Corona hat das Leben auf der Straße erschwert. Doch auch Obdachlosenhelfer leiden unter neuem Druck.
Corona hat das Leben auf der Straße erschwert. Doch auch Obdachlosenhelfer leiden unter neuem Druck.Bild: Getty Images North America / Scott Olson
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Junge Obdachlosenhelferin: "Sollten wir schließen, müssten hunderte Menschen hungern"

23.11.2020, 14:5723.11.2020, 19:14
Jessica Pichler

Mit den steigenden Infektionszahlen werden auch kritische Stimmen vor allem gegen junge Menschen lauter: Politiker und Politikerinnen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, richteten sich in vergangener Zeit regelmäßig an junge Erwachsene und mahnten sie zum Einhalten der Corona-Regeln an.

Dabei sind es gerade auch junge Menschen, die in der Krise helfen. So wie zum Beispiel Jessica. Bereits seit über einem Jahr arbeitet die 19-Jährige bei der Berliner Obdachlosenhilfe, kennt also den Zustand vor Covid-19. Seit der Pandemie hat sich einiges verändert, sagt sie. Doch am meisten stört sie, dass Obdachlose aktuell mehr denn je alleingelassen werden.

Bei watson berichtet sie, welchen Druck das für alle Seiten bedeutet. Teil fünf der watson-Reihe: Wie junge Menschen durch die Krise helfen.

"Ein, zwei Infektionsfälle – und unsere Einrichtung müsste schließen."

Die Corona-Pandemie hat das Leben auf der Straße enorm erschwert. Einige Hilfseinrichtungen wie Obdachlosencafés oder Tageseinrichtungen mussten beim ersten Lockdown schließen. Obdachlose wurden in dieser Zeit vergessen. Die Unterkünfte dürfen ihre Zimmer zurzeit nicht voll belegen, Einnahmequellen wie das Betteln oder Sammeln von Pfandflaschen schwinden. Und dann wäre da noch die medizinische Hilfe.

Klar, es gibt ein paar Anlaufstellen, bei denen sich Obdachlose melden und verarzten lassen können, aber eben zu wenige. Ein großer Teil ist dem Virus schutzlos ausgesetzt. Wir versuchen, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, doch auch unsere Arbeit hat sich verändert – zum Negativen.

watson-Reihe: Wie junge Menschen durch die Corona-Krise helfen
Seit Beginn der Pandemie stehen vor allem junge Leute häufig in der Kritik, sich nicht an die Corona-Maßnahmen zu halten. Deswegen gibt watson jungen Erwachsenen eine Stimme – und zeigt, wie sie helfen, die Corona-Zeit zu überstehen.

Teil 1:
Junge Pflegerin: "Merkel scheint alle jungen Leute in eine Schublade zu stecken"

Teil 2: Junge Klinikmitarbeiterin: "Wenn ich Corona-Leugner sehe, denke ich an meine Patienten"

Teil 3: Junge Lehrerin über Corona: "Manche Leute haben Angst, sich mit mir zu treffen"

Teil 4: Erzieherin über die jüngsten Kita-Kinder: "Als sie anfingen, ihre Umwelt aktiv wahrzunehmen, kam schon der erste Lockdown"

Viermal die Woche packen wir Kisten mit Kaffee, Essen, Hygieneartikeln und Kleidung, laden sie in einen Bus und verteilen das Ganze. Normalerweise haben wir das immer dreimal die Woche gemacht. Seit Corona haben wir das um einen Tag aufgestockt. Vorher gab es kein festes Team, die Helfer und Helferinnen kamen und gingen. Derzeit müssen wir aber schauen, dass wir nicht zu viele Neue aufnehmen. Sonst wird das mit der Koordination, beispielsweise den Abstandsregeln, zu schwierig. Das Risiko eines Corona-Falls würde außerdem zu hoch.

"Gespräche sind möglich, aber auch nur auf Abstand und meist nur kurz angebunden. Das schmerzt."

Wenig Interaktion

Schließlich müssen wir im Team wahnsinnig aufpassen. Ein, zwei Infektionsfälle – und unsere Einrichtung müsste schließen. Wäre das der Fall, müssten über hundert Gäste hungern. Das sorgt für Druck. Tag für Tag schauen wir, dass nichts passiert. Dadurch können wir aber nicht mehr großartig Kontakt zu den Gästen aufnehmen. Klar, Gespräche sind möglich, aber auch nur auf Abstand und meist nur kurz angebunden. Das schmerzt.

Und dann wäre da noch das Problem mit den Schnelltests. Grundsätzlich ein Fortschritt und eine sehr gute Sache. Die Gäste müssen sich, nach einem ganzen Tag in der Kälte und mit Hunger, testen lassen, bevor sie in eine Notunterkunft können. Und ja, das ist wichtig, aber teilweise schwer zu stemmen. Denn dadurch sammeln sich die Menschen vor den Türen, das bedeutet längere Wartezeiten, was wiederum Ungeduld und Aggressionen fördert.

Mehr Unterkünfte könnten dem entgegenwirken. Die fehlen aber. Gerade in Berlin liegt die Obdachlosenzahl deutlich über den Schätzungen und über den Hilfsangeboten. Die Mittel, ihnen zu helfen, Unterschlupf zu bieten, sind schlicht zu wenig. Mehr Unterstützung, etwa vonseiten der Regierung, wäre schön. Eine angemessene Gesundheitsversorgung wäre auch ein Fortschritt. Nicht nur Wohnen ist ein Menschenrecht.

"Es heißt ja 'Stay Home, Stay Safe', aber ohne Home ist das schwierig."

Was helfen könnte

Die Menschen brauchen einen Rückzugsort. Ja, es heißt "Stay Home, Stay Safe", aber ohne Home ist das schwierig. Den einzigen Schutz bieten Orte auf Zeit, da man sie am frühen Morgen wieder verlassen muss. Dabei wäre es nüchtern betrachtet ganz einfach: In Berlin gibt es so viele leerstehende Häuser.

Es wäre eine Überlegung wert, wenn sich Obdachlose dorthin während der Corona-Pandemie zurückziehen können. Doch bisher dürfen sie das nicht. Leerstehende Häuser und davor schlafen Menschen auf der Straße. Dazu in der Kälte und während einer Pandemie. Irgendwie paradox.

Protokoll: Tim Kröplin

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