Kyrie Irving (l.) spielt seit 2019 für die Brooklyn Nets.
Kyrie Irving (l.) spielt seit 2019 für die Brooklyn Nets.Bild: www.imago-images.de / David Santiago

Kontroverse Debatte: Wieso NBA-Superstar Kyrie Irving wohl die Saison verpasst, weil er nicht geimpft ist

19.10.2021, 15:5520.10.2021, 11:05

Schwindelerregende Dribblings, nicht zu verteidigende Korbleger und Dreipunkt-Würfe fast von der Mittellinie – NBA-Superstar Kyrie Irving beeindruckt Fans und Experten der nordamerikanischen Profi-Basketballliga NBA seit mehr als zehn Jahren.

Nun startet die beste Basketball-Liga der Welt in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, jedoch ohne den 29-Jährigen. Der Spielmacher der Brooklyn Nets wird nicht nur den Saisonauftakt seines Teams beim Spiel gegen den amtierenden Champion, die Milwaukee Bucks verpassen, sondern vermutlich die ganze Saison. Der Grund: Irving weigert sich, sich impfen zu lassen.

"Lehnt der Spieler die Impfung ab, so wird der Klub seinen Spieler unbezahlt von der Arbeit freistellen können, zumal ein Mannschaftsspieler einer Kontaktsportart nicht anderweitig eingesetzt werden kann."
Sportrechtler Rainer Cherkeh

"Es geht nicht darum, ein Impfgegner zu sein oder sich auf eine Seite zu schlagen, es geht mir nur darum, das zu tun, mit dem ich mich wohlfühle. Ich bin immer noch unsicher über einige Sachen und das ist auch in Ordnung so. Wenn ich jetzt dafür verurteilt werde, weil ich noch mehr Fragen habe und mir Zeit lasse, um Entscheidungen über mein Leben zu treffen, dann ist das einfach so", erklärte er in einem Livestream bei Instagram.

Impfung für Hallensportarten
in New York City und
San Francisco Pflicht

In New York City gibt es die aktuelle Corona-Verordnung, dass Sportler des Heimteams und Zuschauer von Hallensportarten geimpft sein müssen, um eine Halle zu betreten. Da Irving nur bei den 41 Auswärtsspielen seinem Team zur Verfügung stehen würde, haben sich die Brooklyn Nets dazu entschieden, ihn komplett zu suspendieren bis er wieder die Voraussetzungen erfülle, "ein vollwertiger Teilnehmer zu sein".

"Glaubt nicht, dass ich jetzt meine Karriere beenden und dieses Spiel aufgeben werde, nur aufgrund einer Impfpflicht oder weil ich mich nicht impfen lasse."
NBA-Superstar Kyrie Irving in einem Livestream

"Kyrie hat eine persönliche Einstellung, und wir respektieren sein individuelles Recht auf diese Entscheidung", sagte Nets-Manager Sean Marks vergangene Woche und erklärte, man würde Kyrie wieder mit offenen Armen empfangen, aber "unter anderen Umständen."

Dabei ist Irving nicht der einzige NBA-Superstar, der sich gegen eine Impfung ausspricht. Auch Bradley Beal von den Washington Wizards und Andrew Wiggins gehören dazu. Wiggins führte zunächst religiöse Gründe an, lies sich schlussendlich aber doch impfen. Auch für ihn hätte es bedeutet, dass er alle Heimspiele seiner Warriors in San Francisco verpasst, da es dort die gleiche Regelung wie in New York gibt.

Impfpflicht für Manager, Coaches und Betreuer

Dennoch gibt es kein generelles Impfproblem innerhalb der Liga. Wie NBA-Präsident Adam Silver auf einer Pressekonferenz am Montag berichtete, seien 96 Prozent aller Spieler geimpft. Eine Impfpflicht für Spieler gibt es aber nicht. Sie scheiterte auch am Widerstand der Spielergewerkschaft, dessen Vize-Präsident Irving ist.

Nets Manager Sean Marks
Nets Manager Sean Marks Bild: imago sportfotodienst / ITAR-TASS

Anders sieht es aber bei Schiedsrichtern, Trainer und dem Betreuerstab aus – sie müssen sich impfen lassen. "Jeder, der geimpft ist, sollte sauer auf diejenigen sein, die es nicht sind", wird ein anonymer Assistenztrainer vom Sender ESPN zitiert. Die Spannungen zwischen den Impfverweigerern unter den Spielern und den Mitarbeitern seien wohl zu spüren.

"Um unsere Ziele in dieser Saison zu erreichen, müssen alle Mitglieder unserer Organisation an einem Strang ziehen", sagt Nets-Manger Marks.

Kampf gegen Rassismus und verrückte Weltanschauungen

Und dieser Strang sollte für Brooklyn und Irving in diesem Jahr eigentlich der Gewinn der Meisterschaft sein. Gemeinsam mit den Superstars Kevin Durant und James Harden galten die Nets als Topfavorit auf die Meisterschaft. Seine beiden Star-Kollegen nehmen ihm seinen bisherigen Ausfall jedoch nicht übel. "Sie haben gesagt, dass sie seine Entscheidung respektieren und innerhalb der Kabine scheint das kein Problem zu sein", sagt Philipp Jakob, der die NBA seit Jahren für spox/nba.com begleitet, gegenüber watson.

Irvings Entscheidung spaltet die Sportwelt und dennoch ist er immer noch einer der besten und beliebtesten Spieler der Liga. Unter den Top-15 der meistverkauften Trikots ist er jährlich zu finden. Doch der NBA-Champion von 2017 sorgt auch immer wieder für Unverständnis und Kopfschütteln, wenn er sich öffentlich äußert.

Gemeinsam mit dem zweifachen NBA-Champion Kevin <br>Durant (r.) sollte Irving die Nets zum Titel führen.
Gemeinsam mit dem zweifachen NBA-Champion Kevin
Durant (r.) sollte Irving die Nets zum Titel führen.
Bild: imago sportfotodienst / UPI Photo

So behauptete er vor vier Jahren, dass die Erde eine Scheibe sei, nur um sich später für die Aussage zu entschuldigen. "Ich bin gegen niemanden, der denkt, dass die Erde rund ist. Ich bin gegen niemanden, der denkt, dass sie flach ist", sagte er ein Jahr später. Vielmehr sagte er, dass die Debatte als gutes Beispiel diene, welche Kraft die Worte einflussreicher Menschen haben könnten. "Das kam in NBA- und Fan-Kreisen nicht gut an", erzählt Philipp Jakob.

"Diese Diskrepanz aus sportlicher Qualität und den problematischen Äußerungen abseits des Spielfelds machen ihn zu einem umstrittenen Spieler."
NBA-Experte Philipp Jakob

Als die NBA vor eineinhalb Jahren in eine Corona-Bubble nach Disneyland zog, um die Saison zu Ende zu spielen, musste Irving seine Teilnahme aufgrund einer Schulterverletzung absagen. Doch auch, wenn er fit gewesen wäre, hätte er nicht daran teilgenommen, vielmehr wollte er sich nach dem Tod von George Floyd intensiver für soziale Gerechtigkeit einsetzen.

Dazu kaufte er der Familie von Floyd ein Haus und stellte 1,5 Millionen US-Dollar zur Verfügung, um das Gehalt der Spielerinnen der WNBA aufzustocken, sollten diese am Turnier in der "Bubble" aufgrund von Bedenken wegen des Virus oder durch ihr Engagement gegen soziale Ungerechtigkeit nicht am Turnier teilnehmen.

"Diese Diskrepanz aus sportlicher Qualität und den problematischen Äußerungen abseits des Spielfelds machen ihn zu einem umstrittenen Spieler", sagt NBA-Kenner Jakob.

Rechtlich hat Irving keine Handhabe

Dass Irving vorzeitig wieder für die Nets aufläuft, ist rechtlich gesehen eher ausgeschlossen und würde für Irving nur noch mehr Probleme bereiten.

"Was die Sache für Irving aber schwierig macht, ist die Tatsache, dass es der Oberste Gerichtshof in den USA deutlich gemacht hat, dass staatliche Einrichtungen einen weiten Beurteilungsspielraum haben, wenn es um das Gemeinwohl geht, und das betrifft auch das Impfen", erklärt der Sportjurist Michael McCann von der University of New Hampshire gegenüber dem "Deutschlandfunk".

Selbst eine Klage gegen die Nets hätte kaum Erfolgschancen, da sie ihn für alle Auswärtsspiele, an denen er theoretisch teilnehmen kann, weiterhin bezahlen. So verdient er in dieser Saison immer noch 16 Millionen Euro.

In Deutschland wäre ähnliches Modell möglich

In den deutschen Profi-Ligen appellieren die Liga-Chefs immer wieder an die gesellschaftliche Verantwortung der Spieler, sich gegen Corona impfen zu lassen. Aus rechtlicher Sicht hätten die Liga-Betreiber aber die Möglichkeit, eine ähnliche Regelung ebenfalls durchzusetzen. Einzige Voraussetzung ist, dass es eine Vorankündigung und Vorlaufzeit gibt, erklärt der Sportrechtler Rainer Cherkeh gegenüber watson.

"Nicht gegen Covid-19 geimpfte Spieler haben kein erhöhtes Infektionsrisiko, aber das Risiko eines schwereren Krankheitsverlaufs bei Ansteckung. Das Risiko eines längeren Ausfalls von Spielern steigt und somit auch das Risiko von Spielabsagen." Dadurch wäre ein ordnungsgemäßer Ligabetrieb, der für alle Team zu gleichen Bedingungen stattfindet, nicht mehr gegeben.

Nach Einschätzung des Sportrechtlers sei auch ein ähnliches Vorgehen wie der Brooklyn Nets in Deutschland absolut legitim. Dabei könnte der Arbeitgeber-Klub – anders als Brooklyn – seinen Spieler unbezahlt freistellen. Es sei zudem egal, ob nach dem Landesrecht das 2-G-Modell vorgesehen ist oder nicht.

"Lehnt der Spieler die Impfung ab, so wird der Klub seinen Spieler unbezahlt von der Arbeit freistellen können, zumal ein Mannschaftsspieler einer Kontaktsportart nicht anderweitig eingesetzt werden kann." Homeoffice oder ähnliches ist für einen Profi-Sportler einfach nicht möglich. Die erhöhten Risiken von nicht geimpften Spielern für ihre Leistungs- und Einsatzfähigkeit würden diese Maßnahme in dem besonderen Verhältnis Klub-Spieler rechtfertigen.

Die einfachste Option für Irving wäre es nun, sich impfen zu lassen, doch wie es für den NBA-Star weitergeht, machte er im Instagram-Livestream deutlich. "Glaubt nicht, dass ich jetzt meine Karriere beenden und dieses Spiel aufgeben werde, nur aufgrund einer Impfpflicht oder weil ich mich nicht impfen lasse."

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