Die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ist wohl eine der bekanntesten Wissenschaftsjournalistinnen in Deutschland. Im Klima-Podcast "1,5 Grad" diskutiert sie mit Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer darüber, warum Regierungen der Wissenschaft nicht mehr Gehör schenken.
Die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ist wohl eine der bekanntesten Wissenschaftsjournalistinnen in Deutschland. Im Klima-Podcast "1,5 Grad" diskutiert sie mit Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer darüber, warum Regierungen der Wissenschaft nicht mehr Gehör schenken.Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Mai Thi Nguyen-Kim bei Luisa Neubauer zur Klimakrise: "Wenn man jetzt anfängt, ist es einfacher"

09.02.2022, 13:14

"Es gibt keinen Zweifel, dass der Klimawandel, die Erderwärmung im Wesentlichen von Menschen gemacht ist – und deshalb müssen wir dem Ratschlag der Wissenschaft folgen", sagte die ehemalige Kanzlerin Angela Merkel schon 2019. Passiert ist seitdem zwar einiges, aber lange nicht genug, um die fatalen Folgen der Klimakrise abzuwenden.

Die Erkenntnisse der Wissenschaft würden ignoriert, verdreht, missbraucht. Warum das so ist und wie Wissenschaftler mit ihrer Frustration umgehen, darum geht es in der aktuellen Folge des Podcasts "1,5 Grad", in dem Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer unter anderem mit der Chemikerin und bekannten Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim spricht. Zu Beginn der Pandemie, so Nguyen-Kim, sei sie noch unsicher gewesen, ob dies die beste oder schlechteste Zeit für die Wissenschaft werden würde – mittlerweile sei die Frage klar zu beantworten: "Je mehr Zeit vergeht, desto pessimistischer werde ich."

Der zentrale Unterschied zur Corona-Pandemie

Das Hauptthema der Folge: Warum führen die gravierenden Folgen der Klimakrise, die überall auf der Welt auftreten und auftreten werden, nicht zu einem Umdenken in der Politik? Nach den Gesprächen Neubauers mit Nguyen-Kim, dem Geographen und Ökologen Wolfgang Cramer sowie der Wissenschaftlerin Nana-Maria Grüning wird deutlich: Fakten allein reichen längst nicht aus, um den nötigen Wandel zu bewirken.

Nguyen-Kim zieht dabei immer wieder Parallelen zwischen der wissenschaftlichen Kommunikation der Klimakrise und der Coronavirus-Pandemie. "Meine größte Sorge ist, dass wir die Pandemie, weil sie so spürbar ist bei uns im Gegensatz zur Klimakrise, die anderswo schon ähnlich spürbar ist, jetzt als Blaupause nehmen für alle Krisen – auch für die Klimakrise. Und das ist einfach falsch und gefährlich." Denn trotz zahlreicher Parallelen gebe es wichtige Unterschiede in der wissenschaftlichen Betrachtung beider Krisen. Einer davon sei, dass es bei der Pandemie darum gehe, "auszuharren, durchzuhalten um irgendwann wieder in der Normalität anzukommen". Bei der Klimakrise sei das eigentliche Ziel eine Revolution – "da gilt es, Aktivierungsenergie reinzustecken, um danach in eine lebenswertere Welt zu kommen", so Nguyen-Kim.

Klimaforschende sind frustriert darüber, dass trotz Warnungen nichts passiert

Weil aber trotz all der fatalen Fakten über die Folgen der Klimakrise kein Umdenken in der Politik einsetze, wächst auch der Frust unter den Forschenden weiter an. Der Geograph und Ökologe Wolfgang Cramer, der ebenfalls zu Gast im Podcast ist und an dem IPCC-Bericht – einer Übersichtsarbeit zum Forschungsstand der Klimaforschung – mitgearbeitet hat, denkt ernsthaft darüber nach, ob die Wissenschaft weitermachen könne wie bislang. Obwohl die Forschenden in dem Weltklimabricht, der Regierungen als Handlungsprämisse an die Hand gegeben wird, harte Grenzen der Anpassung benennen und Überschwemmungen, wie jene 2021 im Ahrtal, klar der Klimakrise zuschreiben können, geschehe nichts.

Die Molekularbiologin Nana-Maria Grüning will mit der Bewegung "Scientist Rebellion" daher die Wissenschaft aufrütteln – und so Änderungen erwirken. Im Gespräch mit Luisa Neubauer sagt sie: "Wir sind in der Lage, das Ausmaß der Diskrepanz zwischen Wissen und politischem Nichthandeln wirklich zu erkennen." Damit einher komme eine große Verantwortung. Gegründet wurde die Gruppe, "weil sämtliche Bemühungen der Wissenschaft der letzten Jahrzehnte einfach nicht dazu geführt haben, dass die Mächtigen der Welt, aufgeklärte, gute oder evidenzbasierte Entscheidungen für unsere Zukunft und eine gerechtere Welt getroffen haben".

"Das, was um uns herum passiert, ist zutiefst beängstigend."
Nana-Maria Grüningscientist rebellion

Die Gruppe ruft Wissenschaftler explizit zu zivilem Ungehorsam auf. Denn die meisten Menschen wüssten bereits, welche Folgen die Klimakrise mit sich bringe, politische Maßnahmen blieben dennoch aus. Jetzt gehe es darum, "neue Wege zu finden, Druck aufzubauen und unsere Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen" – und zwar, indem Wissenschaftler die Emotionen, die diese Fakten in ihnen auslösten, zum Ausdruck brächten. "Das, was um uns herum passiert, ist zutiefst beängstigend", so Grüning.

"Alle zusammen auf die Politik"

Das Fazit der Forschenden: Ob in der Klimakrise oder der Pandemie – "wenn man jetzt anfängt, ist es einfacher", sagt Nguyen-Kim. Hinzu komme, dass auch in der Bevölkerung ein Umdenken stattfinden müsse. Man dürfe sich nicht länger mit dem Individualverhalten Einzelner aufhalten. "Was nicht egal ist, ist, wen wir wählen. Nicht mit dem Finger aufeinander zeigen, sondern alle zusammen auf die Politik", schließt Nguyen-Kim. Nur dann könne die Revolution, die es so dringend brauche, ausgelöst werden.

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