03.10.2020, Gro

Kai Havertz (links) und Timo Werner sind beim FC Chelsea noch nicht ganz angekommen. Bild: dpa / Mike Hewitt

Analyse

Britische Presse stürzt sich auf deutsche Sorgenkinder: Warum Werner und Havertz es gerade dick abbekommen

Constantin eckner

Im vergangenen Sommer wechselten zwei deutsche Superstars zum FC Chelsea und sollten bei den Londonern eine neue Ära einläuten. Doch bis jetzt verläuft das England-Abenteuer weder für Timo Werner noch für Kai Havertz nur ansatzweise so, wie es sich Spieler und Verein vorgestellt haben. Die bekannte britische Presse hat die beiden kurzerhand zu den Gesichtern der Chelsea-Krise erklärt. Was ist genau passiert?

Im Sommer startete der Londoner Club eine für Corona-Zeiten recht ungewöhnliche Transferoffensive. Chelsea war 2019 mit einer Transfersperre belegt worden und hatte deshalb noch reichlich Reserven für neue Spieler. Cheftrainer Frank Lampard war für die bestehende Mannschaft stets voll des Lobes, aber auch der einstige Chelsea-Kapitän konnte der Verführung des Transfermarktes nicht widerstehen. Immerhin plante auch er einen Angriff auf die englische Meisterschaft.

Für insgesamt 133 Millionen Euro kamen Timo Werner (24 Jahre) und Kai Havertz (21 Jahre) aus der Bundesliga. Während Werner aufgrund seiner Tore für RB Leipzig schon seit längerem mit europäischen Top-Clubs in Verbindung gebracht wurde und sein Leistungsvermögen weit über die Grenzen der Bundesliga bekannt war, galt der noch drei Jahre jüngere Havertz als das Kronjuwel des deutschen Fußballs. Chelsea war überglücklich, dass sich eben dieses Super-Talent für die "Blues" und nicht einen anderen noch namhafteren Verein entschied.

Im Sommer herrschte also Glückseligkeit an der Stamford Bridge, dem Zuhause des FC Chelsea. Doch rasch folgte Ernüchterung. Die Mannschaft kam nach einem passablen Start zusehends aus dem Tritt, verlor den Anschluss an die Meisterschaftskandidaten. Mittlerweile dümpelt man im Mittelfeld und kann sich lediglich daran erfreuen, dass es Stadtrivale Arsenal noch schlechter ergeht. Wenngleich die englische Presse wenig überraschend Lampard ins Visier nahm, wurden auch die teuren Neuzugänge zu den Mitschuldigen für die Misere erklärt.

Falsche Rollenverteilung im System

Beim Blick auf die nackten Zahlen wirken die Leistungen der beiden vielversprechend. Havertz erzielte fünf Tore und bereitete weitere vier vor, während Werner mit neun Treffern zum besten Torjäger der "Blues" avancierte. Abseits dieser Zahlen lieferten beide jedoch einige enttäuschende Auftritte ab. Havertz, der aufgrund seiner Statur, Herkunft und Dynamik gerne mit dem früheren Chelsea-Spielmacher Michael Ballack verglichen wird, kann gerade im Passspiel noch nicht wirklich überzeugen. Werner handelte sich derweil einige Wochen lang einen Ruf als Chancentod ein, als er reihenweise gute Gelegenheiten vor dem Tor liegen ließ.

Kai Havertz (Deutschland) und Timo Werner (Deutschland). GES/ Fussball/ UEFA Nations League: Deutschland - Schweiz, 13.10.2020 Football / Soccer: UEFA Nations League: Germany vs. Switzerland, Cologne, October 13, 2020

In der Nationalmannschaft sind Havertz (Nummer 21) und Werner gesetzt. Bild: GES-Sportfoto / Markus Gilliar

Lampard selbst nimmt die beiden Deutschen in Schutz. "Er hat das Land gewechselt und die Vorbereitung verpasst. Das ist nicht förderlich, für keinen Spieler, egal in welcher Liga. Und als er in Form kam, hat er sich mit dem Coronavirus infiziert", sagte der 42-Jährige etwa kürzlich zur Situation von Havertz. Gleichzeitig muss sich Chelseas Cheftrainer aber auch selbst einige Kritik gefallen lassen – gerade hinsichtlich der Art und Weise, wie er Werner und Havertz taktisch einsetzt. Werner spielt im 4-3-3 zumeist auf der linken Seite und nicht wie in Leipzig in einer Doppelspitze. Havertz kann nicht immer die von ihm präferierte Zehnerposition besetzen, weil es diese im 4-3-3 gar nicht gibt.

Werner gilt als Chancentod

Diese taktischen Probleme sind allerdings hausgemacht. Als Chelsea im Sommer auf Einkaufstour ging, waren einige Rollen in der Offensive bereits mit Talenten besetzt. Trotzdem holten die Londoner mit Werner, Havertz und Hakim Ziyech von Ajax drei weitere hoch veranlagte und teure Offensivspieler. Werner durfte beispielsweise nicht immer auf der Mittelstürmerposition spielen, weil diese ursprünglich für Eigengewächs Tammy Abraham vorgesehen war. Als Außenstürmer fällt er wiederum im Vergleich zum quirligen Christian Pulisic ab. Ähnlich ergeht es Havertz, der der sich im Offensivzentrum sehr wohlfühlt, aber mitunter auf der Außenbahn oder deutlich tiefer als gewohnt spielen musste.

Es ist aber kein Geheimnis, dass selbst die besten Spieler nicht einfach in irgendwelche Rollen gesteckt werden können und man dann Top-Leistungen von ihnen erwarten sollte. Allerdings ist die Erwartungshaltung gerade an Havertz aufgrund der Vorschusslorbeeren und der hohen Ablösesumme von 80 Millionen Euro extrem. Fans und die unerbittlichen Medien auf der Insel verlangen vom Supertalent mehr und das am besten sofort. Insofern bleibt den beiden deutschen Offensivstars nichts anderes übrig, als die Kritik auszublenden und weiter an ihrer Form zu arbeiten, damit sie zu jenen Stützen werden, die sie selbst sein wollen – und die Chelsea bitter nötig hat. Dass Lampard dabei nur bedingt eine Hilfe sein wird, hat der Trainer zuletzt vielfach unter Beweis gestellt.

Antonio Rüdiger geht es noch schlechter

Eine Sorge haben Werner und Havertz allerdings nicht: Bundestrainer Joachim Löw wird auch bei durchwachsenen Leistungen weiterhin auf sie bauen. Anders ergeht es da übrigens dem dritten Deutschen bei Chelsea, Antonio Rüdiger. Der kam in dieser Saison auf jämmerliche drei Einsätze und muss noch viel mehr als die beiden jüngeren Landsmänner um seine sportliche Zukunft bangen. Die Stamford Bridge ist in diesen Tagen in jedem Fall kein Ort der Glückseligkeit mehr.

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