Ich mache mich verrückt, weil ich die ersten drei Monate fluoridhalte Zahnpasta benutzt habe und dann eine Studie entdecke, dass Fluorid die Hirnentwicklung des Kindes schädigen kann.

Ich bin auf einer Hochzeit eingeladen und schreibe vorab eine Mail, dass ich keine Rohmilchprodukte, keine rohen Eierspeisen, keinen rohen oder geräucherten Fisch und nur durchgebratenes Fleisch essen darf – wie unangenehm. Ich werde von einer Frau auf der Straße angesprochen, ob ich wüsste, welche gesundheitsschädlichen Stoffe in FFP2-Masken enthalten wären und dass sie diese nicht mal unschwanger tragen würde.

Die Angst vor einem behinderten Kind

Ja, ich bin gerade sehr empfindsam für Einflüsse aller Art, die mein Ungeborenes schädigen könnten. Und wieso? Weil meine größte Angst darin besteht, dass dieses Kind nicht lebendig zur Welt kommt. Die zweitgrößte: Dass dieses Kind in irgendeiner Art mit Behinderung zur Welt kommt. Ich folge schon länger mehreren Instagram-Accounts von Müttern, die ein behindertes Kind haben. Und durch Mareice Kaisers Buch "Alles inklusive", in dem sie über die Jahre mit ihrer schwerbehinderten Tochter schreibt, sowie durch den von ihr gegründeten Blog "Kaiserinnenreich" bin ich sensibel für dieses Thema geworden. Und gleichzeitig sehe ich es realistisch. Heißt: Ich möchte kein Kind mit Behinderung.

Neulich habe ich gelesen, dass die Aussage "Hauptsache gesund" die nicht gesunden Babys und Kinder diskriminieren würde. Schöner wäre, "Hauptsache geliebt" zu sagen. Kann ich rational nachvollziehen. Emotional bleibe ich dabei: Hauptsache gesund ist genau das, was ich möchte. Weil ein Kind mit Behinderung zwar eine absolute Horizonterweiterung bedeuten würde, aber gleichzeitig eine enorme Belastung für mich als Mutter, für uns als Paar und unsere Familie. Dazu kämen Ängste, Panikattacken, Trauer, möglicherweise physische und psychische Überlastungszustände sowie der ständige Kampf gegen eine nicht-inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung nicht eingeplant sind.

Genau aus diesem Grund habe ich mich in meiner zweiten Schwangerschaft nicht mehr wochenlang damit beschäftigt, wie moralisch verwerflich es wäre, einen frühzeitigen genetischen Bluttest machen zu lassen, der aufzeigt, ob das Kind Trisomie 21, 18 oder 13 hat. Ich habe ihn direkt durchführen lassen und ich wusste, wie ich nach einem entsprechenden Ergebnis handeln würde.

Hatte ich letztes Mal das Gefühl, jetzt sicher ein gesundes Kind zur Welt bringen, weiß ich heute, dass es tausende Gendefekte gibt, die sich nicht vorab testen lassen und auch erst später zum Vorschein kommen können. Gewissheit? Gibt es nicht! Wird mein zweites Kind wieder so riesig werden? Und wenn ja, wird es dieses Mal zu Geburtskomplikationen kommen? Sollte ich deshalb lieber einen geplanten Kaiserschnitt machen? Hoffentlich wird sich das Kind nicht kurz vor der Geburt mit seiner Nabelschnur selbst strangulieren. Und bitte, wird uns ein zweites Kind nicht das Genick brechen, weil wir das erste gerade so überlebt haben.

Einige Frauen bezeichnen ihre Schwangerschaft als magische Zeit. Vielleicht genießen sie es, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, endlich mal verwöhnt zu werden. Darüber kann ich mit einem Vierjährigen an meiner Seite nur milde lächeln. Ich lese vom Schwangerschafts-Glow und blicke in mein müdes, blasses Gesicht. Ich höre von werdenden Müttern, die sich schon vorab unglaublich stark mit ihrem Baby verbunden fühlen und denke daran, wie sehr ich die schmerzhaften Tritte verfluche, die mich immer wieder in die Hose pinkeln lassen.

Die 40 Wochen Schwangerschaft haben für mich nichts mit einem Glückszustand gemein. Ich möchte einfach nur, dass es vorbei ist und ich ein vorerst gesundes Kind zur Welt bringe. Über Teil 2 des Höllenritts, das Wochenbett, möchte ich noch gar nicht nachdenken.

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