"Mr. Freedom" – so möchte der NBA-Spieler jetzt genannt werden.
"Mr. Freedom" – so möchte der NBA-Spieler jetzt genannt werden.Bild: NBAE / Brian Babineau
Analyse

Morddrohungen und Beinahe-Entführung: Warum der türkischstämmige NBA-Star Enes Kanter jetzt Enes Freedom heißt

11.12.2021, 10:4111.12.2021, 12:45

Immer wenn Enes Freedom in der Öffentlichkeit ist, sticht er mit seinen 2,08 Metern Körpergröße heraus. So auch am 1. Juni 2020 – überall auf der Welt gingen Menschen auf die Straße, um in Gedenken an George Floyd an den "Black-Lives-Matter"-Protesten teilzunehmen. Enes Freedom, der damals noch Enes Kanter hieß, nahm, umzingelt von Mitdemonstranten, in Boston das Mikrofon in die Hand und begann zu reden. "Mein Name ist Enes Kanter und ich spiele für die Boston Celtics. Wir brauchen einen Wandel und der kann nicht warten. Wir sind auf der guten Seite. Black Lives Matter!".

Es ist keinesfalls überraschend, dass sich Enes Freedom für "Black Lives Matter" und die Rechte Anderer einsetzt. Schon seit einigen Jahren macht er immer wieder auf Missstände aufmerksam und nahm damit Einschränkungen für sich selbst in Kauf. Dies führte nun sogar dazu, dass er seinen Nachnamen im Zuge seiner US-Einbürgerung kürzlich zu "Freedom" änderte.

"Heute habe ich die verloren, die ich 24 Jahre lang meine Familie nannte."
Enes Freedom nachdem seine Familie sich von ihm lossagte

Der Basketball-Profi will damit nicht nur auf das Gut aufmerksam zu machen, das seiner Meinung nach am wichtigsten ist – die Freiheit. Sondern mit einer US-Staatsbürgerschaft schützt er auch sich selbst. Denn im Zentrum seiner Kritik stehen die Türkei, sein eigentliches Heimatland, sowie China und die Kommunistische Partei unter Führung von Präsident Xi Jinping. Mächtige Gegner.

Gerade die sehr angespannte Beziehung zwischen Enes Freedom und Türkeis Präsident Recep Tayyip Erdoğan sorgte dafür, dass der Basketballer der Boston Celtics bis vor wenigen Wochen staatenlos war. Laut eigener Aussage erhält er täglich Morddrohungen und sei nur knapp einer Entführung entgangen. Doch was führte zu solch drastischen Ereignissen?

Freedom bei den "Black-Lives-Matter"-Protesten
Freedom bei den "Black-Lives-Matter"-ProtestenBild: www.imago-images.de / MATTHEW HEALEY

Alles begann mit einem Putschversuch

Freedoms Weg in die National Basketball Association (NBA) war steinig. Für seine College-Mannschaft, die "University of Kentucky", durfte der heute 29-Jährige nicht spielen, da er zuvor beim türkischen Verein Fenerbahçe Ülkerspor zu viel Geld mit dem Basketballspielen verdient hatte, obwohl er noch nicht Profi war. Zu diesem Zeitpunkt war das nicht mit den Statuten des großen Nationalen-College-Sport-Verbandes (NCAA) vereinbar war.

Freedom musste sich über andere Wege für die NBA empfehlen und brillierte bei Spielen mit Talenten aus aller Welt. An dritter Stelle wurde er in der NBA-Talenteauswahl 2011 von den Utah Jazz gewählt. Ein Millionen-Vertrag und nationale Aufmerksamkeit in den USA und besonders in der Türkei waren ihm sicher. Doch anstatt sportlicher Leistungen standen seine kritischen Aussagen gegenüber den politischen Verhältnissen in der Türkei oft im Mittelpunkt.

Das ist Enes Freedom
Freedom wurde am 20. Mai 1992 in Zürich geboren, wuchs aufgrund der Arbeit seines Vaters aber im türkischen Ort Van auf und besuchte dort eine Gülen-Nahe Schule. Mit 14 begann er das Basketballspielen, hatte schon bald Angebote, Profi in der Türkei zu werden, entschied sich aber dafür, auf eine amerikanische High-School zu gehen. Er wurde 2011 von den Utah Jazz an dritter Stelle gedraftet und spielte seitdem auch für die Oklahoma City Thunder, New York Knicks, Portland Trailblazers und Boston Celtics in der NBA.

In Folge des Putschversuchs 2016 in der Türkei geriet Freedom ins Visier von Erdoğan. Damals versuchten Teile des türkischen Militärs, die türkische Regierung um Präsident Erdoğan zu stürzen. Infolgedessen gab es Massenentlassungen, Haftstrafen und Suspendierungen für viele Menschen im Staatsdienst, aber auch Journalisten und Dissidenten jeglicher Art.

"Freedom nannte Erdoğan daraufhin den 'Hitler unseres Jahrhunderts'".

Türkische Ermittlungsbehörden beschuldigen Fethullah Gülen und seine Anhänger, den Putsch initiiert zu haben. Nachgewiesen werden konnte es aber nicht. Gülen lebt seit über 20 Jahren im Exil in den USA und ist großer Erdoğan-Kritiker. In der Türkei wird die Gülen-Bewegung, auch "Hizmet" genannt, als terroristische Organisation angesehen. Einer der größten und bekennendsten Anhänger Gülens ist eben jener Enes Freedom.

Er sagte einmal, seine Liebe zu Gülen sei größer als die zu seinen Eltern und seinen Geschwistern. Dementsprechend sieht die Türkei Freedom als Mitglied einer terroristischen Vereinigung an.

Enes Freedom ist großer Anhänger von Fethullah Gülen.
Enes Freedom ist großer Anhänger von Fethullah Gülen. Bild: www.imago-images.de / Hizmet

Es geht um Morddrohungen, Entführungsversuche und Haftbefehle

Mit Kritik an Erdoğan sparte der gebürtige Zürcher zwar schon vor dem Putschversuch nicht, die Situation eskalierte aber erst danach so richtig. Und sie ist facettenreich. Was folgt, gleicht eher Teilen eines "True-Crime"-Podcasts, als dem Leben eines NBA-Profis.

Zum einen ist da Freedom’s Vater, Dr. Mehmet Kanter. Eigentlich kritsierte der Professor lange Zeit Erdoğan, doch nach dem Putschversuch und einem Bekenntnis zu Gülen, verstieß er seinen Sohn. "Heute habe ich die verloren, die ich 24 Jahre lang meine Familie nannte. Mein eigener Vater möchte, dass ich meinen Nachnamen ändere. Meine Mutter, die mich geboren hat, verstößt mich", schrieb Freedom bei Twitter.

Es ist davon auszugehen, dass Mehmet Kanter das vor allem tat, um nicht als einer der Dissidenten zu gelten, die Erdoğan ins Gefängnis hatte stecken lassen. Später wurde Mehmet Kater dennoch zu 15 Jahren im Gefängnis verurteilt – weil auch er Teil der Gülen-Bewegung ist. Freedom nannte Erdoğan daraufhin den "Hitler unseres Jahrhunderts".

Die Liste der Dinge, die seit dem Putschversuch passiert sind, ist lang. Freedom’s Pass wurde 2017 von der Türkei annulliert, seitdem ist er staatenlos. Auf Reisen nach Kanada oder London, wo auch NBA-Spiele stattfinden, muss er mittlerweile verzichten. Der Profi-Sportler vermutet, dass er außerhalb der USA entführt werden könnte.

Zehn Haftbefehle in den vergangenen vier Jahren

Einen Entführungsversuch hat er laut eigener Aussage schon hinter sich. Als er ein Basketballcamp in Indonesien veranstaltete, kam sein Manager um 2.30 Uhr nachts in sein Zimmer und teilte ihm mit, dass der indonesische Geheimdienst nach ihm suche, weil die türkische Regierung bei ihnen anrief und sagte, dass er ein gefährlicher Mann sei und sie mit ihm reden müssen.

Einige Stunden später, noch bevor der indonesische Geheimdienst ihn fassen konnte, saß er im Flugzeug nach Singapur. Als sein Anschlussflug in Bukarest landete, teilten rumänische Behörden ihm mit, dass sein Pass annulliert worden sei. Nur mithilfe der NBA konnte Freedom in die USA zurückkehren. Freedom ist davon überzeugt, dass er getötet worden wäre, hätte man ihn in die Türkei gebracht.

Seitdem erhält er täglich Morddrohungen. Spiele mit seiner Beteiligung sind in der Türkei zensiert. Wenn Freedom den Ball hat, wird ein schwarzer Balken über ihn gelegt. Auf Twitter postete Freedom vor kurzem den 10. Haftbefehl, der innerhalb der letzten 4 Jahre gegen ihn ausgestellt wurde – unterschrieben vom Staatspräsidenten. Außerdem soll die Türkei in auf eine "Gesucht"- Liste bei Interpol gestellt haben. Nicht ungewöhnlich, wenn man eine Person als Terroristen einstuft.

"Gerade deshalb ist es wichtig, dass Freedom nun US-Staatsbürger geworden ist", sagt Basketballjournalist André Voigt gegenüber watson. "Freedom hat nun eine gewisse Sicherheit. Falls doch etwas passiert, müssen amerikanische Behörden ihm helfen."

Freedom sucht sich noch mächtigere Gegner

Und doch hört Freedom nicht auf, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Sein nächster, noch mächtigerer Gegner: China. Die Volksrepublik ist, wie Voigt sagt, "der Markt mit dem größten Potenzial für die NBA". Kritik an China führte schon in der Vergangenheit zu Problemen für die NBA.

2019 machte sich der damalige General Manager der Houston Rockets, Daryl Money, im Zuge der Hongkong-Proteste mit einem Tweet für die Unabhängigkeit der Sonderverwaltungszone stark. Prompt strich das chinesische Fernsehen die NBA-Vorbereitungsspiele-Spiele aus dem Programm. "Die gesamte Kooperation und Kommunikation mit der NBA wird überwacht", hieß es zudem von CCTV, dem chinesischen Sportkanal.

Morey, wie auch die NBA-Superstars James Harden und LeBron James entschuldigten sich umgehend. "Wir lieben China", sagte Harden. Während James darauf aufmerksam machte, dass Money nicht bedacht habe, wie viele Menschen durch den Tweet hätten verletzt werden können, "nicht nur finanziell, sondern auch physisch, emotional, spirituell".

"Alleine dieser Tweet hat zu Millionenverlusten für die NBA geführt", sagt Voigt. Dass sich die NBA in nächster Zeit kritisch zu China äußern wird glaubt er nicht. "Die NBA ist zuallererst Wirtschaftskonzern. Wieso sollte also gerade die NBA damit anfangen, China zu kritisieren? Die ausbleibende Kritik an China kann man nicht isoliert der NBA vorwerfen, wenn dann müsste man uns alle kritisieren. Business geht für die NBA nun mal vor."

André Voigt ist Chefredakteur des neuen Basketballmagazins "Got Nexxt - The Magazine" und Kommentator bei DAZN.
André Voigt ist Chefredakteur des neuen Basketballmagazins "Got Nexxt - The Magazine" und Kommentator bei DAZN.Bild: www.imago-images.de / Martin Hoffmann

Protest gegen Behandlung der Uiguren und für die Freiheit von Hongkong und Tibet

Freedom, der juristisch gesehen bei der NBA angestellt ist, hört trotzdem nicht auf, die Missstände in China zu benennen. Die massiven Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Uiguren, also der muslimischen Minderheit in China, sind ein offenes Geheimnis.

Freedom macht auf die Situation der Uiguren aufmerksam, indem er darüber auf seinen Social-Media-Kanälen postet, sich in Interviews dazu äußert oder Schuhe mit politischen Aufschriften bei NBA-Spielen trägt. Es ist ihm egal, wenn jemand etwas dagegen hat.

"Als ich beim Saison-Auftakt im Madison Square Garden in New York meine Schuhe mit dem Aufdruck 'Befreit Tibet' anhatte, kamen noch vor dem Spiel zwei Typen aus dem NBA-Management auf mich zu", erzählt Kanter im Interview mit dem US-Fernsehsender CNN. "Du musst die Schuhe ausziehen. Wir flehen dich an! Wir kriegen hier lauter Anrufe deswegen rein!". Freedom trug die Schuhe trotzdem.

"Es ist durchaus möglich, dass Teams ihn nicht mehr verpflichten."
André Voigt, Basketballjournalist

Sein Aktivismus könnte ihn aber in Schwierigkeiten bringen. Es sei durchaus möglich, dass Teams ihn nicht mehr verpflichten, sagt Voigt. "Wenn Teams wüssten, dass ihre Spiele in China nicht mehr gezeigt und keine Trikots des Teams mehr verkauft werden, wenn Freedom bei ihnen spielt, könnten sie davon absehen, ihn unter Vertrag zu nehmen."

Das ist nicht unwahrscheinlich. Seitdem Freedom den chinesischen Präsidenten Xi Jinping kürzlich als "brutalen Diktator" bezeichnet hatte, werden die Spiele seiner Boston Celtics in China nicht mehr ausgestrahlt und alle Highlights gelöscht. Und sportlich ist der Center der Boston Celtics allemal ersetzbar.

Auch für die Unabhängigkeit von Tibet ("China betreibt kulturellen Genozid an Tibet") und Hongkong ("Kämpft für die Freiheit. Unterstützt Hongkong") setzt er sich immer wieder ein und kritisiert die Superstars der NBA dafür, vor China einzuknicken. "Morals over Money" lautet sein Credo. Das der anderen "Money over Morals", schrieb er bei Twitter.

Die Grenze zwischen Selbstinszenierung und Aktivismus ist schmal

Mit seiner Kritik an LeBron James und China ist Freedom auch, aber nicht nur, zu einem Liebling der Republikaner geworden. Nach seiner Einbürgerung sagte er, dass es der schönste Tag seines Leben sei. "Das war schon immer mein Traum. Amerika ist die beste Nation auf der Welt" und heimste sich ein Lob vom konservativen FOX-Nachrichtensprecher Tucker Carlson ein: "Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen in diesem Land wie dich."

Die soziale Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen in den USA sieht Freedom auch nicht ganz so kritisch. "Leute sollten sich gesegnet fühlen, dass sie in Amerika sein dürfen. Man liebt es zu kritisieren, aber wenn man in einem Land wie der Türkei oder China aufwächst, schätzt man die Freiheit hier viel mehr. Sie sollten einfach ihren Mund halten und die beste Nation der Welt zu schätzen wissen." Die Grenzen zwischen Selbstinszenierung und aufrichtigem politischen Aktivismus verlaufen fließend.

Freedom bekommt so ständig Aufmerksamkeit. Denn sportlich hielt er nie das, was er versprach. Ob er politisch etwas ändern kann, ist fraglich, aber er möchte seine "Plattform weiter dafür nutzen, Menschenrechte und Demokratie zu unterstützen."

André Voigt glaubt jedoch nicht, dass er damit einen großen Einfluss hat. "Wirklich etwas ändern wird sich durch Freedom und seine Namensänderung nicht", ist er sicher. "Dafür ist er zu unbekannt. Mit seinen Aussagen wird er zwar einige Menschen zum Nachdenken anregen und seine Namensänderung illustriert, dass er sich öfter zum Thema Freiheit äußert, aber Freedom ist einfach kein Superstar. Wäre es LeBron James, der sich so kritisch äußert, wäre es etwas Anderes".

Enes Kanter Freedom, wie er nun offiziell heißt, ist so ein Basketballer, der mehr Minuten bei den Nachrichtensendern CNN oder Fox News bekommt als auf dem Feld.

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Nach Wirbel durch Sportartikelhersteller: Katar erzürnt wegen WM-Trikot

Wohl keine Weltmeisterschaft sah sich bislang so großer Kritik ausgesetzt wie die kommende WM in Katar. Laut Angaben der Nichtregierungsorganisation Amnesty International sind für den Bau der Stadien mittlerweile mindestens 15.000 Menschen gestorben. In weniger als zwei Monaten beginnt der Auftakt des umstrittenen Sport-Ereignisses.

Zur Story