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Berufs-Weihnachtsmann Willi Dahmen (l.) und sein Engel. Bild: Willi Dahmen

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Was sich ein Berufs-Weihnachtsmann im Corona-Jahr wünscht: "Dass die Scheiße bald vorbei ist"

Wer Willi Dahmen anruft, hört gleich, wie ernst er seinen Job nimmt: "Hier ist der Weihnachtsmann", sagt er mit tiefer Stimme langsam in den Hörer – und das möchte man ihm allzu gerne glauben.

Dahmen, 68, wohnt in Celle bei Hannover und ist eigentlich gelernter Krankenpfleger, musste seinen Job allerdings aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und ist in den öffentlichen Dienst gegangen. Seine wahre Berufung ist allerdings eine andere: Seit über 30 Jahren arbeitet er als Weihnachtsmann, besucht Familien, Kindergärten und Altenheime, tritt in Einkaufszentren auf und beschenkt manchmal über 1000 Kinder an einem Tag. Erst vor Kurzem habe er für ein Betten- und Matratzengeschäft als Weihnachtsmann acht Werbespots gedreht, erzählt Dahmen: "Ich bin richtig aufgeblüht." Vor allem aber war er froh, wieder in sein Kostüm zu schlüpfen und rauszukommen. Denn allzu viele Auftritte als Weihnachtsmann wird Dahmen dieses Jahr nicht haben – zumindest nicht persönlich.

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Stundenlang stehen die Leute üblicherweise Schlange, um Dahmen zu treffen, hier in einem Einkaufszentrum. Das geht dieses Jahr nicht. Bild: Willi Dahmen

Dahmen ist Weihnachtsmann durch und durch

Seit dem 16. Dezember befindet sich Deutschland wegen des Coronavirus wieder im harten Lockdown: Schulen und Kitas mussten schließen oder setzen auf Fernunterricht, Kontakte müssen beschränkt werden – verheerend für einen Mann wie Dahmen, der vom Zusammenkommen während der Weihnachtszeit lebt, von Besuchen in Kindergärten und Pflegeheimen, vom gemeinsamen Singen. "Es fehlt mir, in die Kitas und Altenheime zu gehen", sagt Dahmen. "Das ist es, was mir richtig Spaß macht. Ich bin ja Weihnachtsmann durch und durch."

"Als Weihnachtsmann ist man auch Pädagoge und Psychologe."

Dahmen ist Teil eines Netzwerks aus 67 Weihnachtsmännern deutschlandweit, auf seiner Website findet man ihn und seine Kollegen, eingeteilt in "mit Echtbart" und "mit Kunstbart". Er bildet sogar europaweit Weihnachtsmänner aus, anhand des Weihnachtsmann-Ehrenkodex. Besonders wichtig sei laut Dahmen das richtige Kostüm, eine ruhige Ausstrahlung sowie die Fähigkeit, sich auf die Familien einzustellen. "Als Weihnachtsmann ist man auch Pädagoge und Psychologe", sagt Dahmen. Manche Familien betreut er schon seit über 20 Jahren, obwohl die Kinder schon erwachsen sind und bereits studiert haben, bestehen sie auf seinen alljährlichen Besuch. Nur dieses Jahr wird Dahmen nicht persönlich anwesend sein können.

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Weihnachtsmann "mit Echtbart": So präsentiert sich Willi Dahmen auf seiner Website. Bild: Willi Dahmen

Der Weihnachtsmann kommt auch im Corona-Jahr: per Video-Call

Stattdessen setzt er auf Skype und Whatsapp: Per Videokonferenz können Familien Dahmen dieses Mal ins Wohnzimmer schalten. "Das wird so sein, als wäre ich persönlich da", sagt Dahmen. Er bekommt dann, wie üblich, im Vorhinein eine Liste mit den guten und schlechten Eigenschaften der Familienmitglieder, die er besucht – als Vorlage für sein Gespräch. Für das richtige Video-Weihnachts-Feeling hat er eigens eine festliche Kulisse gebaut. Darauf zu sehen sind geschmückten Christbäume, Geschenkpakete und Lichter. Vor einem Kamin sitzend wird der Weihnachtsmann also dieses Jahr in die Kamera schauen und die Menschen digital bescheren.

Weihnachtsmann Willi Dahmen kündigt seinen Video-Besuch an:

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Video: YouTube/Willi Dahmen

"Wenn ich bedenke, dass ich Heiligabend hier sitze und die Leute nicht persönlich sehen kann, dann tut das in der Seele weh."

Eine langfristige Lösung ist das für Dahmen allerdings nicht. Nächstes Jahr, wenn die Pandemie hoffentlich im Griff ist, will er die Menschen unbedingt wieder vor Ort besuchen. "Wenn ich bedenke, dass ich Heiligabend hier sitze und die Leute nicht persönlich sehen kann, dann tut das in der Seele weh", gibt er zu. Sicherheit geht während der Corona-Krise allerdings vor, das Risiko, jemanden anzustecken, gehen weder er noch seine Mitstreiter ein. "Das ist mit einfach zu gefährlich", sagt Dahmen. "Ich könnte angesteckt werden und das Virus auch weitertragen. Es wäre fatal, wenn ich am Ende höre: 'Der Weihnachtsmann hat Opa mit Corona angesteckt.'"

Was sich Dahmen zu Weihnachten wünscht

Obwohl Weihnachten dieses Jahr nur unter den größten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet, lässt Dahmen allerdings den Kopf nicht hängen: Heiligabend und die Weihnachtsfeiertage ist er, der allein lebt, bereits komplett für Skype- und Whatsapp-Video-Calls ausgebucht. "Und dann mache ich mir etwas zu Essen warm, lege die Füße hoch und genieße die Feiertage", so Dahmen.

Auf die Frage, was der Weihnachtsmann, sich nun zu Weihnachten wünsche, antwortet er trocken: "Auf gut Deutsch? Dass die Scheiße bald vorbei ist." Dann lacht er sein tiefes Weihnachtsmann-Lachen – und an dieser Stelle können wir ihm wohl nur zustimmen.

Die liebste Weihnachtsgeschichte vom Weihnachtsmann

Watson hat Berufs-Weihnachtsmann Willi Dahmen nach seiner liebsten Weihnachtsgeschichte gefragt – und hier ist sie:

"Vor ein paar Jahren rief mich eine Frau weinend an: Ihr sei der Weihnachtsmann, den sie gebucht habe, abgesprungen. Sie habe fünf Kinder, eines davon mit Behinderung, und sie haben lange Zeit auf den Besuch gespart. Ob ich nicht einspringen könne.

Ich war eigentlich schon voll ausgebucht, versprach aber, zu kommen, sobald ich konnte, weil die Frau mir so leid tat. Als ich schließlich bei der Familie ankam und nach den Geschenken für die Kinder schaute, die die Mutter im Kofferraum ihres Autos versteckt hatte, fand ich nur eine kleine Tüte mit Weihnachtssachen und ein Spielzeugauto – für fünf Kinder!

Für solche Gelegenheiten habe ich immer Ersatz-Geschenke dabei, Stoff-Rentiere und Teddybären zum Beispiel. Ich nahm also meinen prall gefüllten Sack, machte mich zu den Kindern auf – und wurde stürmisch begrüßt: 'Der Weihnachtsmann! Der Weihnachtsmann!' Die Freude war riesig.

Die Mutter fragte mich dann, ob die Kinder mir etwas vorspielen dürften, sie hätten extra Lieder für mich einstudiert – einer auf der Flöte, der andere auf der Gitarre, ein Kind spielte auf einem alten Keyboard. Ich war wirklich zu Tränen gerührt.

An diesem Abend machte ich meinen gesamten Geschenke-Sack bei der Familie leer, ließ alle Stofftiere und Süßigkeiten da und verabschiedete mich hastig. Eine Gebühr für diesen Besuch nahm ich natürlich nicht. Das war ein Erlebnis, so etwas vergisst man nicht."

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