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Am 19. März wird wieder weltweit für mehr Klimaschutz gestreikt – wenn auch mit mehr Abstand. bild: Guenther Strauss

Fridays for Future ruft zum globalen Klimastreik auf: "Wenn die Klimakrise unbequemer wird als wir, ist es zu spät"

Antonia Messerschmitt, gastautorin

Am 19. März ruft Fridays for Future zum nächsten globalen Klimastreik auf. Unter dem Motto #AlleFür1Komma5 finden offline und online Aktionen statt, die Straßen sollen mit Sprühkreide beschrieben werden. Warum das unbedingt nötig ist, schreibt unsere Gastautorin von Fridays for Future hier.

Es ist März, die Sonne zeigt sich wieder öfter, die Bäume in den Wäldern leiden noch immer unter einer Trockenheit, die wir nicht wahrnehmen (wollen) und Fridays for Future plant einen weiteren globalen Großstreik. Und während draußen die Vögel zwitschern, sitze ich sorgenvoll vor meinem PC und klicke mich von einer Klimakatastrophennachricht zur nächsten.

Wo soll ich anfangen? Bei der Bundeswaldinventur, laut der nur noch jeder fünfte Baum in Deutschland ohne Schaden ist? Oder lieber bei den Bränden im brasilianischen Pantanal, dem größten Binnen-Feuchtgebiet der Welt? Vielleicht nehme ich eine nüchterne statistische Beobachtung: Das vergangene Jahr war das zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auf der "Warming Stripes"-Grafik wäre das ein verdammt dunkelroter Streifen.

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Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort, um zu zeigen: Wir können noch etwas gegen den Klimawandel tun – wenn wir jetzt handeln. null / watson

Von wegen Corona ist gut fürs Klima. Eher noch ist die menschengemachte Klima- und Umweltzerstörung gut für Corona und ähnliche Viren, von denen wir heute vielleicht noch gar nichts wissen. Unser ungebremstes Eingreifen in die Systeme unserer Erde hat das Potenzial, uns in Zukunft noch viel mehr Pandemien zu bescheren. Nach den Erfahrungen aus einem Jahr im pandemischen Ausnahmezustand ist das eine nicht gerade angenehme Vorstellung.

Die Coronapandemie zeigt uns aber nicht nur, dass wir unser Möglichstes tun sollten, um zukünftige Pandemien abzuwenden. Sie macht auch deutlich, wie groß die Veränderungen sein müssen, die zu ergreifen sind, wenn wir wirklich angemessen auf die Klimakrise reagieren wollen. Ein bisschen weniger Flug- und Reiseverkehr wie im vergangenen Jahr hatten keinen nennenswerten Einfluss auf den Anstieg des globalen Treibhausgas-Ausstoßes. Maßnahmen, die die nahende Katastrophe abschwächen sollen, müssen viel weiter gehen. Was wir brauchen, sind große Lösungen und systemische Veränderungen – so unbequem und angsteinflößend das klingt. Denn die Alternative, das "Nichtstun", ist in jedem Fall schlimmer.

Das Sterben hat bereits begonnen

Die erschreckende Wahrheit sieht leider so aus: Wenn wir uns nicht ändern, wird uns die Klimakrise verändern, und zwar ohne, dass wir dabei viel mitzureden haben. In einer Welt, die durchschnittlich vier Grad wärmer ist als unser Planet heute, wird das Leben um einiges schwieriger. Auf der anderen Seite der Erde werden ganze Inselstaaten untergehen. Die Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und die damit verbundenen Hungersnöte werden unzählige Menschen töten. Auch hier, im sich immer so sicher wähnenden, privilegierten und reichen Europa.

Denn andernorts hat das klimabedingte Sterben bereits begonnen. Die sogenannten MAPA, die "most affected People and Areas", kämpfen schon heute jeden Tag mit den tödlichen Folgen der Klimakrise. Wäre das ganze ein Actionfilm, wäre spätestens jetzt der Punkt erreicht, an dem die Protagonistinnen und Protagonisten erkennen, in welchem Schlamassel sie sich befinden. Und sie würden beginnen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um möglichst viele Menschen zu retten.

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Antonia Messerschmitt ist 21 Jahre alt, 2018 hat sie Fridays for Future in München mitinitiiert. Seitdem organisiert sie wöchentlich Aktionen, spricht auf Veranstaltungen und Podien. Dazu studiert sie seit Kurzem Forstwirtschaft. bild: Christian Willner Photography

In dieser leider sehr realen Klimakrise sind wir die Verursacher der Bedrohung und gleichzeitig die Einzigen, die sie noch halbwegs abwenden können. Und auch wir haben gerade jetzt die Möglichkeit, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um das Worst-Case-Szenario noch abzuwenden.

Hier in Deutschland steht uns dafür in diesem Jahr ein starkes Werkzeug zur Verfügung: Die Bundestagswahl. Wir entscheiden, wer die Weichen für die nächsten vier Jahre stellen darf. Vier Jahre, die für das Weltklima von immenser Bedeutung sind. Es sind die letzten Jahre, in denen wir eine komplett außer Kontrolle geratene Klimaerhitzung abwenden können. Das macht die Wahl im September zur Klimawahl schlechthin.

Wir müssen so viel Wirbel machen wie möglich

Das große Problem: Bisher hat keine der zur Wahl stehenden Parteien einen Plan vorgelegt, mit dem Deutschland seinen Beitrag zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze leisten könnte. Alle bisher von der Regierung vorgelegten Pläne für eine klimafreundlichere Lebens- und Wirtschaftsweise reichen nicht einmal aus, um die im Pariser Abkommen vereinbarten maximalen zwei Grad Erwärmung einzuhalten. Auch der Green Recovery Plan der EU, der eine klimafreundlichere Wirtschaft nach der Coronakrise bestärken soll, geht nicht weit genug.

Das ist ziemlich ernüchternd, vor allem wenn man – wie viele Millionen Menschen in den vergangenen Jahren – weltweit auf die Straße gegangen ist, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Was muss noch passieren, damit unsere politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger die absolute Dringlichkeit des Themas begreifen? Der nächste globale Klimastreik am 19. März ist ein Schlüsseltag, an dem sich die Chance bietet, die Parteien noch vor der Wahl an ihre Verantwortung zu erinnern.

Jede und jeder ist aufgerufen, an diesem Tag so viel Wirbel um das Thema zu machen, wie nur irgend möglich. Und da wir uns gerade nicht in unübersichtlich großen Menschenmassen auf den Plätzen und Straßen versammeln können, muss es das Ziel sein, unübersehbar zu werden. Indem ihr etwa die sozialen Netzwerke am 19.3. mit den Hashtags #NoMoreEmptyPromises und #Allefür1Komma5 flutet. Oder zu Hause ein Schild in die Kamera haltet und das Foto auf fridaysforfuture.de hochladet, um später auf der Streikkarte und in SharePics zu erscheinen.

Am 19.3. gilt es deshalb, trotz der erschwerten Bedingungen jede Gelegenheit zu nutzen, das Thema Klimakrise mit auf den Tisch zu bringen. Ob beim Zoom-Treffen mit der Familie, in den sozialen Medien oder bei einem der Offline Streiks, die in manchen Städten mit Abstand und Maske stattfinden. Niemand darf noch an dem Thema vorbeikommen – also lasst uns unsere Forderung mit Straßenkreide auf die Gehwege schreiben. Denn noch haben wir Zeit – nicht mehr viel, aber wir alle können sie nutzen. Wir dürfen nicht aufhören, unbequem und sichtbar zu sein. Denn wenn die Klimakrise anfängt, unbequemer zu sein als die nervigen Klimakids, ist es bereits zu spät.

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