Die Fans von Werder Bremen wurden vor dem Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg eingekesselt, festgesetzt und kontrolliert.
Die Fans von Werder Bremen wurden vor dem Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg eingekesselt, festgesetzt und kontrolliert. Bild: www.imago-images.de / IMAGO/nordphoto GmbH
Fußball-Kolumne

Umstrittener Polizeieinsatz gegen Bremen-Anhänger: Wie gefährlich ist der Fußballfan?

harald lange
In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
07.08.2022, 15:12

Der Polizeieinsatz im Vorfeld des Spiels zwischen dem VfL Wolfsburg und Werder Bremen war absolut überflüssig. Wenn nicht bald eine überzeugende Erklärung oder eine nachvollziehbare Entschuldigung vorgelegt wird, müssen wir erwarten, dass das Miteinander zwischen Polizei und Fans leiden wird. Mit Blick auf die Arbeit all derer, die in den letzten Jahren maßgeblich zur Sicherheit in unseren Stadien beigetragen haben, ist das einfach nur ärgerlich.

Wenn es um die Abwehr von Gewalt, Konflikten, Unfällen und vielen anderen Gefahren geht, kann man für den Deutschen Fußball beruhigend festhalten: Wir verfügen über Erfahrungswissen und mancherorts auch über bewährte Kommunikationsstrategien, in denen Fans, Polizisten und vor allem die Fanbeauftragten auf Augenhöhe eingebunden sind. Deshalb gab es in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten zahlreiche kritische Situationen, in denen die Verantwortlichen auf allen Seiten besonnen und klug handeln konnten.

Die erfreuliche Konsequenz ist: Unsere Stadien sind sicher. Die Statistiken und Zahlen zu den Opfern von Gewalt und verletzten Stadionbesuchern belegen eindrücklich: Im Durchschnitt und mit Blick auf die großen Zuschauerzahlen ist das Fußballstadion an einem Samstagnachmittag einer der sichersten Orte, die man besuchen kann. Mein Respekt und Dank gilt all denjenigen, die in den zurückliegenden Jahren mitgeholfen haben, dass es so ist!

Fanforscher Harald Lange
Fanforscher Harald LangeBild: uni würzburg

Harte Maßnahmen bei als "unbedenklich" eingestuftem Spiel

Wenn Werder Bremen in Wolfsburg spielt, können wir uns auf einen entspannten Fußballnachmittag freuen. Polizisten, die es verstehen, ihre Fühler in die Fanszene einzutauchen, wissen: Da ist keinerlei Ärger zu erwarten. Es gibt aus polizeitaktischer Sicht wirklich viele gute Gründe, weshalb man vielen Kollegen der Polizei in Niedersachsen ein freies Wochenende gönnen darf, wenn solche Bundesligaspiele auf dem Plan stehen.

Dummerweise wissen wir seit gestern anderes: Bremer Fans wurden bereits am Wolfsburger Bahnhof eingekesselt, festgesetzt und mussten Personenkontrollen über sich ergehen lassen. Bis heute weiß niemand weshalb, denn das Spiel wurde von beiden Vereinen im Vorfeld als "unbedenklich" eingestuft.

Keine aussagekräftigen Statements von Polizei oder Innenministerium

Deshalb irritiert, dass bis zur Stunde weder die Einsatzleitung der Polizei noch Niedersachsens Innenminister den Betroffenen und der Öffentlichkeit mitgeteilt haben, weshalb diese harte Maßnahme gegen die Anhängerschaft des SV Werder eingeleitet und durchgezogen wurde.

Die Wolfsburger Polizei teilte bislang via Twitter lediglich folgende nichtssagende Phrase mit: "Aus gefahrenabwehrrechtlichen Gründen wurde eine Kontrollstelle eingerichtet, um Auseinandersetzungen von Fangruppierungen und das Mitführen und Abbrennen von Pyrotechnik zu verhindern."

Zahlreiche Bremer Fans haben dies als Willkür empfunden und die Rückreise nach Bremen angetreten. Absolut nachvollziehbar.

Auch deshalb hat sich der Verein mit seinen Fans solidarisiert und sein Unverständnis in klare Worte gefasst: "Mit großem Unverständnis hat der SV Werder die Maßnahmen der Polizei am Wolfsburger Bahnhof zur Kenntnis genommen. Aufgrund der Polizeiaktionen haben die Ultragruppen von Werder entschieden, wieder nach Bremen zurückzukehren. Das stellt zudem einen klaren Wettbewerbsnachteil für Werder dar. Der SV Werder solidarisiert sich mit seinen AnhängerInnen und verurteilt die durchgeführten Maßnahmen."

Aufklärung von Niedersachsens Innenminister nötig

Nun liegt der Ball bei Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Auch wenn er aktuell im Wahlkampf steckt: Was ist da los bei der Polizei in Niedersachsen? Weshalb liegt noch keine Entschuldigung vor? Welche konkreten Gefahren wurden im Vorfeld ausgemacht und weshalb wurde die Öffentlichkeit hierüber noch nicht informiert?

Werden auch in den kommenden Wochen die Fußballspiele in Niedersachsen allein auf der rechtlichen Grundlage dieser allgemeinen "gefahrenabwehrrechtlichen Gründe" mit Kontrollpunkten übersät und müssen wir alle damit rechnen, dass unsere Personalien festgestellt, möglicherweise sogar systematisch erfasst werden, nur weil wir einer Fangruppe angehören und dies auch öffentlich zeigen und ausleben möchten?

Bei der Aufklärung dieses fragwürdigen Polizeieinsatzes ist aus meiner Sicht allerhöchste Eile angesagt. Ansonsten leidet das Verhältnis zwischen Fans und Polizei massiv. Leidtragende sind neben den Fans vor allem die Kollegen der Polizei, die vor Ort ihren Kopf hinhalten und die aktuell bestehende Erklärungslosigkeit ausbaden müssen. Durch weiteres Schweigen setzen Sie das Thema der fußballbezogenen Debatte für die kommende Woche und die nächsten Spieltage. Das ist im Sinne der Fan-Polizeikommunikation ärgerlich. Absolut ärgerlich und vollends überflüssig.

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