Leben
A view of high school students sitting at desks in a classroom with protective masks

Auch in Mecklenburg-Vorpommern sollen Schüler nun Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie im Schulgebäude oder auf dem Schulhof unterwegs sind. (Symbolbild) Bild: E+ / Nenad Stojnev

watson-Story

Corona-Schulstart: Das ärgert eine Schülerin in Mecklenburg-Vorpommern

Der erste Schultag nach den Ferien ist aufregend genug. Noch aufregender wird es wohl nur, wenn es sich um den ersten Schultag nach einem weltweiten, pandemisch-begründeten Lockdown handelt. In Mecklenburg-Vorpommern war es gestern so weit: In festen Bezugsgruppen konnten die Schüler dort wieder zum Regelbetrieb in die Schulgebäude kommen und viele freuten sich darauf, wieder eine Tafel statt des ewig gleichen Laptops anstarren zu können.

Doch schon jetzt kommen auch Bedenken auf. Was wird eigentlich gegen die vollen Schulbusse getan? Und wie sollen all die wegen Corona freigestellten Lehrer ersetzt werden? Auf Antworten darauf warten die Schüler noch, erzählt uns Theresia Crone im Gespräch mit watson. Die Abiturientin ist 17 Jahre alt, sitzt im Landesschülerrat und sagt:

"Es ist gerade erst ein Tag vergangen, aber wir erleben schon gemischte Reaktionen. Zum Teil war der Start an den Schulen sehr chaotisch."

Hygienepläne sind noch lückenhaft

Um mögliche Infektionsketten schnell nachvollziehen zu können, hat sich Mecklenburg-Vorpommern entschieden, feste Bezugsgruppen an den Schulen zu bilden, sodass nicht alle Schüler querbeet miteinander in Kontakt kommen. So löblich diese Idee ist, so fehlerhaft sei die Umsetzung jedoch bislang, erklärt Theresia.

"Der Schulweg ist nicht im Hygienekonzept berücksichtigt. Die Bezugsgruppen werden weder in den Schulbussen noch in den öffentlichen Verkehrsmitteln aufrechterhalten. Da hocken wir wieder dicht an dicht nebeneinander", sagt sie. "Wir würden uns wünschen, dass da weiter gedacht wird."
Die Schüler wären zwar nicht panisch, aber es gäbe hier und da schon "Angst vor einer zweiten Welle", erzählt Theresia. Weiterhin sagt sie:

"Niemand will sich in der Schule anstecken und dann als Träger das Virus an die Großeltern weiterreichen."

Die nun angekündigte Maskenpflicht wird von den Schülern begrüßt, solange sie (wie derzeit geplant) nur auf den Fluren und dem Schulhof gilt. "Eine Maske im Klassenraum zu tragen, wäre für uns nicht akzeptabel. Vor den Sommerferien habe ich das ja selbst erlebt und sechs Stunden im Unterricht zu sitzen und unter der Maske zu atmen ist schrecklich."

Was eigentlich mit Schülern passiert, die mit Covid-19-Symptomen in den Unterricht kämen, ist noch unklar, erzählt uns Theresia. "Es wäre schon gut, wenn es dazu mal langsam klare Regeln gäbe. Worauf wir aber wirklich mit Sorge schauen, ist der Umgang mit Schülern aus Risikogruppen. Menschen mit beispielsweise Asthma und Diabetes in einen Raum mit 20 Schülern zu stecken, ist grob fahrlässig", sagt sie. Theoretisch können die weiter im Homeschooling bleiben. "Wie schlecht das klappt, haben wir ja aber leider inzwischen alle gesehen. Es muss echte Schuloptionen für diese Kinder geben, damit sie nicht benachteiligt werden."

Stoff aus dem Lockdown muss aufgeholt werden

Was Theresia meint: Das Homeschooling während des Lockdowns ging ziemlich nach hinten los, was eine Umfrage der Landesschülervertretung und des Landeselternrats unter fast 19.000 Schülern in Mecklenburg-Vorpommern ergab. 15 Prozent der Schüler hatten demnach nur bedingt Zugriff auf digitale Unterrichtsinhalte. "Viele hatten einfach nicht ausreichend Geräte, um teilzunehmen", sagt Theresia. Die Lernplattformen hätten außerdem bei 27 Prozent der Schüler nicht einwandfrei funktioniert. "Die Digitalisierung wurde an den Schulen verschlafen", sagt sie. "Viele der Lehrer waren zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Videokonferenz und sollten dann so unterrichten. Die bekamen die Technik einfach nicht in den Griff und wussten auch nicht, wie sie ihren Stoff digital vermitteln sollen."

Doch nicht nur die Lehrer, auch die Schüler waren überfordert. "Vielen Mitschülern fiel es total schwer, sich selbst zu organisieren oder eigenständig Aufgaben zu lösen." Kein Wunder, schließlich wäre in der Vergangenheit vor allem "Bulimie-Lernen" angesagt gewesen, so Theresia: Viel Wissen reinstopfen, zur Klausur im Schwall erbrechen und trotzdem bleibt nichts hängen. "Selbstständiges, konstantes Lernen sollte als Kernkompetenz stärker gelehrt werden." Das Homeschooling habe besonders sozial schwache Schüler benachteiligt. Doch alle hätten jetzt viel Unterrichtsstoff nachzuholen, weiß Theresia. "Wenn das überhaupt noch möglich ist..."

Es fehlen noch mehr Lehrer als sonst

Denn: Seit Corona fehlen noch mehr Lehrkräfte als üblich. "Wir haben schon vor der Pandemie 400 unbesetzte Stellen im Bundesland gehabt. 3500 der arbeitenden Lehrer fallen allein des Alters wegen in die Risikogruppe und etwa 400 von ihnen haben sich schon vom Unterricht freistellen lassen, werden also zumindest im Klassenraum nicht verfügbar sein", sagt Theresia und schlussfolgert:

"Es wird also definitiv einen Lehrermangel bei uns geben, noch mehr als es vor Corona schon der Fall war."

Das hat Konsequenzen, unter anderem auch auf die Gruppenstärke der Lerngruppen. "Diese sogenannten Bezugsgruppen sind gar nicht so klein, wie man meint. Wir reden von zwei Jahrgängen, die untereinander Kontakt haben dürfen. Im Prinzip wurde das auch gemacht, weil alle wissen: Es sind nicht genug Lehrer da, um feste Gruppen zu unterrichten. Es wird aufgrund des Lehrermangels ein wenig hin und her geschoben werden müssen." Sie könnte sich für dieses Problem eine Lösung wie in Bayern vorstellen, wo behelfsmäßig Lehrer angestellt werden, die zwar keine ausgebildeten Pädagogen sind, aber fachliches Wissen haben.

"Um die Corona-Zeit aufzufangen, wären Bildungsgutscheine hilfreich, mit denen Schüler kostenlos Nachhilfeunterricht in Anspruch nehmen können", schlägt sie außerdem vor. Sie weiß, dass viele ihrer Mitschüler sich große Sorgen um ihre Noten machen. "Vor allem die Abiturienten, aber auch die Schüler kurz vor der mittleren Reifeprüfung fürchten, dass sie zu viel verpasst haben und sich das in ihrem Abschluss niederschlägt." Auch sie lesen Nachrichten und bekommen mit, dass es der Wirtschaft nicht gut geht, Jobs und Lehrstellen in den nächsten Jahren rar sein könnten. "Das ist schon alles beunruhigend", sagt Theresia, die froh ist, ihren Studienplatz schon sicher zu haben: Ab Oktober wird sie französisch-deutsches Recht in Köln und Paris studieren.

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