Nachhaltigkeit
Close-up of female chef hand squeezing lime juice onto plate with spinach, brown noodles and tempeh. Woman adding lime to a vegan dish.

Viel Zeit zu Hause zu verbringen bedeutet viel Zeit zum Kochen. Bild: E+ / alvarez

Veganuary-Challenge

Tag 14: Wie vegane Ernährung Klima und Tiere schützt

Geschmolzener Käse ist für mich der Inbegriff von Glückseligkeit. Vegan leben? Beim Gedanken an von Pizzastücken tropfende Käsefäden, im Ofen langsam knusprig werdende Aufläufe und in Raclettepfännchen blubbernde Käseseen erscheint mir das völlig ausgeschlossen.

Trotzdem versuche ich den Januar über im Rahmen der Veganuary-Challenge vegan zu leben, so wie 440.000 andere Teilnehmer weltweit. Weil Massentierhaltung und Tierleid eben nur verhindert werden können, wenn wir uns pflanzlich ernähren. Und weil tierische Lebensmittel eine miserable Ökobilanz haben: Sie erzeugen viel höhere CO2-Emissionen und ihre Produktion braucht deutlich mehr Land und Wasser. Von der Regenwaldabholzung für die Schaffung von Weideland für Rinder oder für die Massenproduktion von Soja als deren Kraftfutter einmal ganz zu schweigen.

Dabei bin ich bislang nicht einmal Vegetarierin. Fleisch esse ich etwa zwei Mal im Monat: Wenn Oma gekocht hat zum Beispiel, wenn ich auf Reisen irgendeine regionale Spezialität probieren möchte oder wenn ich beim Grillen einfach Lust drauf habe. Diese Lust nimmt aber immer mehr ab. Einen Monat auf Fleisch verzichten? Easy.

Das deutlich größere Problem: Ich bin verdammt faul. Nach Feierabend extra einkaufen, eine lange Liste exotischer Zutaten ausfindig machen, mich dann an den Herd stellen und schließlich alles alleine in mich hineinlöffeln – das klingt irgendwie nur so semigeil. Ob ich es trotzdem schaffe, einen ganzen Monat vegan zu leben? Ich habe meine Zweifel – und probiere es trotzdem.

Tag 14: Wie vegane Ernährung Klima und Tiere schützt

Zum ersten Mal seit Beginn meines veganen Monats bin ich zum Essen eingeladen. Ich sage natürlich erst einmal freudig zu – merke dann aber vorsichtig an, dass ich mich momentan vegan ernähre. Und dass es im Zweifelsfall auch einfach ein Bier tut. Ich habe aber Glück, es gibt mehr als Bier. Stattdessen bekomme ich Bulgur, Champignons und Maronen aus dem Ofen mit Sesamsoße serviert. Super lecker, und offenbar auch keine besondere Herausforderung für den Koch. Gar kein so großes Ding also, nach einem veganen Abendessen zu fragen.

Wem kurz vor der Halbzeit des Veganuary trotzdem das Durchhaltevermögen ausgehen sollte, hier ein paar Zahlen, die motivieren: Alle Menschen, die in den vergangenen Jahren beim Veganuary mitgemacht und ihn auch durchgezogen haben – das waren etwa eine Million Menschen –, haben dadurch so viele CO2-Äquivalente eingespart, wie wenn man 15.000 Mal mit dem Auto um den Globus fährt. Das hat das Harvard University's Animal and Policy Program im Auftrag von Veganuary berechnet.

Außerdem wurden 6,2 Millionen Liter Wasser eingespart und 4,3 Millionen Tiere weniger in der Tierproduktion benötigt, sagt Veganuary-CEO Rita Rehnberg: "Selbst wenn man nur einen Monat vegan lebt – im Kollektiv macht das einen riesigen Unterschied. Zudem sind viele nach dem Experiment vegan geblieben." Deshalb an alle Mitstreiterinnen und Mitstreiter: Haltet durch und rettet die Welt. Zumindest ein bisschen.

Tag 13: Lieferessen geht auch vegan

So schön – und im Idealfall lecker – es auch ist, selbst zu kochen: Manchmal ist es schöner, wenn das Essen einfach fertig zu einem gebracht wird. Weil wir aber noch keinen genauen Plan haben, was da gleich auf dem Tisch stehen soll, holen wir diesmal nichts bei einem bestimmten Restaurant ab, sondern durchforsten zum ersten Mal Lieferando nach veganen Leckerbissen.

Nun wohnen wir in Berlin und auch noch in der Vegan-Hochburg Prenzlauer Berg: Hier ist das Angebot tatsächlich recht groß und wir müssen nicht lange suchen, bis wir bei einem vietnamesischen Restaurant landen, das von veganen Currys über Bowls bis zu Burgern alles anbietet. Die Wahl fällt auf einen Burger mit Seitan-Bratling, Mango und Kimchi, dazu gibt es Süßkartoffel-Pommes und Edamame. Wieder ein neues veganes Geschmackserlebnis also, das nur durch die Unmengen an Verpackungsmüll etwas vermiest wird – die Lieferung in Mehrwegboxen ist bislang leider nur bei sehr wenigen Restaurants möglich. Immerhin wieder ein Restaurant in der Krise unterstützt, beruhige ich mein schlechtes Gewissen.

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Burger ohne Fleisch, dafür mit Seitan, Kimchi und Mango. bild: watson

Das weiß ich jetzt

Lieferando hat anlässlich des Veganuarys übrigens die veganen Bestellungen genauer unter die Lupe genommen. Demnach nahmen vegane Bestellungen auf der Plattform im vergangenen Jahr stark zu: Im November 2020 bestellten die Deutschen zweieinhalb Mal so viele vegane Speisen wie noch im Vorjahr. Mit einem Plus von 166 Prozent lag dabei Hamburg ganz vorn, gefolgt von Frankfurt, München und Berlin.

Tag 12: Corona macht es Neu-Veganern leicht

Es gibt wohl nichts, das die Umstellung auf eine vegane Ernährung so sehr erleichtert wie die Corona-Pandemie. Statt Freunde zu treffen, auf Konzerte zu gehen und unterwegs nur schnell einen Happen zum Essen zu holen, verbringe ich die Abende zu Hause. Ich habe also Zeit zum Kochen, viel Zeit. Aus dem Feierabendbier wird das Feierabendshopping im Supermarkt – und das ist plötzlich nicht mehr lästig, sondern der aufregendste Punkt des Tages. Und schon in der Mittagspause kann ich mir dank Homeoffice oft eine schnelle frische Mahlzeit zusammenrühren, nicht-vegane Versuchungen laufen mir praktisch nicht über den Weg. Ähnliches berichtet meine Freundin, die mit ihrem Mann ebenfalls am Veganuary teilnimmt: Sie hat nicht das Gefühl, auf irgendetwas verzichten zu müssen.

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Veganes Palak Paneer – schmeckt so gut wie im Restaurant. bild: watson

Wenn die einzige Alternative ein Spaziergang durch das kalte, windige, und dunkle Berlin ist, macht Kochen also wieder richtig Spaß. Insbesondere dann, wenn man neue Gerichte ausprobieren kann – oder muss. Mit vielen Basics der veganen Küche – Agavendicksaft, Kreuzkümmel, Garam Masala – die in Rezepten immer wieder auftauchen, habe ich mich inzwischen eingedeckt. Heute gibt es veganes Palak Paneer, das Rezept kommt von einem der vielen veganen Kochblogs. Eigentlich relativ simpel, ich wäre nur nicht auf die Idee gekommen, den indischen Klassiker nach zu kochen, schon gar nicht vegan. Das Ergebnis schmeckt aber himmlisch – und macht direkt Lust auf das nächste neue Rezept.

Tag 11: Vegane Pizza – früher war mehr Käse

Wenn ich den Rest meines Lebens nur noch ein einziges Gericht essen dürfte, dann würde ich keine Sekunde zögern und mich für Pizza entscheiden. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit: Stell mir eine Pizza hin, ich verputze sie. Und hätte mein Leben einen Soundtrack, wäre es definitiv "Pizza" von der Antilopen Gang. Dementsprechend gespannt bin ich natürlich auf meine erste vegane Pizza. Im Sommer habe ich bei der Pizzeria um die Ecke damit eine eher enttäuschende Erfahrung gemacht. Die hat zwar einen durchaus leckeren, mit Gemüse belegten Teigfladen serviert, so ganz ohne Käse hatte der aber wenig bis nichts mit einer Pizza zu tun.

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Gesund ist die vegane Pizza mit Sicherheit – aber das ist ja auch nicht ihre Bestimmung. bild: watson

Dementsprechend gewappnet bin ich, als ein Kumpel vorschlägt, dass wir uns auf Bier und (Fertig)pizza treffen. Im Kühlschrank liegt noch veganer Streukäse, allzeit bereit, eine Mahlzeit aufzumotzen. Und den braucht es auch: Im Supermarkt finde ich eine vegane Tiefkühlpizza, was mein Herz schonmal vor Freude springen lässt. Allerdings wirbt sie damit, zu 44 Prozent aus Gemüse zu bestehen – was leider zu Lasten des Käses geht. Also wird sie vor dem Gang in den Ofen noch einmal mit einer Schicht aus veganem Käse bedeckt.

Das Ergebnis ist durchaus essbar – ich meine, es handelt sich immer noch um eine Fertigpizza, und die kommt natürlich nie an ihre Schwester aus dem Steinofen heran. Langfristig ist das Pizza-Problem aber nicht gelöst, da muss noch mehr gehen. Würde man mich nachts um drei wecken und mir die vegane Pizza unter die Nase halten, würde ich mich jedenfalls umdrehen und weiterschlafen.

Tag 10: Kalzium gibt's auch ohne Kuhmilch

Was in meinem veganen Experiment keinerlei Veränderung mit sich bringt: Milch. Angesichts der miserablen Klimabilanz und dem Leid, das auf Hochleistung gezüchtete Kühe auf sich nehmen müssen, um möglichst viel Milch produzieren zu können, kommt in meinen Kaffee und mein Müsli schon seit längerem Hafermilch. Zumal es keinerlei Mehraufwand bedeutet, im Supermarkt einfach die pflanzliche statt der tierischen Milch zu kaufen.

Natürlich versteckt sich Milch aber auch in wahnsinnig vielen anderen Lebensmitteln – und die brauche es auch, um den Kalziumbedarf zu decken, lautet ein beliebtes Argument von Nicht-Veganern. Etwa ein Kilo unseres Körpers besteht aus Kalzium, es ist damit der am stärksten vertretene Mineralstoff in unserem Körper – der wichtig für den Aufbau von Knochen, Haaren und Zähnen ist.

Dabei ist Kuhmilch nur eine von vielen Kalziumquellen. Das Mineral befindet sich auch in Hafermilch, Paranüssen, Mandeln und Haselnüssen, getrockneten Feigen, Tofu und grünem Blattgemüse wie Grünkohl. Aus manchen Pflanzen kann der Körper sogar mehr Kalzium aufnehmen als aus der Kuhmilch: Während diese beispielsweise eine Bioverfügbarkeit von 39 Prozent hat, sind es bei Brokkoli oder Grünkohl über 50 Prozent. Der Mythos, dass unsere Milch unbedingt aus dem Euter einer Kuh kommen muss, sollte damit widerlegt sein.

Tag 9: Mit Kater macht veganes Essen keinen Spaß

Vergesst alles, was ich gestern geschrieben habe: sich vegan zu ernähren IST eine Herausforderung – zumindest mit Kater. Nach drei Bier am gestrigen Abend schreit mein Körper förmlich nach Fett. Normalerweise würde ich mir jetzt ein Rührei braten, einen Halloumi holen oder eine Pizza bestellen. Stattdessen warten die Bohnen vom Vortag auf mich. Nicht unbedingt das, wonach sich mein Magen jetzt sehnt.

Klar, inzwischen kann man sich selbst vegane Burger von Fast-Food-Ketten liefern lassen – aber SO schlimm ist es dann auch wieder nicht. Ich bleibe standhaft und bei den Bohnen. Und bei der Erkenntnis, nächstes mal weniger zu trinken. Ist beides gesünder.

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Ein eher klägliches Kateressen. bild: watson

Wenn wir schon bei der Gesundheit sind: Wer sich beim Veganuary anmeldet, kann ankreuzen, was das Hauptmotiv für die Teilnahme ist – Tierwohl, Gesundheit oder Umweltschutz. Und während viele Jahre der Tierschutz der Hauptgrund war, warum sich Menschen vegan ernährten, ist die Gesundheit inzwischen gleichgezogen. Wer sich vegan ernährt, setzt sich schließlich intensiver mit seiner Ernährung auseinander und isst viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte – sofern er sich nicht nach einem Kater mit Junkfood vollstopft, versteht sich.

Bei mir dagegen ist hauptsächlich die miese Klimabilanz von tierischen Lebensmitteln dafür verantwortlich, dass ich tierische Produkte schon in der Vergangenheit reduziert habe und weiter reduzieren möchte. Und ich könnte mir vorstellen, dass das immer mehr Menschen ähnlich sehen. Im kürzlich vorgestellten Fleischatlas jedenfalls wurde auf einen Fridays-for-Future-Effekt hingewiesen: Ein Drittel der Vegetarier und Veganer unter 30 hat die Ernährung erst im Laufe des vergangenen Jahres umgestellt.

Tag 8: Wo bleibt die Herausforderung?

Ich bin enttäuscht. Ich hatte mich auf harte, entbehrungsreiche Wochen eingestellt. Auf eine richtige Challenge, die mich an meine Grenzen bringt in einer Zeit, in die größte Herausforderung darin besteht, die zwei Meter vom Bett an den Schreibtisch zu überwinden. So wie damals, als ich mich sieben Tage lang nur von Säften ernährt habe, um meinen Körper zu entgiften und zu schauen, ob ich das schaffe, so ganz ohne Essen (ja, schaffe ich, fühlt sich aber richtig mies an, don’t try this at home!).

Und jetzt? Sitze ich in meiner Wohnung, ernähre mich vegan, und habe keinerlei Stress damit. Noch mehr: mir fehlt nichts. Ich esse abwechslungsreich dank der vielen Online-Rezepte, praktisch alles lässt sich irgendwie vegan nachkochen. Und wenn die Lust auf etwas Süßes, Fettiges und Ungesundes kommt, dann gibt es zum Glück auch genügend süße, fettige, ungesunde UND vegane Alternativen.

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Mit den richtigen Rezepten ist vegan kochen keine große Herausforderung. Bild: Digital Vision / Kathrin Ziegler

Der Veganuary-Newsletter hilft da wirklich – ich wäre beispielsweise nie auf die Idee gekommen, dass Oreos vegan sind, und auch die vegane Schokolade findet sich im Supermarkt deutlich einfacher, wenn ich von vorneherein weiß, nach welchen Sorten ich Ausschau halten muss. Hinzu kommt, dass sich super viele Unternehmen am Veganuary beteiligen und neue vegane Produkte auf den Markt bringen. Kurz: Der Start ins vegane Leben wird mir echt leicht gemacht.

Auf den Teller kommt heute (neben dem morgendlichen Brot mit Schokocreme und dem abendlichen Brot mit veganem Aufstrich) ein Wrap mit Bohnen und Guacamole. Ich kaue und bin durchaus zufrieden mit mir und dem Experiment. Aber ich weiß auch: Das ist erst der Anfang. Die Zeit, in der ich sündige und in der ich an nichts anderes denken kann als an geschmolzenen Käse, sie wird kommen.

Das weiß ich jetzt

Auch Ria Rehberg von Veganuary sagt übrigens: Eine Teilnehmerzahl von 500.000 Menschen wie in diesem Jahr wäre nicht möglich, wenn inzwischen nicht an jeder Ecke Veganismus beworben würde. "Vegane Ernährung trifft den Nerv der Zeit – vegane Produkte sind inzwischen viel gegenwärtiger und die Qualität besser als noch vor fünf Jahren", sagt Rehberg.

Tag 7: Vegan shoppen ist nichts für Anfänger

Der Nachteil daran, alleine zu wohnen: Hat man einmal gekocht, isst man tagelang das gleiche. Der Vorteil: Hat man einmal gekocht, hat man tagelang Ruhe. Es gibt also heute den Rest der überbackenen Auberginen und ich muss mich um nichts weiter kümmern. Zeit, mich schonmal gedanklich auf den nächsten Einkauf vorzubereiten. Bei meinem letzten Shoppingtrip ist mir nämlich aufgefallen, dass meine bisherigen Einkaufsmaxime etwas untergraben wurden.

Was um die halbe Welt gereist, in drei Lagen Plastik eingewickelt ist und momentan keine Saison hat, findet normalerweise nämlich eher selten den Weg in meinen Einkaufswagen. Wenn ich aber nur vegane Produkte kaufen kann und davon eine ganze Reihe brauche, um etwas Schmackhaftes zusammenzurühren, wird es nicht gerade einfacher, sämtliche Punkte zu erfüllen – zumindest am Anfang. Aber ich nehme die Herausforderung an.

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Augen auf bei Ersatzprodukten: nicht alle sind vegan. bild: watson

Kollegin Saskia ist bei ihrem letzten Einkauf übrigens minimal mehr eskaliert und hat sich mit Ersatzprodukten eingedeckt, mit denen sie sich sicher coronakonform von der Außenwelt abschotten und dennoch den Winter überstehen könnte – und wie wir alle wissen, kann der in Berlin verdammt lang sein. Dabei hat sie aber festgestellt, dass Fleischersatzprodukte, die logischerweise vegetarisch sind, noch lange nicht vegan sein müssen. In vegetarischer Wurst steckt beispielsweise manchmal Eiklar, im Schnitzel ist Schmelzkäse untergemischt. Und so heißt es selbst bei den Ersatzprodukten: Imaginäre Lesebrille aufsetzen und Inhaltsstoffe genau studieren. Ganz schön anstrengend.

Tag 6: Keep it simple – veganisiere deine Lieblingsgerichte

Langsam aber sicher läuft das Projekt Veganuary ganz nebenbei. Klar, sind Kühlschrank und Vorratsregal erstmal ausschließlich voller veganer Lebensmittel, wird ein Ausrutscher, ob versehentlich oder nicht, immer unwahrscheinlicher. Ganz egal wie oft der Weg zum Kühlschrank führt – die Strecke vom Schreibtisch dorthin dürfte dank Homeoffice schon Spuren im Parkett hinterlassen haben – es gibt nichts, was mich in Versuchung führen könnte. Dafür jede Menge Nüsse, Obst und vegane Schokolade.

Auch das Kochen der Hauptmahlzeiten ist einfacher als gedacht. In der Vergangenheit ist mir beim Anblick der Fotos veganer Foodblogs auf Instagram zwar oft das Wasser im Mund zusammengelaufen, mit Blick auf die lange und teils recht exotische Zutatenliste habe ich manches Rezept aber direkt wieder vom Speiseplan gestrichen. Kreuzkümmel, Garam Masala, Agavendicksaft, Erdnussöl: Das alles für ein neues Gericht zu kaufen, ist ganz schön anstrengend und teuer.

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Simpel und lecker: Überbackene Auberginen. bild: watson

Also tue ich das, was auch die Organisatoren des Veganuary Neu-Veganern empfehlen: Ich konzentriere mich erstmal auf die Basics und veganisiere meine Standardgerichte: "Am Anfang hilft es, den Tag gedanklich durchzugehen und sich zu überlegen, was man normalerweise isst, und was vegane Alternativen dazu sind", empfiehlt mir Ria Rehberg, CEO von Veganuary. "Wenn ich gerne Nudeln esse, dann kriege ich bestimmt eine vegane Soße hin, wenn ich Curry liebe, ersetze ich das Huhn durch Tofu." Gesagt getan. Ich nehme mir eines meiner 0815-Alltagsgerichte vor: Gebratene Auberginenscheiben, im Ofen überbacken mit Tomate, Oliven und Schafskäse. Letzteren ersetze ich einfach durch veganen Streukäse aus Mandelerzeugnissen. Einfacher geht's kaum.

Tag 5: Veganer Kochabend? Dann doch lieber Sushi

Die entscheidendste Frage des Experiments ist geklärt: Vegane Nuss-Nougat-Creme schmeckt. Halleluja! Dabei wurde mir von diversen Freunden Gegenteiliges berichtet – ein weiterer Beweis dafür, dass man nichts verwerfen sollte, was man nicht selbst auf der Zunge hatte. Und weil sie Fairtrade ist, schmeckt sie gleich noch ein bisschen besser. Kann jetzt noch etwas schiefgehen? Ich glaube nicht.

Mittags gibt es Brot mit Auberginenaufstrich und Tomate, abends kommt ein Freund zum Kochen vorbei. Als ich ihm die Kunde überbringe, dass ich mich momentan vegan ernähre, freut er sich zunächst, ein gesundes pflanzliches Mahl kann nach der weihnachtlichen Völlerei schließlich niemandem schaden. Ich zähle auf, was ich alles eingekauft habe und welche veganen Leckereien wir daraus zaubern könnten – und er schlägt vor, doch lieber Sushi zu bestellen. Gut, at least I tried. Die vegane Auswahl beim Sushi-Dealer meines Vertrauens ist dann zwar überschaubar, aber ausreichend. Eine Reis-Bowl mit Gemüse und Sushi mit Avocado und Tofu, da kann man nicht viel falsch machen.

Übrigens: Während ich und eine halbe Million anderer Menschen sich den Januar über erstmals vegan ernähren, heißt es vorab aus dem sogenannten Fleischatlas, dass der weltweite Fleischkonsum weiter steigt. Kleiner Lichtblick: In Deutschland ernähren sich immer mehr Menschen vegan oder vegetarisch, besonders die jüngeren unter 30. Darauf einen Karottenstick!

Das weiß ich jetzt

Lachs – ökologisch maximal bedenklich und gleichzeitig unverschämt lecker – kann auch unabhängig vom Veganuary auf meinen Speiseplan zurückkehren. Denn dank der Sushi-Eskalation habe ich zum ersten Mal veganen Lachs gegessen. Und der ist ziemlich lecker.

Tag 4: Vegan-Fail am frühen Morgen

Mit gefühlt fünf Kilo Walnüssen im Gepäck warte ich auf meinen Zug zurück nach Berlin. Es ist 5.40 Uhr, es ist dunkel, es ist kalt. Verschlafen kaufe ich mir am Bahnhof einen Milchkaffee. Der braucht drei Stunden und 400 Kilometer, bis er mich aufweckt. Erst dann wird mir bewusst, welchen Fehler ich begangen habe. Ich Anfängerin – dabei hätte es den Kaffee auf Nachfrage mit Sicherheit auch mit Hafermilch gegeben! Damit mir essenstechnisch kein ähnlicher Fauxpas unterläuft (und weil ich in Berlin direkt arbeiten gehe und wenig Zeit für die Essensbeschaffung habe) ernähre ich mich ausschließlich von mitgebrachten Brötchen.

Den Rest des Monats nur Brot zu essen ist aber natürlich keine Lösung. Nach Feierabend steht deshalb der erste größere rein vegane Einkauf an. Platz dafür ist genug, der Kühlschrank ist nach den Feiertagen sowieso leer. Nur ein einsames Schokosoufflee (es bricht mir das Herz!) und die krümeligen Reste eines Schokoweihnachtsmanns kommen weg. Denn so hoch meine Motivation auch ist – bei der Anziehung von Schokolade wirken höhere Kräfte. Um nicht in Versuchung zu geraten, hat auch Werkstudentin Saskia, die ebenfalls bei der Challenge mitmacht, alle nicht-veganen Lebensmittel aussortiert und in Kartons gepackt. Bis Februar heißt es: Finger weg!

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Selbst Nudeln und Chips sind teilweise nicht vegan und müssen weg. bild: watson

Im Supermarkt geht es dann natürlich erst einmal darum, sich mit den wirklich überlebenswichtigen Dingen einzudecken – richtig, einem veganen Nutella-Ersatz! Der ist zum Glück schnell gefunden, auch sonst ist der Einkauf nicht sonderlich exotisch. Veganer Streukäse statt Streukäse aus Milch, ansonsten recht gemüselastig. Mit zwei simplen Rezepten im Kopf ist der vegane Einkauf fast enttäuschend einfach. Vegane Ersatzprodukte gehören inzwischen schließlich in vielen Supermärkten und Discountern dazu, zum Veganuary haben viele Unternehmen ihr Sortiment noch einmal aufgestockt.

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Das Ergebnis des ersten veganen Einkaufs. bild: watson

Das weiß ich jetzt

Für den verschmähten Schokonikolaus ist zum Glück schnell Ersatz gefunden, es gibt eine ganze Menge vegane Schokolade. Zuckrig und ungesund geht also auch in vegan, yeah!

Tag 3: Reis ist mein Gemüse

Vorteil von sonntäglichem Ausschlafen Nummer eins: ein erholter Start in den Tag, logisch. Vorteil Nummer zwei: kein Kopfzerbrechen über ein veganes Frühstück. Ich starte also gleich mit dem Mittagessen, es gibt Griessuppe und Brot, simpel, vegan, lecker. Dumm nur, dass der Hunger schon nachmittags wieder einsetzt und es in der Wohnung meines Bruders keinerlei vegane Snacks gibt. Gummibärchen? Natürlich mit Gelatine. Schokomüsli? Vergiss es. Kekse? Nope. Also wird das Abendessen, diesmal vom Lieferdienst, früher bestellt.

Von den mehr als 300 angebotenen Gerichten auf der Speisekarte habe ich – Menschen mit Entscheidungsschwierigkeiten lieben das – nur die Auswahl aus sechs veganen Gerichten. Ich wähle ein indisches Essen aus Auberginen, Zwiebeln und Tomaten, alles vermengt zu einer einheitlich braunen Masse, dazu gibt es Reis. Essbar, aber keine Geschmacksexplosion. Das mag aber nicht unbedingt daran liegen, dass das Gericht vegan ist, sondern vielleicht eher daran, dass der arme Koch dieses Restaurants gleichzeitig die indische, thailändische, italienische, schwäbische UND chinesische Küche beherrschen muss. Vorsatz für morgen: Den ersten veganen Tag ohne Reis hinter mich bringen.

Das weiß ich jetzt

Apropos fehlende Abwechslung: Über den Veganuary-Newsletter bekomme ich eine Liste mit Lebensmitteln zugeschickt, die ich täglich zu mir nehmen sollte, um mich ausgewogen zu ernähren. Die Empfehlung stammt übrigens aus einem Buch mit dem Titel "How not to Die" – wenn das kein guter Vorsatz für 2021 ist! Überleben ist aber offenbar gar nicht so einfach. Drei Portionen Bohnen soll ich etwa täglich essen, eine Portion Kreuzblütler-Gemüse wie Brokkoli oder Blumenkohl, grünes Blattgemüse, Gewürze und Getreideprodukte stehen ebenfalls auf der Liste der täglichen zwölf. Als Orientierung super, momentan aber noch deutlich zu ambitioniert für mich. Der empfohlene Löffel Leinsamen am Tag lässt sich für den Anfang am einfachsten umsetzen, die Körner sollen wahre Eisenbomben sein, außerdem den Cholesterinspiegel senken, die Verdauung verbessern und die Wahrscheinlichkeit für Herzattacken und Schlaganfälle senken. Mit dem Mund voller Leinsamen fühle ich mich wie James Bond. Gestorben wird definitiv an einem anderen Tag.

Tag 2: Nein Oma, so etwas esse ich jetzt nicht mehr

Morgens

Der zweite Tag des Vegan-Experiments startet mit einer exzellenten Nachricht: Laugenbrötchen sind laut der Bäckerin des Vertrauens vegan! Ich werfe vor Freude innerlich eine Handvoll Konfetti in die Luft, belege das Brötchen mit Margarine und veganem Kräuterkäse aus Mandelmilch, beiße hinein – und kehre das Konfetti dann direkt wieder zusammen. Der Käse ist seltsam und enorm fettig, schmeckt so meine Zukunft? Zum Glück gibt es noch jede Menge Marmelade, und weil die dieses Mal nicht mit kryptischem bosnischem Etikett versehen, sondern selbstgemacht ist, kann nichts schief gehen. Meinen Kaffee trinke ich sowieso schon lange mit Hafermilch, das ist also keine Umstellung.

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Den Kartoffelkuchen lasse ich stehen, stattdessen gibt's wieder Brokkoli und Seitan – schmeckt auch noch an Tag 2. bild: watson

Mittagessen

Fürs Mittagessen bringt Oma ihren berühmten Kartoffel- und Zwiebelkuchen vorbei. Der ist dank Sahne und Quark natürlich alles andere als vegan, also muss ich ablehnen. Welche seelischen Qualen das bei meiner Oma verursacht – die normalerweise schon enttäuscht feststellt, dass es mir offensichtlich überhaupt nicht schmeckt, wenn ich "nur" drei Stücke esse – kann ich nur erahnen. Zum Glück ist noch etwas von der Brokkoli-Seitan-Pfanne von gestern übrig. Die schmeckt auch heute noch. Genauso wie die Banane zum Nachtisch und die Walnüsse, die ich snacke, während ich arbeite.

Abends

"Geil, frischer Mozzarella", denke ich, als ich mich an den Abendbrottisch setze, und dann "Ah äh, nee". Stattdessen gibt es vegane Salami und Auberginenpaste aufs Brot, beides schmeckt wunderbar und der Schreck vom Frühstück ist vergessen.

Das weiß ich jetzt

Nüsse stopfen den Magen hervorragend, das Abendessen hätte ich gar nicht gebraucht. Von Hunger ist jedenfalls keine Spur mehr – läuft doch, dieses vegane Leben! Zumindest so lange, bis ich wieder kochen muss. Oder keinen Bock mehr auf Brokkoli habe. Also...morgen.

Tag 1: Ein holpriger (und hungriger) Start

Morgens

Meine Challenge beginnt unter denkbar schweren Bedingungen. Nicht im Berliner Veganerhimmel, wo der nächste Falafel nie weiter als einen Block entfernt ist, sondern in der Heimat auf dem schwäbischen Land, wo vegan irgendwie wie ein Schimpfwort klingt. Nicht Zuhause, wo vegane Ersatzprodukte warten, sondern am Frühstückstisch im Elternhaus meiner besten Freundin, bei der ich wegen der nächtlichen Ausgangssperre an Silvester übernachten musste. Und nicht fresh und ausgeschlafen, sondern verkatert und müde.

Der Tisch biegt sich geradezu unter sämtlichen Bestandteilen eines reichhaltige Katerfrühstücks, doch ich stelle fest, dass ich kaum etwas davon anrühren kann. Lediglich die Äpfel, Tomaten, das Baguette und die Marmelade sind vegan. Denke ich zumindest. Doch die vermeintliche Marmelade, die ich wegen ihres bosnischen Etiketts nicht richtig zuordnen kann, entpuppt sich nach einem beherzten Biss ins Brot als Honig – und der ist nicht vegan. Versagt schon bei der ersten Mahlzeit. Unser Schulfreund, der ebenfalls mit am Tisch sitzt, wegen seines alkoholgeplagten Magens aber noch keinen Bissen runtergekriegt hat, bemerkt süffisant, dass er 2021 länger vegan gelebt hat als ich. Wir erklären ihn zum Veganer des Jahres. Ich knabbere Apfelschnitze.

Mittags

Den Rest meines ersten Tages als Veganerin bin ich dann vor allem eines: hungrig. Denn ich habe zwar daran gedacht, mir Zutaten fürs Kochen am Abend zu kaufen, nicht aber daran, dass auch die meisten Snacks nicht vegan sind. Die Schokonikoläuse und Plätzchen, die noch unterm Weihnachtsbaum liegen, sind jedenfalls tabu. Immerhin haben wir noch eine Handvoll Walnüsse im Haus.

Abends

Dementsprechend fiebere ich dem Kochen am Abend entgegen. Über den Veganuary-Newsletter bekomme ich Rezepte für die erste Woche zugeschickt, habe mir wegen des Feiertags vorab aber schon in einem veganen Kochblog ein Rezept für Stir-fry Brokkoli mit Seitan ausgesucht und entsprechend eingekauft. Bei meiner Mutter und meinem Bruder hat die Ankündigung der veganen Mahlzeit wenig Begeisterung hervorgerufen, was in mir den Ehrgeiz weckt, zu beweisen, dass veganes Essen sehr wohl sehr lecker sein kann. Mein Vater dagegen knetet begeistert Seitan und findet dieses Lebensmittel, von dem er nie zuvor gehört hat, äußerst interessant. Das Essen wird am Ende selbst von meinem Bruder für "gar nicht mal so schlecht" befunden – im Schwäbischen, wo das Motto "Nicht gemotzt ist genug gelobt" gilt, ist das ein geradezu euphorisches Urteil. Und ich bin endlich satt.

Das weiß ich jetzt

Vorbereitung ist alles – und ich war offenbar nicht vorbereitet, zumindest nicht gut genug. In den kommenden Tagen werden also noch einige Ausflüge in den Supermarkt und Biomarkt anstehen. Den Tag hungrig beginnen, ist keine Option.

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