50.000 Fans durften zum Derby zwischen Köln und Gladbach, viele trugen keine Maske.
50.000 Fans durften zum Derby zwischen Köln und Gladbach, viele trugen keine Maske.Bild: www.imago-images.de / Moritz Mueller
Analyse

"Volle Stadien wie Brandbeschleuniger": Epidemiologen kritisieren Vollauslastung bei Bundesliga-Spielen

29.11.2021, 16:2530.11.2021, 14:52

Der Jubel kannte keine Grenzen. 4:1 besiegte der 1. FC Köln am Samstagnachmittag im Derby Borussia Mönchengladbach. Für viele Anhänger beider Mannschaften ist es das wichtigste Spiel der Saison. Allerdings geriet das sportliche Ergebnis in den Hintergrund. Vielmehr wurde sich darüber aufgeregt, dass 50.000 Fans im Stadion waren und damit Vollauslastung in Köln herrschte.

Dazu kam, dass einige der Zuschauer nicht einmal mehr ihre Maske trugen. In Köln herrschte am Wochenende eine Inzidenz von rund 300 Neuansteckungen pro 100.000 Bewohner, mehrere hunderte kommen täglich dazu. Auf watson-Anfrage teilte die Stadt Köln nun mit, dass sie mit dem FC im Austausch sei und als Konsequenz nun eine verschärfte Stadionordnung abgesegnet wurde. Ab dem nächsten Spiel könnten "Zuschauer ohne Maske aus dem Stadion verwiesen werden."

Weitere Genehmigung für Vollauslastung wohl unrealistisch

Zur Vollauslastung hatte vergangenen Freitag noch das Kölner Gesundheitsamt das Go gegeben und dadurch erst die heikle Situation heraufbeschworen. Mittlerweile hat der gesundheitspolitische Sprecher der CDU in NRW, Peter Preuß, im Deutschlandfunk klargemacht, dass es ein Fehler gewesen sei: "Ich bin mir sicher, dass eine solche Genehmigung, wie sie wohl erteilt worden ist, heute, unter den Bedingungen, die wir jetzt kennen, nicht erteilt worden wäre."

Kann daraus geschlossen werden, dass beim nächsten Spiel in Nordrhein-Westfalen keine Vollauslastung mehr zugelassen wird? Wie steht es um das Top-Spiel der Bundesliga am kommenden Samstag zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern? Ist es noch vertretbar, dass Zuschauer zu den Spielen erlaubt sind?

"Ich denke, es läuft auf eine deutliche Reduktion der Zuschauerzahlen hinaus."
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst

Zumindest sieht es danach aus, als sei die Zeit der vielen Zuschauer in den Bundesliga-Stadien vorbei. Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen resümierte am Montag in einem Statement die Vollauslastung in Köln: "Wir haben mit dem Gesundheitsamt sehr eng das 2G-Thema und die Maskenpflicht abgestimmt. Wir haben gesehen, dass es mit der Maskenpflicht nicht konsequent umgesetzt worden sind. Solche Bilder darf es nicht nochmal geben und wir werden unsere Werkzeuge nutzen, um das zu verhindern."

Anschließend wurde Wüst auch auf das anstehende Fußball-Wochenende in seinem Bundesland mit dem Kracher zwischen Dortmund und Bayern angesprochen. Der 46-Jährige sprach klar: "Wir werden das, was wir an Möglichkeiten haben, jetzt sehr konsequent umsetzen. Ich denke, es läuft auf eine deutliche Reduktion der Zuschauerzahlen hinaus."

Dortmunds Erling Haaland (l.) im Zweikampf mit Bayerns Dayot Upamecano im Supercup.
Dortmunds Erling Haaland (l.) im Zweikampf mit Bayerns Dayot Upamecano im Supercup.Bild: www.imago-images.de / Anke Waelischmiller/Sven Simon

Das würde heißen, dass vermutlich doch keine 67.000 Zuschauer beim Top-Spiel im Stadion sein könnten. Und genau das befürworten die Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs und Prof. Markus Scholz unabhängig voneinander. Ulrichs sagt gegenüber watson: "In der aktuellen Phase der vierten Welle und angesichts des dokumentierten Nachlassens der Immunantwort einige Monate nach der zweiten Impfung ist es angezeigt, solche Massenveranstaltungen generell sein zu lassen."

Scholz ergänzt, dass Großveranstaltungen wesentliche Treiber des Infektionsgeschehens seien und wegen der aktuellen Infektionslage kritisch zu sehen seien – "erst recht, wenn die Maskenpflicht nicht eingehalten wird."

"Alle weiteren Fußballspiele sollten durchweg ohne Zuschauer vor Ort im Stadion durchgeführt werden."
Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs über Zuschauer bei Bundesliga-Spielen

Scholz fordert als Konsequenz, die Zuschauerzahl zu senken: "Großveranstaltungen als wesentliche Treiber des Pandemiegeschehens sollten bei Kontaktbeschränkungen meiner Einschätzung nach zuerst abgesagt beziehungsweise die Teilnehmerzahlen deutlich reduziert werden. Die Gefahr für Superspreading ist hier einfach zu groß." Gleichzeitig betont Scholz, dass er sich nicht ausschließlich auf Fußballspiele beziehe, sondern generell auf Veranstaltungen mit hohen Teilnehmerzahlen.

Der Epidemiologe Ulrichs geht sogar noch weiter, fordert: "Alle weiteren Fußballspiele sollten durchweg ohne Zuschauer vor Ort im Stadion durchgeführt werden. Und für die Spieler sollte die 2G(plus)-Regel gelten. In der augenblicklichen Phase der Virusausbreitung wirken volle Fußballstadien wie Brandbeschleuniger. Der Infektionsdruck ist einfach zu groß – wir hätten die 2G-Regel für solche Veranstaltungen schon im Spätsommer einführen sollen."

Die Fans im Kölner Stadion gegen Gladbach. Trotz Maskenpflicht wird kaum eine Maske getragen.
Die Fans im Kölner Stadion gegen Gladbach. Trotz Maskenpflicht wird kaum eine Maske getragen.Bild: www.imago-images.de / Norbert SCHMIDT

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte allerdings im Oktober Untersuchungen angelegt, nach denen es bei zwei Millionen verkauften Tickets in der 1. und 2. Bundesliga nur neun Kontaktverfolgungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gab. Epidemiologe Scholz stellt dazu klar: "Das ist nicht sehr aussagekräftig. Man weiß ja häufig nicht, wo beziehungsweise bei wem man sich angesteckt hat. Es ist praktisch unmöglich, eine Kontaktverfolgung bei Großveranstaltungen durchzuführen. Das wird meines Wissens typischerweise deshalb gar nicht erst versucht."

Ähnlich problematisch sieht es auch SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Im Gespräch mit der "Bild am Sonntag" erklärte der 58-Jährige: "Ich finde es hochproblematisch, was wir beim Fußball sehen. Die Menschen infizieren sich nicht im Stadion, aber die Anreise und die Feiern nach dem Spiel sind die Infektionsherde. Daher sind Spiele im vollen Stadion aktuell nicht akzeptabel."

Unterdurchschnittliches Infektionsgeschehen im Kölner Stadion

Die Stadt Köln widerspricht hingegen sowohl den Vorwürfen von Scholz als auch von Lauterbach. In einer Mitteilung heißt es auf watson-Anfrage: "Die Auswertungen des Infektionsgeschehens nach den Spielen (des 1. FC Kölns, d. Red.) hat bisher ergeben, dass die verabredeten Konzepte funktionieren, da lediglich ein unterdurchschnittliches Infektionsgeschehen festgestellt werden konnte."

Weiter heißt es, dass eine Maskenpflicht im Stadion vereinbart gewesen sei. Der FC sei seine "Betreiberverantwortung gerecht geworden" und habe "durch Durchsagen und Einblendungen die Zuschauer zum Tragen der Masken aufgefordert". Aufruhr gab es dennoch, weil sich trotz der Durchsagen und Einblendungen offensichtlich nicht alle Fans an die Maskenpflicht gehalten haben. Wegen Reduzierungen der Kapazität werden in Zukunft wohl weniger Zuschauer ins Stadion dürfen. Auch beim Topspiel zwischen Dortmund und Bayern am kommenden Wochenende.

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