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Die Hitzewelle mit Temperaturen von fast 50 Grad entfacht in Kanada riesige Feuerwalzen. Bild: Moment RF / Davin G Photography

"Das ist genau die Richtung, in die das Klima sich weltweit entwickeln wird": Meteorologe zu Hitzewelle mit Hunderten Toten in Kanada

49,6 Grad wurden im kanadischen Ort Lytton jüngst gemessen: Eine Hitzewelle von bisher unvorstellbaren Ausmaßen überrollt Nordamerika momentan, die Extremtemperaturen forderten bereits 486 Menschenleben in Kanada.

Der 300-Seelen-Ort Lytton musste nach tagelang anhaltender Rekordhitze nun evakuiert werden: "Es ist schrecklich. Die ganze Stadt steht in Flammen", sagte Bürgermeister Jan Polderman dem TV-Sender CBC.

Die Hitzewelle im Westen Kanadas hat nach Angaben der Behörden bereits zu Hunderten Todesfällen beigetragen. Von Freitag bis Mittwoch waren in British Columbia 486 plötzliche und unerwartete Todesfälle gemeldet worden, hatte die Gerichtsmedizin der Westküsten-Provinz mitgeteilt. Diese Zahl werde vermutlich noch steigen. Sie liege 195 Prozent über dem üblichen Durchschnitt eines vergleichbaren Zeitraums. Die Behörde ging davon aus, dass der starke Anstieg mit der extremen Hitze zusammenhängt. Auch im Westen der USA wurden in den vergangenen Tagen Rekordtemperaturen gemessen.

Was hat es mit den Extremtemperaturen auf sich? Wie hängen sie mit dem Klimawandel zusammen? Und was lässt sich gegen extreme Hitze tun? Darüber sprach watson mit den Wetter-Experten Andreas Friedrich und Jens Bonewitz vom Deutschen Wetterdienst.

Klimakrise und Hitzewellen hängen zusammen

Natürlich könne man nicht eines oder mehrere Extremwetter sofort nur dem Klimawandel zuordnen. "Aber das ist genau die Richtung, in die das Klima sich weltweit entwickeln wird", sagt Andreas Friedrich. Meteorologe Jens Bonewitz führt weiter aus: Grund für die Entwicklung sei, "dass sich gerade in den Sommermonaten der Jet-Stream, ein Starkwindband, abschwächt, was wiederum auf den geringeren Temperaturunterschied zwischen niedrigen und hohen Breiten zurückzuführen ist". Die hohen Breiten erwärmten sich aufgrund der Klimakrise ungleich schneller. "Zudem verlagern sich diese langen Wellen des gewundenen Starkwindbandes aus physikalischen Gründen langsamer ostwärts."

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Die Landschaft in Kanada ist voller leicht entflammbarer Wälder. Bild: Moment RF / Nick Fitzhardinge

Das heißt, die Temperaturen auf der Erde steigen und sind schon angestiegen – in Deutschland um 1,6 Grad seit 1881. "Da ist es plausibel, dass wir immer wieder neue Hitzerekorde erleben, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Hitzewellen sind ein klarer Trend, den wir jetzt schon anhand der Daten erkennen", sagt Friedrichs. In Deutschland hätten die Zahl der heißen Tage über 30 Grad deutlich zugenommen in den letzten 30 Jahren. "Das sind alles Indizien, dass die Klimaerwärmung schon Auswirkungen auf unser Wetter genommen hat."

"In einem wärmeren Klima werden sich solche Extreme häufen – das ist die Botschaft, die wir daraus lernen müssen."

Hitzewellen in Zukunft häufiger

In Kanada komme gerade alles zusammen: Luftströmungen aus südlichen Breiten und viel Sonnenschein, sodass sich die Erdatmosphäre aufwärme. "Einerseits hat sich dort ein relativ ortsfestes und kräftiges Hochdruckgebiet am Boden und in der Höhe gebildet. Andererseits ist der Jet-Stream in diesem Bereich derzeit stark mäandriert (kurvenreich, Anmerkung der Redaktion). Dadurch können heiße Luftmassen bis weit nach Norden vordringen", erklärt Bonewitz.

So seien Hitzerekorde in Regionen wie in der Antarktis, Russland oder nun eben auch Kanada ganz plausibel. "In einem wärmeren Klima werden sich solche Extreme häufen – das ist die Botschaft, die wir daraus lernen müssen. Es wird häufiger Ausschläge nach oben geben, die Temperaturspitzen werden häufiger, wir werden mehr Hitzerekorde und heiße Tage erleben. Darauf muss man sich einstellen und auch reagieren", sagt Friedrich.

In Deutschland stellte laut der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) die Stadt Duisburg im Jahr 2019 einen neuen Tagesrekord auf. Dort stieg die Temperatur auf 41,2 Grad. Und solche Temperaturen werden nicht die Ausnahme bleiben: Im Süden Deutschlands werden bis Ende des Jahrhunderts bis zu 30 Hitzeperioden pro Jahr prognostiziert.

"In einem wärmeren Klima werden sich solche Extreme häufen."

Hitzewarnsysteme sind unabdingbar

Um sich zu schützen, empfiehlt der Meteorologe Friedrich entsprechende Hitzewarnsysteme, wie sie der Deutsche Wetterdienst bereits seit 2003 aufbaut. So könne man Hitzewellen schon vorher erkennen und gefährdete Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen warnen. Als Abhilfe gegen die Hitze seien die typischen Wärmeschutzmaßnahmen am besten geeignet: viel Flüssigkeit, keine Sonnenstrahlung in die Räume lassen und nur nachts lüften.

(mit Material von dpa)

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