Healhy Breakfast Toast With Avocado, Boiled Egg On Wooden Cutting Board
Eier sind zwar gesund, haben aber keine gute Umweltbilanz und verursachen Tierleid – jetzt gibt es eine vegane Alternative.Bild: iStockphoto / Arx0nt
Vegetarisch & vegan

Mit Schale, Dotter und Eiweiß: Wie das Start-up "Neggst" ein veganes Ei herstellt

09.08.2022, 15:11

Vegane Alternativen zu tierischen Produkten gibt es momentan wie Sand am Meer – doch es sind vor allem Fleisch-, Fisch- und Käseprodukte, die pflanzlich ersetzt werden. Eine wirklich gute Alternative zum Hühnerei gab es bisher nicht, fanden Patrick Deufel und Verónica García-Arteaga. Mit ihrem Start-up "Neggst" wollen sie das ändern. Ihr pflanzliches Ei soll sich verwenden lassen wie ein tierisches – als Rührei, in Pancakes oder in Spaghetti Carbonara.

"Unseren Kunden soll es leicht gemacht werden, sich für das vegane Ei zu entscheiden – auch weil es günstiger ist."
Patrick Deufel, Mitbegründer von Neggst

Im Interview mit watson spricht Mitgründer Deufel über die große Herausforderung, alle Menschen auf der Welt nachhaltig zu ernähren, erklärt, warum ein pflanzliches Ei der Beginn einer globalen Lösung sein kann – und welche Rolle der Käsekuchen seiner Oma dabei spielt.

Patrick Deufel und Verónica García-Arteaga
Patrick Deufel und Verónica García-Arteaga bild: easepr

watson: Patrick, wie genau kommt man auf die Idee, ein veganes Ei zu erfinden?

Patrick Deufel: Dietmar Otte, der ehemaligen Geschäftsführer von Zentis, hatte bereits vor Jahren die Idee, ein veganes Ei zu entwickeln. Mit dieser Idee ist er auf das Fraunhofer-Institut zugegangen, wo meine Mitgründerin Verónica García-Arteaga dieses Projekt aufgenommen hat. Sie wollte eine nachhaltige und gesunde Alternative entwickeln, die sich aber nicht wie ein Verzicht anfühlt, sondern wie ein "Upgrade". Zwei bis drei Jahre hat sie an dem veganen Ei geforscht und als es ihr schließlich gelungen ist, war das Ei so gut, dass eine Firma gegründet wurde. Sie ist Lebensmitteltechnologin und hat noch jemanden für die kaufmännische Seite gesucht, da kam ich ins Spiel.

"Die Eier bestehen unter anderem aus Süßkartoffel und Hülsenfrüchten."
Patrick Deufel

Was unterscheidet Neggst von anderem veganen Ei?

Bei uns stand die Forschung im Zentrum, deswegen haben wir uns auch viel Zeit genommen, um ein Ei zu kreieren, das wirklich nah am Original – oder sogar besser – ist. Unser Ei ist anders als das von anderen Herstellern: Es hat ein Eigelb, ein Eiweiß und sogar eine Schale.

Woraus besteht das Ei?

Die Eier bestehen unter anderem aus Süßkartoffel und Hülsenfrüchten. Die Schale ist biologisch abbaubar, sie besteht aus Calcium und einem biologisch hergestellten Kunststoff. Wir verwenden sehr wenige Zutaten und keine Konservierungsstoffe. Die Eier sind sehr ballaststoffreich und mindestens genauso gesund wie Hühnereier. Außerdem haben sie weniger Kalorien, kein Cholesterin, pflanzliche Proteine und sogar Vitamin B und Vitamin D.

Das Ei aus dem Labor sieht täuschend echt aus.
Das Ei aus dem Labor sieht täuschend echt aus. bild: neggst

In welcher Form soll Neggst verkauft werden?

Neggst soll in Supermärkten verkauft werden, aber auch in Restaurants und Cafés. Außerdem wollen wir, dass Neggst als Zutat in anderen Produkten, wie zum Beispiel Backwaren, verwendet wird.

Warum braucht die Welt überhaupt vegane Eier?

2050 werden voraussichtlich 10 Milliarden Menschen auf der Welt leben und sie sollen alle gesund und nachhaltig ernährt werden. Das geht nicht ausschließlich mit tierischen Produkten, wir wollen deswegen pflanzliche Alternativen bieten, die so nah wie möglich am Original dran und außerdem gut für die Umwelt sind.

Wie schätzt du die Entwicklung der Lebensmittelbranche ein – welche Rolle werden vegane Alternativen in den nächsten Jahren spielen?

Es gibt zwar nicht viele Menschen, die sich streng vegan ernähren, aber Flexitarier gibt es wahnsinnig viele. Diese Gruppe wird weiter wachsen. Je besser die alternativen Produkte werden, desto mehr werden die Menschen ihren Konsum zugunsten pflanzenbasierter Ernährung anpassen.

An eurem Unternehmen hat sich auch der "Green Generation Fund" beteiligt. Wie trägt euer Start-up dazu bei, die Klimakrise zu bekämpfen und CO₂-Emissionen in der Lebensmittelproduktion einzusparen?

Hühner müssen jeden Tag ernährt werden, bis sie Eier legen, die wir Menschen essen. Wenn wir direkt die Pflanzen essen, anstatt sie dem Huhn zu geben, ist das natürlich deutlich weniger ressourcenintensiv in der Produktion. Der CO₂-Fußabdruck, sowie der Wasser-, Energie- und Landverbrauch, ist beim pflanzlichen Ei also deutlich geringer.

"Genauso wie bei Omas Käsekuchen steckt das Geheimrezept nur in den Zutaten und Proportionen."

Wie lässt sich bei der vermutlich komplizierten Produktion eurer pflanzlichen Eier noch CO₂ einsparen?

Wenn man einmal weiß, wie es geht, ist es nicht kompliziert. Mit den richtigen Zutaten und Mengenangaben könnte man sich das pflanzliche Ei zu Hause im Thermomix selbst herstellen. Genauso wie bei Omas Käsekuchen steckt das Geheimrezept nur in den Zutaten, den Proportionen und der speziellen Zubereitungsmethode – wir benutzen keine hochtechnologischen Anlagen.

Bevor du Neggst gegründet hast, warst du beim Startup Infarm tätig. Wie kommt es, dass du dich in beiden Unternehmen mit dem Thema Lebensmittelproduktion beschäftigst?

Meine Großeltern waren Landwirte, sie hatten einen Kartoffelacker, der ihnen wahnsinnig viel Arbeit gemacht hat. Deshalb wollte ich damit erst nichts zu tun haben. Dann habe ich jedoch den technologischen Aspekt des Ganzen betrachtet und erkannt, dass mich der Schnittpunkt zwischen Lebensmitteln und Technologie doch sehr interessiert. Als ich mit Infarm in Kontakt kam, war ich zum ersten Mal im Foodtech-Bereich tätig. Besonders toll fand ich, dass man die Früchte seiner Arbeit buchstäblich schmecken konnte.

Infarm verkauft Kräuter und Gemüse genau dort, wo es auch angebaut wird – in einem Treibhausschrank mitten im Supermarkt.
Infarm verkauft Kräuter und Gemüse genau dort, wo es auch angebaut wird – in einem Treibhausschrank mitten im Supermarkt.Bild: www.imago-images.de / Anja Cord

Was hast du von der Zeit damals mitnehmen können für die Gründung des neuen Startups?

Als ich bei Infarm angefangen habe, waren wir etwa 200 Mitarbeiter. Als ich gegangen bin, waren es 1000. Diese Wachstumskurve mitzuerleben hat mir viel geholfen, um jetzt von Anfang an bei Neggst die richtigen Weichen zu stellen. Damit auch noch alles klappt, wenn wir schlagartig zehnmal so viele Mitarbeiter sind wie jetzt gerade.

Spielt Nachhaltigkeit für dich eine große Rolle oder ist es eher Zufall, dass du schon wieder in einem nachhaltigen Start-up arbeitest?

Ich habe vor einigen Jahren ein Zitat von einem Professor gelesen. Er sagte, dass in den nächsten 40 Jahren die Menschheit so viel Nahrung produzieren müsse, wie die Landwirte in den letzten 8000 Jahren zusammen. Das ist eine unglaubliche Herausforderung im Food-Bereich. Das fasziniert mich. Ich möchte helfen, eine nachhaltige Lösung für die Ernährungsprobleme der Welt zu finden. 10 Milliarden Menschen können wir 2050 nicht mit den gleichen Mitteln ernähren, mit denen wir es heute machen, dann kollabiert der Planet.

Sogar Spiegelei lässt sich aus Neggst zubereiten.
Sogar Spiegelei lässt sich aus Neggst zubereiten.bild: neggst

Es ist schon absurd, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie wir es schaffen, die Menschen zukünftig zu ernähren, während wir ein Drittel aller produzierten Lebensmittel in Deutschland in den Müll werfen.

Ja, nicht nur durch die Lebensmittelproduktion, sondern auch durch den Transport und die enorme Verschwendung entstehen diese hohen Emissionen. Wir versuchen, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, indem wir ein Produkt entwickeln, das auch ohne Konservierungsstoffe lange haltbar ist. Zudem verwenden wir nur Zutaten, die in Deutschland wachsen, sie haben also keine langen Lieferwege hinter sich.

Werden eure Produkte auch günstiger sein als andere Ei-Alternativen, weil ihr keine Inhaltsstoffe aus anderen Ländern verwendet?

Ja, auf jeden Fall. Wir wollen Neggst irgendwann auch günstiger anbieten als sein tierisches Pendant. Viele vegane Produkte sind deshalb so teuer, weil die Produktionsmengen so klein sind und weil sie mit 19 Prozent eine deutlich höhere Mehrwertsteuer haben als tierische Produkte. Unseren Kunden soll es leicht gemacht werden, sich für das vegane Ei zu entscheiden – auch weil es günstiger ist.

Lieferando: Vegane Gerichte werden immer beliebter

Wer am Sonntagabend nichts mehr im Kühlschrank hat, oder einfach keine Lust zum Kochen hat, braucht nur sein Handy zu zücken um eine der vielen Liefer-Apps zu öffnen. Die beliebteste App für Essensbestellungen ist Lieferando – dort gibt es in der Regel auch die größte Auswahl an Restaurants und Imbissen, die ihr Essen to go anbieten.

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