Weil die Gruppe "Scientist Rebellion" den IPCC-Bericht nicht durch die Zusammenfassung der politischen Entscheidungsträger verwässert sehen will, hat die Gruppe den Bericht geleakt – ein halbes Jahr vor seiner eigentlichen Veröffentlichung.
Weil die Gruppe "Scientist Rebellion" den IPCC-Bericht nicht durch die Zusammenfassung der politischen Entscheidungsträger verwässert sehen will, hat die Gruppe den Bericht geleakt – ein halbes Jahr vor seiner eigentlichen Veröffentlichung. Bild: Jochen Tack / Jochen Tack
Interview

Nach Leak des IPCC-Berichts: "Wenn jemand erkennt, dass es brennt, ist er in der Verantwortung, allen diese Gefahr klar zu machen"

24.02.2022, 19:2925.02.2022, 13:11

Wie steht es um die globale Erwärmung, wie um uns Menschen? Der Bericht des Weltklimarates lässt keinen Zweifel: Der Klimawandel kommt schneller und schlimmer als befürchtet. Zu diesem Schluss ist der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) gekommen, der in seinen Sachstandsberichten alle relevanten Forschungsergebnisse zur Klimakrise zusammenfasst. Der Bericht wurde bereits vor einem halben Jahr fertiggestellt. Offiziell veröffentlicht werden soll der Bericht der Working Group Drei erst im April (nächste Woche wird der Bericht der Working Group Zwei veröffentlicht) – nachdem die politischen Entscheidungsträger ihn durchgegangen sind und hier und da an den Formulierungen gefeilt haben.

Die Veröffentlichung komme zu spät, viel zu spät, findet die Molekularbiologin Nana-Maria Grüning. Sie ist Teil der Gruppe "Scientist Rebellion", die den Entwurf des IPCC-Berichts geleakt hat – aus Angst davor, dass er verwässert wird, und dass noch mehr Zeit verloren geht.

Im Interview mit watson erklärt die Wissenschaftsaktivistin, was "Scientist Rebellion" mit dem Leak erreichen wollte und warum sie keinen anderen Weg als diesen mehr gesehen haben.

Die Molekularbiologin Nana-Maria Grüning hat als Teil der Gruppe "Scientist Rebellion" den IPCC-Bericht geleakt.
Die Molekularbiologin Nana-Maria Grüning hat als Teil der Gruppe "Scientist Rebellion" den IPCC-Bericht geleakt.Bild: Privat

watson: Warum hat sich "Scientist Rebellion" dazu entschieden, den dritten Teil des Weltklimaberichts schon ein halbes Jahr vor seiner eigentlichen Veröffentlichung zu leaken?

Nana-Maria Grüning: Die Arbeit der Wissenschaftler:innen war abgeschlossen. Ab dann wäre die Summary for Policymakers nur noch zur Editierung den verschiedenen Regierungen überlassen worden. Ein halbes Jahr ist verdammt viel Zeit während einer immer schneller eskalierenden Klima- und ökologischen Krise – gerade für den globalen Süden. Auch vor, während und nach der COP26 konnte der Text bereits als Referenz benutzt und zitiert werden.

Warum ist es denn so wichtig, dass sich auch Wissenschaftler:innen zur Klimakrise positionieren, was "Scientist Rebellion" durch den Leak ja indirekt tut?

Dass Wissenschaftler:innen Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams durchführen, das heißt, Gesetze und Regeln brechen – wie zum Beispiel Dokumente leaken – ist so immens wichtig, weil alle konventionellen Wege, den Regierungen und der Öffentlichkeit die drohende Katastrophe des Zusammenbruchs des Weltklimas wirklich begreiflich zu machen, erfolglos geblieben sind. Die Emissionen steigen weiter, Ökosysteme werden weiter zerstört. Wissenschaftler:innen, auch wenn sie nicht direkt aus der Klimawissenschaft sind, sehen sehr deutlich die riesige Lücke zwischen Wissen über die Krise und politischem Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln. Und wenn jemand erkennt, dass es brennt, ist er in der Verantwortung, allen diese Gefahr klar zu machen, so dass sie sich in Sicherheit bringen können.

"Ein halbes Jahr ist verdammt viel Zeit während einer immer schneller eskalierenden Klima- und ökologischen Krise – gerade für den globalen Süden."

Sie glauben also, dass die Menschen den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen haben?

Obwohl die meisten Menschen schon wissen, dass die Klimakrise irgendwie ein Problem ist, fehlt den meisten doch das Verständnis über die Geschwindigkeit, das Ausmaß und die Permanenz der Zerstörung.

Und was könnte da helfen?

Wissenschaftler:innen müssen laut werden, Aufmerksamkeit erregen und den ihnen und ihrer Arbeit gebührenden Respekt einfordern. Das sollte damit einhergehen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse in politische Entscheidungen zum Wohle der Menschheit eingehen. Wissenschaftler:innen müssen selbst die Initiative ergreifen und in den Widerstand gehen, weil wenn die, die am meisten über die Krise wissen, immer weiter machen wie bisher, wie können wir dann von der Gesellschaft erwarten, dass sie sich wandelt und neue Systeme entwickelt?

Was genau fürchtet ihr von "Scientist Rebellion", könnte durch die Formulierungsänderungen politischer Entscheidungsträger verloren gehen?

Die Dringlichkeit bestimmter Formulierungen. Formulierungen werden entschärft und der Inhalt fällt dann zum Beispiel Journalisten nicht mehr als so dringend auf. Formulierungsänderungen können zum Beispiel beeinflussen, welche Botschaften von den Medien aufgegriffen und verbreitet werden und welche nicht. Wir denken nicht, dass Journalisten die Zeit haben, die Summary for Policymakers mit den mehreren hundert Seiten des eigentlichen Berichts zu vergleichen. Der eigentliche Bericht wird von den Regierungen nämlich nicht angefasst.

"Formulierungen werden entschärft und der Inhalt fällt dann zum Beispiel Journalisten nicht mehr als so dringend auf."

Aber wird dadurch nicht die Glaubwürdigkeit der Wissenschatftler:innen, die an dem Bericht gearbeitet haben, in Frage gestellt, die ja auch bei dem Summary for Policymakers letztendlich das letzte Wort haben?

Ja, das schon. Es gibt ja auch innerhalb der Wissenschaft viele Debatten. Es gibt einige, die sagen, dass sie beim IPCC gar nicht mehr mitmachen wollen, weil die Berichte eh nicht ernst genommen werden und der Prozess fehlerhaft ist, wie zum Beispiel Professor Wolfgang Cramer vom Mediterranean Institute für Biodiversität und Ökologie in Frankreich. Und dann gibt es halt die, die mitmachen und sich auf das Spiel einlassen.

Welches sind denn Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts, die keinesfalls durch Formulierungsänderungen verloren gehen oder abgeschwächt werden dürften?

Dass die Emissionen immer mit Industrialisierung und materiellem Wohlstand einhergegangen sind. Das ist eine Katastrophe, die vom globalen Norden verursacht wurde und unter der der globale Süden zuerst leiden wird. Die Ärmsten aus ihrer Armut zu heben, hätte einen vernachlässigbaren Einfluss auf die globalen Treibhausgasemissionen. Das Nicht-Maßhalten der Reichsten kostet uns unsere Zukunft. Ein weiterer Punkt ist der, dass ein Senken der Emissionen Stück für Stück ab jetzt nicht mehr den Klimakollaps abwenden wird. Das heißt, dass wir schnell große, radikale Veränderungen brauchen und kein peu à peu über Jahrzehnte.

Was wird denn in dem Summary for Policymakers vom ursprünglichen Bericht übrig bleiben?

Die Zusammenfassung des Berichts, die auch meistens zitiert und als Referenz benutzt wird, wird sehr viel zahmer klingen als die uneditierte, von uns geleakte, Version. Die wissenschaftlichen Fakten dürfen nicht verändert werden, aber wahrscheinlich fällt weniger auf, wie krass und beängstigend diese Fakten sind. Dass sehr stark versucht wurde, Einfluss zu nehmen, zeigt ein Leak der Änderungsanträge, die die "BBC" dokumentiert hat.

"Keiner will der Bösewicht sein, immer sollen die anderen mehr machen. Aber die Ergebnisse der Wissenschaft sind eindeutig: Reiche Industrienationen und Ölstaaten sind die größten Klimakiller."

Wieso wird der Bericht denn überhaupt mit den Regierungen durchgegangen und eine Art Zusammenfassung geschrieben?

Der IPCC-Bericht kommt nicht aus der Wissenschaft selber. Er ist ein wissenschaftliches Gutachten, was von Regierungen beauftragt wurde. Das heißt, sie machen auch die Regeln. In der globalen Politik, besonders in puncto Klima, herrscht ein starkes mit-dem-Finger-aufeinander-zeigen. Keiner will der Bösewicht sein, immer sollen die anderen mehr machen. Aber die Ergebnisse der Wissenschaft sind eindeutig: Reiche Industrienationen und Ölstaaten sind die größten Klimakiller. Aber die wollen natürlich nichts an ihren Konzepten ändern, deshalb möchten sie gerne ihre Verantwortung unter den Teppich kehren.

Was erhoffen Sie sich von der am 28. Februar anstehenden offiziellen Veröffentlichung des Berichts?

Dass das Mantra des ewigen Wachstums in den Medien kritischer diskutiert wird, und dass öffentlich diskutiert wird, was "Systemwandel" wirklich heißt und bedeutet.

"Im Moment haben Menschen mehr Angst, ihren Job zu verlieren, als ihre Zukunft."

Nämlich?

Ich denke, es ist wichtig abzugrenzen, was eine Notfallreaktion ist versus einem Systemwandel. Das ist ähnlich wie bei Corona: the Hammer and the Dance. Notfallmäßig müssen wir so viel wie möglich runterfahren, Ressourcen und Energie rationieren und uns währenddessen überlegen, wie wir in ein anderes Wirtschaftssystem wechseln können. Die Donut-Ökonomie von Kate Raworth ist da wichtig. Im Moment haben Menschen mehr Angst, ihren Job zu verlieren, als ihre Zukunft. Es braucht kreative Ansätze, ein Grundeinkommen – Geld ist nicht das Problem, davon gibt es genug. Aber wir haben keine Zeit mehr.

Okay. Und was sind jetzt die wichtigsten politischen Schritte, die daraus resultieren müssen?

Wichtig ist hier zu bedenken, dass Geld nicht unser Problem ist. Geld ist in Fülle vorhanden. Der Reichtum, der in den Wäldern, der Erde, den Ozeanen und der Luft liegt und der allen gehört, wurde gewaltsam extrahiert und in die Hände einer winzigen Minderheit gelegt. Sehr wenige Menschen sind durch die Ausbeutung unseres Planeten absurd reich geworden, während die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gegangen ist. Das hat zum größten Mangel in der Klima- und ökologischen Krise geführt: Zeit! Das politische System hat sich als zu träge und korrupt erwiesen, um diesen gewaltigen Herausforderungen schnell und effektiv begegnen zu können. Die Politik muss ihre inhärenten Schwächen anerkennen und neue Demokratieformen zulassen.

"Grönland wird schmelzen, egal was wir machen. Wir müssen jetzt wirklich um den Fortbestand unserer Zivilisation kämpfen. Jedes zehntel Grad zählt."

Neue Demokratieformen? Haben Sie da ein Beispiel parat?

Hier spielen Bürgerräte, wie zum Beispiel der "Bürgerrat Klima" eine entscheidende Rolle. Die Politik muss die Entscheidungen von Bürgerräten schnell und konsequent umsetzen.

Haben Sie trotz allem noch Hoffnung, dass das 1,5 Grad-Ziel erreicht werden kann?

Nein. Wir werden die 1,5 Grad um etwa 2030 knacken. Wir haben den sicheren Bereich längst verlassen. Die Regierungen dieser Welt – inklusive der deutschen – haben uns an den Abgrund getrieben. Jetzt geht es darum, um jedes Zehntel-Grad zu kämpfen. Nur so können wir noch etwas Zeit gewinnen, um Menschenleben zu retten.

Puh, das sitzt. Demotiviert eine solche Antwort die Menschen nicht eher – weil es aussieht, als sei sowieso schon alles verloren?

Es ist total wichtig, die Wahrheit zu sagen. Dass gesagt wird, dass wir die 1,5 Grad schaffen, hat bisher auch nicht genügend Menschen motiviert, sich einzusetzen und das Schlimmste abzuwenden. Aber wenn gesagt wird, dass wir das 1,5 Grad-Ziel nicht mehr schaffen, ist es auch entscheidend zu sagen, dass wir diese unbegreifliche Tragödie untätiger und korrupter Politik zu verdanken haben. Das sollte uns verdammt wütend machen. Es gibt ein "Nature Paper", in dem gesagt wird, dass ein signifikanter Teil der Wissenschaftler, die am Pariser Abkommen beteiligt waren, schon während des Abschlusses des Abkommens nicht davon ausgegangen sind, dass wir das Ziel erreichen.

Das ist erschreckend.

Ja. Und 1,2 Grad Erderwärmung sind schon nicht sicher. Grönland wird schmelzen, egal was wir machen. Wir müssen jetzt wirklich um den Fortbestand unserer Zivilisation kämpfen. Jedes zehntel Grad zählt.

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Wärme und Kälte richtig nutzen: 5 Tipps fürs Energiesparen in der Küche

Im Haushalt wird jeden Tag eine Menge Energie benötigt – besonders in der Küche. Das tägliche Braten, Backen, Spülen und Kühlen sorgt nicht nur für eine hohe Stromrechnung, sondern belastet auch die Umwelt. Doch jedes einzelne der großen Küchen-Geräte kann mit ein paar Tricks umweltschonender eingesetzt werden.

Zur Story