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EM 2024: Heim-EM und neue Hoffnung – der Überraschungskandidat Türkei

Turkey's Hakan Calhanoglu controls the ball during the Euro 2024 group D qualifying soccer match between Croatia and Turkey at the Opus Arena in Osijek, Croatia, Thursday, Oct. 12, 2023. (AP Phot ...
Hakan Çalhanoğlu führt die Türkei als Kapitän in die EM.Bild: AP / Darko Bandic
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EM 2024: Neue Hoffnung und weniger Druck – die Türkei startet ins Heimturnier

18.06.2024, 16:10
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Das erste Heimspiel von Bundestrainer Julian Nagelsmann war eigentlich ein Etikettenschwindel. Denn als die deutsche Nationalmannschaft am 18. November vergangen Jahres im Berliner Olympiastadion auf die Türkei traf, hatten mehrere Zehntausend türkische Fans die Herrschaft über die Atmosphäre inne. Nationalspieler Salih Özcan bezeichnete das später als "kleinen Vorgeschmack" auf die EM.

Ein WM-Stadion hat die türkische Nationalmannschaft seit 2002 nicht mehr von innen gesehen, bei den zurückliegenden beiden Europameisterschaften war nach der Vorrunde Schluss. Mit Georgien, Portugal und Tschechien erwartet sie in diesem Jahr aber eine machbare Gruppe. Gegen erstere starten sie am Dienstag um 18 Uhr in das Turnier.

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Die Vorzeichen stehen gut, dass bei der EM 2024 für das Team vom Bosporus einiges anders laufen könnte, erklärt Fatih Demireli im Gespräch mit watson. Er war jahrelang Sportjournalist in Deutschland sowie der Türkei und ist seit 2022 Director of Research and Development bei Galatasaray Istanbul.

"Es war für den Nationaltrainer gar nicht so einfach, einen Kader zusammenzustellen", sagt Demireli. "Nicht, weil so wenig Qualität da ist, sondern so viel."

Türkei: Mit Kapitän Hakan Çalhanoğlu zur EM nach Deutschland

Angeführt wird die Mannschaft vom frisch gekürten Mittelfeldspieler der Saison in der Serie A, Hakan Çalhanoğlu. Der 30-Jährige ist mit Inter Mailand italienischer Meister geworden und sogar der beste spielmachende Sechser der Welt. Zumindest, wenn man Hakan Çalhanoğlu fragt.

Im Februar wollte Dazn seine Top 5 der besten Spieler im defensiven Mittelfeld wissen. Sich selbst setzte er auf den ersten Platz. Er kenne seine Qualitäten, sagte Çalhanoğlu. "Und ich habe vor niemandem Angst."

Hinter dem Anführer reihen sich vor allem jungen Talente. Die Türkei stellt den zweitjüngsten EM-Kader des Turniers – der Altersdurchschnitt beträgt 26,24 Jahre.

Arda Güler, Kenan Yıldız und die "Goldene Generation"

Kenan Yıldız (Juventus Turin), Semih Kılıçsoy (Beşiktaş) und Arda Güler (Real Madrid) gehören alle zur "Goldenen Generation", dem "Juwelen-Jahrgang" 2005. Nürnbergs Can Uzun, ebenfalls zugehörig, wurde wider Erwarten noch aus dem erweiterten EM-Kader gestrichen.

Güler, als "türkischer Messi" gehandelt, trat zuletzt gewissermaßen als Anti-Çalhanoğlu in Erscheinung, als er bei der Champions-League-Parade Reals von Carlo Ancelotti als "sehr interessanter Mann" vorgestellt wurde, er sei aber auch "sehr schüchtern". Güler lachte verlegen, nahm das Mikrofon in die Hand und sagte, stimmbruchbedingt durch mehrere Oktaven taumelnd: "Hallo, Madridistas. Wir sind wie eine Familie, danke für alles."

Der Mix aus erfahrenen und jungen Spielern sei auf jeden Fall gegeben, sagt Demireli, auch wenn bei Teilen der Mannschaft noch die Erfahrung auf höchstem Niveau fehle.

Fenerbahçe-Linksverteidiger Ferdi Kadıoğlu etwa gilt bereits als einer der weltweit Besten auf seiner Position, steht aber vor seinem ersten großen Turnier. Und Leistungsträger Ozan Kabak, der sich kurz vor Turnierbeginn einen Kreuzbandriss zugezogen hat, fällt verletzungsbedingt aus.

Die als "Goldene Generation" betitelten Jungprofis "geben zumindest berechtigte Hoffnung, dass man träumen darf", sagt Demireli. Man dürfe sie aber "nicht überfrachten", sie seien schließlich noch am Anfang ihrer Profikarriere.

Die Last der öffentlichen Erwartungshaltung in der Türkei

Nur eine Niederlage kassierte die Türkei bei der Qualifikation zur EM 2024. Zum ersten Mal in der Verbandsgeschichte hat man sich die Teilnahme als Gruppenerster gesichert. In der Vergangenheit wäre die Türkei, wo Fußball Nationalsport und immaterielles Kulturerbe ist, in kollektiven Größenwahn verfallen.

Das sei in diesem Jahr anders, sagt Demireli. "Was gut ist, im Vergleich zur letzten Europameisterschaft, ist die Erwartungshaltung." 2021 habe man geradezu damit gerechnet, "dass die Mannschaft durchmarschiert und um den Titel mitspielt". Um die Altersstruktur wissend, sei die öffentliche Meinung nun milder gestimmt.

Der öffentliche Druck war auch einer der Fallstricke, der Stefan Kuntz im September 2023 seinen Job als Trainer der türkischen Nationalmannschaft gekostet hat. Türkische Medien, sagte Kuntz, hätten dabei eine "extrem große Rolle" gespielt.

Vincenzo Montella hat Traineramt von Stefan Kuntz übernommen

Die Schilderungen von Kuntz, sagt Demireli, habe jeder in der Türkei arbeitende Teamchef erlebt. "Die größte Gabe von einem Trainer in der Türkei ist es, das aushalten zu können." Das habe ihm sein Nachfolger, der Italiener Vincenzo Montella voraus.

"Montella kriegt die Balance sehr gut hin zwischen Erwartung und Realität", sagt Demireli. Etwa bei der 1:6-Niederlage gegen Österreich Ende März. "Da wird in der Türkei normalerweise schon ein Rücktritt gefordert." Montella aber habe das gut wegmoderiert und klar aufgezeigt, wo die Fehler waren. Das zeige den Rückhalt, den er in der Öffentlichkeit hat – "auch, weil er den Rückhalt in der Mannschaft hat".

Vincenzo Montella, head coach of Turkey, during a friendly football match between Italy and Turkey at Renato Dall Ara stadium in Bologna Italy, June 4th, 2024. andreaxstaccioli
Vincenzo Montella ist seit September 2023 Nationaltrainer der Türkei. Bild: IMAGO/Andrea Staccioli

Montella, ein Prototyp der italienischen Trainerkaste im Maßanzug, hatte zuvor zwei Jahre lang den türkischen Erstligisten Adana Demirspor trainiert. Aus seiner Zeit als aktiver Spieler hängt ihm wegen seines Fliegerjubels noch der Spitzname "L'aeroplanino" an – das kleine Flugzeug.

Und mit Montella hat auch eine taktische Umstellung in der Nationalmannschaft Einzug erhalten. Unter Kuntz sei das Spiel sehr auf zwingende Dominanz ausgelegt gewesen, man habe aber "mal so und mal so gespielt", erklärt Demireli. "Unter Montella hat man gemerkt, dass die Mannschaft auch viele Stärken im Umschaltspiel hat."

Vincenzo Montella hat "türkischen Sprech" besser getroffen

Davon profitieren die Spieler, "weil sie wissen, woran sie taktisch sind". Montella habe den Feinschliff hinbekommen, der Kuntz womöglich verwehrt geblieben ist, sagt Demireli. "Und ich glaube, Montella hat den türkischen Sprech besser getroffen als Kuntz. Es war sicherlich auch ein Vorteil, dass Montella vorher in der Türkei gearbeitet und gemerkt hat, wie die Spieler ticken."

Und dann ist da ja noch die Sache mit der verkappten Heim-EM für die Türkei. "Für die türkischen Fans, die hier leben, ist das etwas ganz Besonderes, die Nationalmannschaft hier vor Ort und so nah bei sich zu haben", meint der in Köln geborene Salih Özcan. Er ist einer von 2,9 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Etliche deutschsprachige Spieler in Nationalmannschaft der Türkei

Defensivspieler Kaan Ayhan kommt aus Gelsenkirchen, Kenan Yıldız ist in Regensburg geboren, Hakan Çalhanoğlu stammt aus Mannheim. "Für die Spieler war das nochmal eine besondere Motivation, sich für die EM zu qualifizieren", sagt Demireli. "In dem Land, in dem sie geboren und aufgewachsen sind und sich auch zugehörig fühlen – das ist einfach das größte Ereignis in ihrer Karriere."

Für die vielen deutschsprachigen Spieler sei die EM "ein Stück weit wie nach Hause kommen", sagt Özcan. "Viele Familien der Spieler leben ja auch noch in Deutschland." Er selbst habe aufgrund zahlreicher Wünsche aus seinem Umfeld insgesamt 150 Eintrittskarten für die Gruppenspiele (zweimal Dortmund, einmal Hamburg) angefragt.

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BVB-Profi Salih Özcan tritt für die türkische Nationalmannschaft bei der EM an.Bild: dpa / Harry Langer

Von einer Heim-EM, jugendlichem Elan und dem "kleinen Flugzeug" Montella beflügelt, geht die Türkei so aussichtsreich wie lange nicht mehr in ein großes Turnier. Im Nachhinein werde man sagen, "die Türkei hat eine tolle Nationalmannschaft, die tollen Fußball spielt", meint Demireli.

Bei der WM 2026 könne sie dann auf einem anderen Niveau, mit mehr Erfahrung und höheren Erwartungen spielen. "Aber meine allererste Erwartung ist, dass diese Mannschaft einen positiven Eindruck hinterlassen wird."

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Seitdem Zinédine Zidane im Jahr 2002 mit einem der schönsten Tore in der Geschichte der Champions League den Pokal mit Real Madrid gewonnen hat, haben spanische Mannschaften sowie die spanische Nationalmannschaft in insgesamt 23 großen Endspielen gegen nicht-spanische Mannschaften gespielt. In allen 23 Fällen haben die spanischen Mannschaften gewonnen.

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