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15. Juni 1958: Garrincha dribbelt die UDSSR schwindlig – mit O- und X-Beinen

15.06.18, 20:33

ursin tomaschett

Als Außenseiter wurde er geboren, schwach auf der Brust und mit offensichtlicher anatomischer Deformation. Als Flügelspieler kam er zu höchsten Weihen, er dribbelte, raste auf der rechten Außenbahn, schoss in seiner Karriere hunderte Tore.

Zu einem Torerfolg reichte es Mané Garrincha im Vorrundenspiel der WM 1958 gegen die UDSSR zwar nicht. Bei dieser in Schweden ausgetragenen WM-Endrunde aber meißelte Manuel Francisco dos Santos, so sein bürgerlicher Name, mit seinen Flügelläufen kräftig an seinem Denkmal.

Über 50 000 Zuschauer wurden in Göteborg Zeuge, wie Garrincha bei den elf Kickern der Sowjetunion tiefe Sorgenfalten verursachte. Zu schnell war er, zu wendig, und, vor allen Dingen: zu verwirrend der Anblick des mit 1,69 Metern eher kleingewachsenen Brasilianers mit offensichtlicher Deformation im Rückgrat und unterschiedlich langen Beinen.

imago sportfotodienst

Sein linkes Bein: sechs Zentimeter kürzer als sein rechtes und o-förmig. Sein rechtes Bein: x-förmig. Die Tore schossen andere in diesen 90 Minuten gegen die UDSSR. Garrincha aber, Garrincha wurde zum Liebling einer ganzen Nation.

Schon früh litt Klein-Garrincha unter seinen körperlichen Restriktionen. Was lag da näher im fußballbegeisterten Brasilien, als sich im Spiel mit dem Ball zu versuchen und sich so zu kräftigen.

Sein Talent wurde schnell offenbar, seine Beine aber standen weiterhin quer in der Landschaft. Irgendwann nannten ihn alle nur noch "Mané", in Brasilien eine geläufige Kurzform für geistig Behinderte. Oder eben: "Garrincha", Zaunkönig. Aber der Frohmut der anderen war nicht der Frohmut des Zaunkönigs. Er litt unter chronischen Schmerzen seiner Deformationen wegen und soll bereits ab dem zehnten Lebensjahr dem Alkohol zugeneigt gewesen sein.

Der Alkohol

Dann kamen die Verkehrsunfälle, gleich mehrere, sie waren dem Alkohol geschuldet und wurden zu einer der wenigen Konstanten in seinem Leben. Einmal kam es zum Zusammenstoß mit einem LKW, seine Schwiegermutter überlebte den Crash nicht. Ein schwerer Schlag für den Ausnahmefußballer und seine Frau, die Fabrikarbeiterin Nair Marques. Acht Kinder brachte die Ehe hervor, die 13 Jahre hielt. Dann ehelichte Garrincha eine berühmte Sambasängerin. Fraß aber, wie in der Vergangenheit schon, weiterhin gerne unter dem Zaun hindurch und unterhielt zahllose Liebeleien. Das beeindruckende Gesamtwerk: 15 Kinder.

Pelé (M.) und Garrincha (r.) im Jahr 1966 imago/Kicker/Metelmann

Auf dem Platz war Garrincha nicht nur auffälliger Flügelflitzer, sondern auch treffsicher. Satte 232 Tore markierte er für seinen Stammverein Botafogo in 581 Spielen. In fünfzig Partien für die Seleçao waren es immerhin zwölf Tore. Zu drei Weltmeisterschaften (1958, 1962, 1966) brachte er es und läutete zusammen mit einem weiteren Jungstar, dem zunächst noch weitgehend unbekannten Pelé, ein goldenes Zeitalter in Brasiliens Fußball ein.

Dass er 1958 überhaupt antreten konnte, verdankte er einer glücklichen Fügung. Denn eigentlich hatte Seleçao-Trainer Feoloa einen Psychologen beauftragt, den Kader vor der Nominierung unter die Lupe zu nehmen. Dessen vernichtende Empfehlung zu Garrincha: zuhause lassen. Er sei geistig so entwickelt wie ein Acht- bis Zwölfjähriger.

Sein Lebensabend: Vereinsamt und verarmt

Schon vor der Weltmeisterschaft 1966 begann sein Stern zu sinken und folgerichtig gab Garrincha bei der 1:3-Niederlage gegen Ungarn seinen Abschied aus dem Nationalkader. Noch einige Jahre wirkte er im Profifußball, an seine früheren Leistungen konnte er aber nicht mehr anknüpfen. Zu sehr hatten Bänder und Sehnen während seiner langen Karriere gelitten. Man schuf ihm ein Denkmal. Dem Fußballstadion in Brasilia gab man seinen Namen.

Das Grab der Legende mit der Inschrift: Hier ruht in Frieden der, der die Freude der Leute war – Mané Garrincha imago/Agencia EFE

Im Alter von nur 49 Jahren starb Garrincha. Vereinsamt und verarmt. Nach seiner Abkehr von der großen Fußballbühne war der mediale Lichtstrahl schnell weitergezogen. Garrincha aber blieb zurück, und mit ihm der Alkohol. Sinnigerweise macht ihm eine Leberzirrhose den Garaus.

In gleich zwei Filmwerken wurde Garrincha verewigt. Der erste Film wurde auf dem Höhepunkt seiner Karriere gedreht. Tituliert mit: "Freude des Volkes". Der andere 2003, lange Jahre nach seinem Ableben also. Er hieß: "Einsamer Stern".

Ähnlich verrückt wie Dribbler: Torhüter!

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