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Ernährung: Wie die "Planetary Health Diet" unsere Erde positiv verändern kann

Middle-age woman buying vegetables at the market
Weniger Fleisch und Zucker, mehr Obst und Gemüse: Die "Planetary Health Diet" wäre sowohl gut für die CO₂-Bilanz, als auch für unsere Gesundheit.Bild: iStockphoto / VLG
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"Einer der wichtigsten Hebel": Wie die "Planetary Health Diet" unsere Erde positiv verändern kann

09.09.2022, 12:11
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Unsere Welt wird maßgeblich davon geprägt, wie wir uns ernähren – das konnte eine neue Studie des Öko-Instituts, die von Greenpeace in Auftrag gegeben wurde, nun belegen. In der Studie wurde untersucht, welche Auswirkungen es auf die Landwirtschaft in Deutschland hätte, wenn sich die gesamte deutsche Bevölkerung nach dem Speiseplan der "Planetary Health Diet" ernähren würde.

Landwirtschaft, wie sie aktuell betrieben wird, könnte Greenpeace zufolge in naher Zukunft der Wirtschaftsbereich mit den höchsten Treibhausgasemissionen sein. Um dennoch bis 2045 treibhausgasneutral zu sein, ist den Forschenden zufolge eine Transformation des Ernährungssystems dringend notwendig.

"Die Änderung des Ernährungsverhaltens ist einer der wichtigsten Hebel, um der planetaren Krise etwas entgegenzusetzen."
Ernährungsmedizinerin Lisa Pörtner

"Planetary Health Diet" könnte Versorgung der Weltbevölkerung sichern

Einen Ausweg aus dem Dilemma sehen Wissenschaftler:innen in der "Planetary Health Diet": Sie gilt als Alternative zu unserer aktuellen Ernährungsweise und wurde 2019 von der Eat Lancet Kommission entwickelt. Mit ihr soll es möglich sein, bis 2050 eine steigende Weltbevölkerung zu versorgen und gleichzeitig unter der planetaren Belastungsgrenze zu bleiben, also den CO₂-Fußabdruck der Landwirtschaft enorm zu verringern.

Planetary Health Diet
Die Diät sieht vor, den Konsum von Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen in etwa zu verdoppeln und den Verzehr von Fleisch und Zucker hingegen zu halbieren. Wenn eine Mehrheit aller Menschen diese Ernährungsweise übernehmen würde, wäre es machbar, bis zum Jahr 2050 etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde gesund zu ernähren, ohne den Planeten zu zerstören.

"Die Änderung des Ernährungsverhaltens ist tatsächlich einer der wichtigsten Hebel, um der planetaren Krise, in der wir uns befinden, etwas entgegenzusetzen", antwortet Lisa Pörtner, Fachärztin für Innere Medizin und Ernährungsmedizin, auf Anfrage von watson.

"Die Produktion unserer Lebensmittel ist verantwortlich für fast ein Drittel aller menschengemachten Treibhausgasemissionen, einen Großteil der Entwaldung und maßgeblicher Treiber des Artensterbens", ergänzt sie. Der Wechsel zu einer stark pflanzenbasierten Ernährung im Sinne der "Planetary Health Diet" ist ihr zufolge unerlässlich, um globale Umweltziele wie das Pariser Klimaabkommen einzuhalten.

Dr. med. Lisa Pörtner ist Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin und Geriatrie. Neben ihrer langjährigen klinischen Tätigkeit engagiert sie sich seit Jahren in der Klima ...
Lisa Pörtner ist Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin und Geriatrie. Bild: Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit

Neue Ernährungsweise könnte ein deutliches CO₂-Einsparpotenzial erwirken

Würde ein Großteil der Menschen die Ernährungsweise in ihrem Alltag befolgen, würde allem voran der Konsum tierischer Lebensmittel stark zurückgehen. Mit großen klimapositiven Folgen: Ganze 80 Prozent der landwirtschaftlich bedingten Emissionen könnten durch diese Umstellung wegfallen.

Damit würden plötzlich bis zu 40 Prozent der aktuell in Deutschland genutzten landwirtschaftlichen Flächen für anderweitige Nutzung frei. Genauer: Ganze 4,6 Millionen Hektar Ackerfläche und 1,6 Millionen Hektar Grünfläche. Bislang werden diese für die Erzeugung von Futtermitteln und Bioenergie genutzt.

Maisernte - Silomaisernte Silomais wird gehäckselt und als als Viehfutter siliert Münster Deutschland Copyright: xx
Viele Felder werden für den Anbau von Tierfutter benötig – stattdessen könnte anderes Gemüse angebaut werden.Bild: www.imago-images.de / imago images

Bei einer Ernährungsumstellung könnte auf diesen Flächen statt Futtermitteln Getreide, Obst und Gemüse angebaut werden, wodurch weitere 70 Millionen Menschen versorgt werden könnten. Für den Fall, dass bestimmte Flächen nicht für den Pflanzenanbau geeignet sind, könnten diese aufgeforstet werden und so für die Einsparung weiterer 20,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente sorgen.

Gemüseanbau, Moor und Aufforstung statt Fläche für Fleisch und Zucker

So oder so: Eine Ernährung nach der "Planetary Health Diet" könnte insgesamt den Klimafußabdruck der Landwirtschaft in Deutschland auf 23 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente reduzieren.

Aktuell liegen die Emissionen aus der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Nutzung von Moorstandorten bei rund 95 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Allein 81 Millionen Tonnen davon werden dabei durch die Ernährung ausgestoßen.

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Das wieder vernässte Tensfeldermoor in Schleswig-Holstein kann viel CO2 binden.Bild: www.imago-images.de / imago images

Ein weiterer Lösungsvorschlag aus der Studie: Um die CO₂-Menge zu verringern, müssten zusätzlich zur Reduktion der Tierhaltung auch Moore wieder vernässt werden. Mit Beginn der Ukrainekrise hatte der Deutsche Bauernverband allerdings verstärkt darauf gepocht, weitere Moorflächen für die landwirtschaftliche Nutzung freizugeben, um darauf Getreide anzubauen.

Das wiederum würde eine erhöhte Menge an CO₂ -Emissionen freisetzen, die beim Umpflügen der Flächen zum Ackerbau austreten.

Doch wie gesund ist die Ernährungsumstellung?

Aus ernährungsmedizinischer Perspektive stellt Pörtner klar:

"Eine stark pflanzenbasierte Ernährung wird weltweit von allen Fachgesellschaften empfohlen, denn sie ist gesundheitsförderlich und beugt vielen Erkrankungen vor."

Dabei komme es vor allem darauf an, sich abwechslungsreich zu ernähren: "Die Planetary Health Diet kann flexitarisch (mit wenig Fleisch), vegetarisch (ohne Fleisch, aber mit Milchprodukten und Eiern) oder rein vegan umgesetzt werden", antwortet sie auf Nachfrage von watson.

Planetary Health Diet der EAT-Lancet-Kommission
Der Speiseplan der "Planetary Health Diet" umfasst wenig tierische Proteine, aber doppelt so viel Gemüse und Obst.Bild: EAT-Lancet-Kommission

"Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass auch Pflanzen Proteine enthalten, dabei decken die Menschen im weltweiten Durchschnitt den Großteil (nämlich fast zwei Drittel) ihres Proteinbedarfs aus pflanzlichen Lebensmitteln", ordnet Pörtner ein.

Insbesondere Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen seien hervorragende Proteinlieferanten, weshalb ihr Verzehr nach den Empfehlungen der "Planetary Health Diet" deutlich gesteigert werden sollte. Auch beinhalten sie Calcium und Eisen.

Pörtner ergänzt:

"Studien zeigen, dass eine ausreichende Proteinversorgung selbst bei einer rein pflanzlichen (veganen) Ernährung gut möglich ist. Dies zeigt sich auch anhand der steigenden Anzahl an Leistungssportlern, die sich vegan ernähren."

Auch "Pseudogetreide" wie Hirse oder Amaranth seien gute Eisenlieferanten. "Grünes Blattgemüse und Brokkoli tragen zur Calciumversorgung bei und sind darüber hinaus extrem gesund", erläutert die Ernährungsmedizinerin.

Bei einer rein pflanzlichen Ernährung könne man zudem auf mit Calcium angereicherte Pflanzenmilch oder calciumhaltiges Mineralwasser zurückgreifen. Nur B12 sei eine Ausnahme, wie Pörtner erklärt: "Bei der veganen und häufig auch bei der vegetarischen Ernährung muss Vitamin B12 substituiert werden, da dieses in pflanzlichen Lebensmitteln nicht enthalten ist."

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