Luisa Neubauer hält auf dem Globalen Klimastreik eine Rede. Auf Veranstaltungen wie diesen hat sie Menschen um sich herum, die für ihre Sicherheit sorgen.
Luisa Neubauer hält auf dem Globalen Klimastreik eine Rede. Auf Veranstaltungen wie diesen hat sie Menschen um sich herum, die für ihre Sicherheit sorgen.bild: imago / stefan trappe

Luisa Neubauer spricht über Sorge vor Angriffen und Videoaufnahmen

10.10.2022, 15:0110.10.2022, 15:02

Am 19. Oktober veröffentlicht die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer gemeinsam mit ihrer Großmutter Dagmar Reemtsma (Jahrgang 1933) das Buch "Gegen die Ohnmacht". Darüber, wie es Neubauer gelingt, trotz Energiekrise, Ernteausfällen, Hitzerekorden, Wassermangel und weiteren Klimakatastrophen immer weiterzumachen, erzählte sie dem "Spiegel" im Interview.

"Das alles ist kein 'neues Normal' und auch kein Ausnahmejahr. Das ist der Anfang von etwas ganz Furchtbarem."
Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer

Demnach sagt sie, dass spätestens dieser Sommer den Sommern die Unschuld genommen habe – weil die Hitze, die Dürre und Wasserknappheit nicht mehr schönzureden seien. "Das alles ist kein 'neues Normal' und auch kein Ausnahmejahr. Das ist der Anfang von etwas ganz Furchtbarem", erklärt Neubauer.

Folgen der Klimakrise: Menschen brauchen mehr Trost als Wut

Als dann noch der Angriffskrieg in der Ukraine begann und immer mehr Menschen vor immer höheren Stromrechnungen standen, habe bei vielen eine Ohnmacht eingesetzt. Plötzlich, sagt Neubauer, müsste sie die Leute nicht mehr wütend machen, damit sie sich für mehr Klimaschutz einsetzen. Plötzlich müsste sie die Menschen trösten: "Ich werde viel häufiger gefragt: Ist es nicht schon zu spät? Unser Kontakt mit den Menschen ist gefühlt therapeutischer geworden."

Dass die Frage, ob es nicht schon zu spät sei, ihr immer häufiger gestellt werde, findet Neubauer aber gut. "Menschen, die das wissen wollen, erkennen schonmal an, wie zumutungsbelastet der Status quo ist", sagte sie gegenüber dem "Spiegel". Und diese Realisation sei entscheidend. Weil sie zeige, dass Klimaaktivist:innen eben nicht wollen, dass die Menschen in einer scheinbar perfekten Welt auf ganz viel verzichten. Sondern, dass tatsächlich etwas passieren müsse.

Luisa Neubauer braucht Sicherheitsschutz auf Veranstaltungen

Dass sie als Gesicht der deutschen Klimabewegung in der Öffentlichkeit steht, bringt aber nicht nur jede Menge Fragen mit sich, sondern auch Hass. Und der höre nicht im Internet auf, wie sie berichtet:

"Ich glaube, es gibt zwei falsche Annahmen über Onlinehass: Das eine ist, dass man sich aussuchen kann, ob man ihn sieht oder nicht. Ich möchte mit Menschen interagieren, also sehe ich auch den Hass. Und der ist nicht einfach weg, wenn ich mein Handy aus der Hand lege. Er hallt nach. Und das zweite große Missverständnis ist, dass Onlinehass ein Problem vom Internet ist. Hass ist ein Problem von Menschen. Und die gehen auf die Straße, und manche von ihnen bringen Gefahrenpotenzial mit sich."

Dieser Hass führt dazu, dass Neubauer nicht länger ohne Menschen, die auf ihre Sicherheit achten, auf Veranstaltungen geht. "Ich habe Stalker", sagt sie. "Und im Zweifel käme es ohne Sicherheitsvorkehrungen zu Handgreiflichkeiten. Das ist, was ich damit meine, wenn ich sage, dass Onlinehass kein Problem des Internets ist."

Global Climate Strike in Berlin Luisa Neubauer support the Fridays for the Future demonstration in Berlin on Friday 23 September. Berlin Berlin Germany Copyright: xDouglasxPingiturox
Luisa Neubauer führt gemeinsam mit weiteren Klimaaktivist:innen die FFF-Donstration in Berlin an.Bild: imago images / aal.photo

Dennoch versuche sie, kein Unsicherheitsempfinden im öffentlichen Raum zu entwickeln – auch nicht jeden Bahnhof, Bus oder Protest als Gefahr zu verstehen. Das hätte auch schonmal dazu geführt, dass wenn Leute mit ihr ein Foto machen wollten, plötzlich ein Klimaleugnungsbuch oder rechtes Symbol in die Kamera gehalten hätten.

"Das sind zwar nur zehn Leute von Tausend, mit denen ich Fotos mache. Aber der Kern meiner Arbeit ist Vertrauen in Menschen, Solidarität, zu leben und sich wohlwollend zusammenzutun", sagt sie. Das klappe nicht, wenn sie unterbewusst immerzu ein Gefährdungspotenzial sehe.

Sie sagt:

"Also bin ich aufmerksam, arbeite mit Leuten an meiner Sicherheit, und probiere, ein Bewusstsein für die Lage zu schaffen. Meistens fühle ich mich sicher."

Luisa Neubauer: "Höllenerfahrung" beim Flunkyballspiel auf Festival

Auf die Frage, ob es manchmal Situationen gebe, in denen sie gern etwas tun würde, es dann aber lassen würde, weil sie keine Lust darauf hätte, von anderen verurteilt zu werden, antwortet Neubauer, dass dies nur selten der Fall sei.

Ein Beispiel für eine solche Situation fällt ihr aber sofort ein: Vor einigen Jahren war sie auf einem Festival, auf dem sie mit Freunden Flunkyball gespielt hätte – ein Trinkspiel, bei dem zwei Mannschaften darum wetteifern, wer als erstes seine Biere geleert hat. Plötzlich hätten Menschen um sie herum angefangen, sie zu filmen – weil sie ein Spiel mit Dosenbier gespielt habe.

Sie sagt:

"Das war eine Höllenerfahrung. In der Wahrnehmung der Leute darf eine Luisa Neubauer anscheinend Flunkyball nicht mit Dosenbier spielen."

Als sie dieses Jahr wieder auf dem Festival gewesen und ihre Freunde Flunkyball mit Dosenbier spielen wollten, wollte sie zunächst nicht. "Meine Freunde haben mir dann sehr lieb einen Hut organisiert, damit keiner erkennt, dass ich das bin." Erst dann habe sie die Sorge beiseite geschoben und doch mitgespielt.

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