Hier wird der Abiturjahrgang an der IGS in Oyten unterrichtet.
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Bild: www.imago-images.de / Björn Hake
watson-Story

"In der Zwickmühle": So empfinden Schüler die Rückkehr zum Präsenzunterricht

23.02.2021, 17:3723.02.2021, 20:34

Nach einem wochenlangen Lockdown hieß es für viele Schüler in Deutschland am Montag zum ersten Mal wieder: ab in die Schule! In vielen Bundesländern durften die Grundschüler und auch die Abschlussklassen zurück in den Präsenzunterricht – und das, obwohl die Infektionszahlen nicht so stark gesunken waren, wie es die Regierenden in Bund und Ländern ursprünglich angestrebt hatten.

Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Freuen sich die Schüler, dass das ewige Homeschooling ein Ende hat oder betreten sie die Klassenräume mit Sorge? Und wie sehen das die Eltern? Watson fragte bei einigen von ihnen nach.

Aus der Sicht der Schüler

Jochen aus Schleswig-Holstein hat im Präsenzunterricht "ein mulmiges Gefühl"

Jochen Harder ist 18 Jahre alt und im zweiten Jahr der gymnasialen Oberstufe (Q2). Er ist Mitglied der Landesschülervertretung der Gymnasien in Schleswig-Holstein.

"An meiner Schule ist der Q2-Jahrgang schon länger in Präsenz und wir Schüler haben gemischte Erfahrungen gemacht. Meist sind diese positiv, aber Probleme, insbesondere durch mangelnde Technik, treten oft in den Schulen auf. Der Präsenzunterricht wird dadurch ineffektiv, zum Beispiel wenn Lehrkräfte in zwei Räumen gleichzeitig unterrichten müssen. Ein strukturierter Online-Unterricht ist meistens auch gut, wird durch technische Probleme jedoch häufig stark behindert. Daher ist es besonders für den Abiturjahrgang erfreulich, in Vorbereitung auf die bevorstehenden Prüfungen, auch wieder Präsenzunterricht zu erhalten.

Bei uns sind die Klassen jetzt geteilt, in den Räumen hängen Messgeräte, an den Ein- und Ausgängen haben wir Desinfektionsmittelspender und ein Einbahnstraßensystem in der gesamten Schule. Ebenso gelten die allgemein üblichen Regeln wie regelmäßiges Lüften, Abstand halten von 1,5 Meter und eine medizinische Maskenpflicht.

"Bei uns sind die Klassen jetzt geteilt, in den Räumen hängen Messgeräte, an den Ein- und Ausgängen haben wir Desinfektionsmittelspender und ein Einbahnstraßensystem in der gesamten Schule."
Jochen (18)

Ich habe zwar schon ein mulmiges Gefühl im Präsenzunterricht, da die Infektionszahlen immer noch ähnlich hoch sind wie im vergangenen Lockdown, aber die Schüler halten sich durchweg gut an die vorhandenen Hygienekonzepte. So sind wir gut geschützt. Jedoch ist die digitale Ausstattung der Schulen ausbaufähig und die zur Verfügung stehenden Konferenztools sind häufig überlastet und wenig praktikabel. Ebenso haben viele Schüler in den Abschlussjahrgängen hohe Arbeitslasten, die durch die Sars-Cov-2-Pandemie und zusätzlichen Nachholbedarf wegen der Lockdowns noch größer als üblich sind."

"Man steckt in der Zwickmühle" berichtet Joanna aus Sachsen

Joanna Kesicka ist 19 Jahre alt und besucht die Jahrgangsstufe 12 an einem allgemeinbildenden Gymnasium in Löbau. Sie ist Vorsitzende des LandesSchülerRates in Sachsen.

"Wir Abschlussklassen und auch die Vorabschlussklassen der Gymnasien gehen bereits seit Mitte Januar wieder in den Präsenzunterricht, was auch wichtig und richtig ist. Natürlich steckt man dennoch in der Zwickmühle, denn man erlebt die Nachteile des Online-Lernens jeden Tag, macht sich aber gleichzeitig Sorgen über das mögliche Ansteckungsrisiko im Schulunterricht und auf dem Hin- und Rückweg.

"Wir Abschlussklassen und auch die Vorabschlussklassen der Gymnasien gehen bereits seit Mitte Januar wieder in den Präsenzunterricht, was auch wichtig und richtig ist."
Joanna (19)

Online-Unterricht ersetzt jedoch definitiv keinen Präsenzunterricht, deswegen ist die Rückkehr zum Präsenzunterricht ein richtiger Schritt. Damit wir aber auch sicher in den Präsenzunterricht zurückkehren können, um qualitativ unseren Bildungsweg fortzusetzen, braucht es hinreichende Hygienekonzepte, eine regelmäßige Teststrategie, Entzerrung des Schülerverkehrs, Bereitstellung von kostenlosen Masken an die Schülerinnen und Schüler und einen konkreten Stufenplan für die weiteren Klassenstufen."

Eric aus Rheinland-Pfalz weiß schon gar nicht mehr, "wie es in der Schule war"

Eric Grabkowski ist 16 Jahre alt und sitzt im Vorstand der Landesschüler*innenvertretung Rheinland-Pfalz. Er besucht die zehnte Klasse einer integrierten Gesamtschule.

"Seit dem 16. Dezember bin ich schon zu Hause und mache nur Homeschooling. Es ist langsam schon schwierig, sich daran zurückzuerinnern, wie es in der Schule war. Im Gegensatz zu den Oberstufenschülern der meisten anderen Bundesländer darf ich auch jetzt noch nicht zurück in den Präsenzunterricht, nur die Grundschüler sind vor Ort.

Wir Abschlussklassen wissen noch gar nicht, wie es weitergeht und ganz salopp gesagt ist das für uns echt Mist. Denn oft genug scheitert der Digital-Unterricht an Server-Problemen oder das System ist so überlastet, dass man nicht mal Videokonferenzen hinkriegt. Das demotiviert und ist auch deshalb ärgerlich, weil einige Lehrer reine Mitarbeitsnoten verteilen, also schauen, wann man ihre Nachrichten gelesen hat. Wenn das Internet nicht funktioniert, kriegt man dann schon mal eine schlechte Note. Gerade für Abschlussklassen und Schüler, die eigentlich stark im Mündlichen sind, ist das ewige Homeschooling ein Problem auf dem Weg zum Abitur.

"Mein Vater hat einen Riss in der Aorta und wäre durch eine Corona-Infektion in Lebensgefahr, daher ist mir das Risiko dieses Virus sehr bewusst."
Eric (16)

Andererseits sollte man die Öffnung nicht überstürzen und wenn es dann so weit ist, nur mit einem Wechselbetrieb starten, so dass nicht alle im Schulbus und in Klassenzimmern aufeinander hocken. Mein Vater hat einen Riss in der Aorta und wäre durch eine Corona-Infektion in Lebensgefahr, daher ist mir das Risiko dieses Virus sehr bewusst. Ein konkretes Öffnungs-Datum zu haben, wäre zwar schöner als diese Ungewissheit, aber letztlich müssen die Politiker das Infektionsgeschehen im Auge behalten und vernünftig abwägen – gerade jetzt, wo die Mutationen unterwegs sind, ist die Entscheidung wirklich schwierig.

Dass zumindest die Grundschüler zurückdürfen, finde ich aber gut. Die brauchen ihre Schulkameraden noch viel mehr als wir. Mein Neffe ist in der zweiten Klasse und dem haben seine Mitschüler in den letzten zwölf Wochen tierisch gefehlt. Der hat sich sehr gefreut, dass es für ihn wieder losgeht. Auch in meinem Alter kenne ich einige, die im Lockdown Depressionen bekommen haben und denen das sehr zusetzt. Für diese Jugendlichen gibt es keine Anlaufstellen oder Beratungen seitens der Schule, da muss auf jeden Fall mehr kommen."

Und so sieht das eine Mutter

Sandra S. ist 36 Jahre alt und Mutter einer Drittklässlerin in Nordrhein-Westfalen. Die Grundschülerin muss seit Montag wieder in den Präsenzunterricht.

"Die Schulklasse meiner Tochter wurde in zwei Gruppen aufgeteilt und wird nun im Tageswechsel im Präsenzunterricht beschult, an den anderen Tagen ist Homeschooling angesagt. Wir haben dazu gemischte Gefühle, weil wir einerseits stark an unsere Grenzen gestoßen sind – wir sind nun mal weder studierte Lehrer noch gleichaltrige Spielpartner. Andererseits haben wir Angst, dass die Schulen übereilt geöffnet wurden, da das Infektionsgeschehen, insbesondere mit Hinblick auf die Mutation, immer noch recht hoch ist und es keine Neuerungen in den Sicherheitskonzepten gibt.

Die Mehrheit der Familien wünscht sich natürlich eine Öffnung der Bildungseinrichtungen – aus guten und wichtigen Gründen, aber mit ein bisschen Lüften und Maskentragen ist das ja nichts Halbes und nichts Ganzes. Da braucht es meines Erachtens schon Konzepte, die beispielsweise mehr Testungen, kleinere Gruppen oder Lüftungssysteme ermöglichen. Unter den jetzigen Voraussetzungen rechnen wir bereits mit weiteren Schulschließungen.

"Ich wünschte, ich könnte mein Kind nach eigenem Ermessen von der Präsenzpflicht befreien."
Sandra (36)

Wir wissen, dass es viele Familien in den letzten Wochen nicht mehr so genau genommen haben mit den Kontaktbeschränkungen. Und das nun wieder schönere Wetter und das Gefühl von Lockerungen wird dieses Verhalten sicher noch begünstigen. Für uns ist es daher ein unkalkulierbares Risiko, unser Kind als einziges Familienmitglied außer Haus zu lassen. Ich wünschte, ich könnte mein Kind nach eigenem Ermessen von der Präsenzpflicht befreien. Denn so kann ich meiner Verantwortung für das gesundheitliche Wohl meines Kindes nicht gerecht werden."

Meinung

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