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Fußball-Kolumne

Ausschreitungen bei Eintracht Frankfurt: Wohin führt der harte Kurs der Polizei?

25.11.2023, Hessen, Frankfurt/Main: Fu
Beim Spiel Eintracht Frankfurt gegen VfB Stuttgart kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei. Bild: dpa / Arne Dedert
Fußball-Kolumne

Gewalt im Stadion: Wohin führt der harte Kurs der Polizei?

In seiner wöchentlichen Kolumne schreibt der Fanforscher Harald Lange exklusiv auf watson über die Dinge, die Fußball-Deutschland aktuell bewegen.
01.12.2023, 16:0901.12.2023, 16:12
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Nach den Gewaltexzessen der letzten Wochen blicken wir gespannt auf den kommenden Spieltag. Der beginnt gleich am Freitag mit dem Stadtderby zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli. Aus Tradition ein Hochrisikospiel, bei dem es in den zurückliegenden Jahren immer wieder zu massiven Polizeieinsätzen kam.

Der zuletzt zu beobachtende "harte" Kurs der Polizei könnte Teil des Problems sein und muss deshalb ebenso kritisch wie ergebnisoffen geprüft werden. Der Anspruch, das Gewaltmonopol des Staats machtvoll durchsetzen zu wollen, stößt aus meiner Sicht spätestens dann an eine Grenze, wenn die Situation im Zuge des Polizeieinsatzes eskaliert. Es braucht weitaus mehr Fingerspitzengefühl und dafür weniger Drohkulisse und Machtspiel.

Fanforscher Harald Lange.
Fanforscher und watson-Kolumnist Harald Lange. Bild: Uni Würzburg
Über den Autor
Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er leitet den Projektzusammenhang "Fan- und Fußballforschung" und gilt als einer der bekanntesten Sportforscher in Deutschland. Der 55-Jährige schreibt und spricht täglich über Fußball, auch in seinem Seminar "Welchen Fußball wollen wir?"

Die Prügelszenen der zurückliegenden Wochen lassen eine neue Frontlinie erkennen: Die verläuft nämlich längst nicht mehr zwischen rivalisierenden Fanlagern, sondern immer häufiger auch zwischen Fans und der Polizei. Mitunter auf brutale Art und Weise, sodass wir von einem massiv belasteten Verhältnis ausgehen können. Inzwischen trüben die jüngsten Prügelszenen die Stimmung in allen Fußballstadien des Landes.

Nachdem es in den vergangenen Wochen regelmäßig zu heftigen Schlägereien zwischen Fans und Polizeigekommen war, müssen wir mit Blick auf das anstehende Wochenende die Sicherheitsfrage stellen.

Nach Frankfurt-Ausschreitungen: Wie lassen sich die Gewaltexzesse erklären?

Wie sicher sind die Bundesligastadien aktuell? Haben wir in den Fanszenen ein neues Gewaltproblem? Weshalb häufen sich in den letzten Wochen die Prügeleien zwischen Polizei und Fans? Liegt eine verfehlte polizeiliche Einsatzstrategie zugrunde? Ist die Polizei, die mit Pfefferspray und Schlagstock Fanblöcke stürmt, Teil des Problems?

Oder sind die jüngsten Gewaltexzesse in den Kurven Ausdruck einer neu aufkommenden gesellschaftlichen Entwicklung? Fällt es inzwischen leichter, Grenzen zu überschreiten, vor denen vor Jahren noch höhere Hürden standen? Werden Konflikte schneller als sonst mit Fäusten ausgetragen? Wer hat Spaß am Prügeln?

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Fragen wie diese kursieren seit Tagen. Überzeugende Antworten fehlen bislang, denn diejenigen, die maßgeblich an der Eskalation beteiligt sind, begnügen sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit mit wechselseitigen Schuldzuweisungen.

Mehr als 200 Verletzte bei Frankfurt-Spiel

Die Fronten sind vergiftet und in Hinblick auf ein mögliches Befrieden der Lage absolut verhärtet. Auf diese Weise werden wir in der Sache nicht weiterkommen. Am vergangenen Samstag erreichte die Konfliktlage zwischen Fans und Polizei ihren vorläufigen Höhepunkt.

Ausgehend von einem Handgemenge zwischen einem Ordner und einem Fan, der im Verdacht stand, keine gültige Eintrittskarte vorweisen zu können, eskalierte die Situation. Nachdem sich die Polizei martialisch vor dem Block aufgebäumt hatte, folgte ein mit Schlagstöcken und Pfefferspray durchgeführter Blocksturm. Am Ende waren mehr als 200 Verletzte und ein vollends zerrüttetes Verhältnis zwischen Fans und Polizei zu beklagen.

"Der Spielball für die Wiederherstellung von Frieden liegt bei der Einsatzleitung der Polizei."

Von kritischer Selbstreflexion finden wir auf beiden Seiten keine Spur. Stattdessen bleiben die Ursachen für die Eskalation unergründet. Dafür scheint keine Zeit, denn beide Lager blicken selbstgefällig nach vorn auf die kommenden Spieltage.

Beim Hamburger Stadtderby könnten sich ähnliche Szene ereignen

Fans solidarisieren sich über die Klubgrenzen hinaus und pflegen ihr neues Feindbild. Die Polizei setzt auch auf rhetorischer Ebene ihren harten Kurs der letzten Wochen fort, kriminalisiert die Kurve, fordert noch härtere Strafen und erwartet von der Politik ein entschlossenes Eingreifen.

Für neutrale Beobachter ist dieser Zustand unerträglich geworden. Die Atmosphäre ist derart vergiftet und aufgeladen, sodass wir für das Hamburger Stadtderby, aber auch für viele weiteren Partien, übelste Schlägereien erwarten können.

Mehr und brutaler als sonst, denn für beide "Lager" bietet das brisante Derby eine perfekte Plattform Präsenz zu zeigen und Botschaften zu senden. Die Polizei wird Macht demonstrieren und die Fans werden sich davon provoziert fühlen. Sicher: Beides ist falsch und führt exakt zum Gegenteil von dem, was wir uns alle wünschen: Eine emotionale, aber gewaltfreie Fußballatmosphäre.

Polizei soll aus den vergangenen Ereignissen lernen

Ich meine, der Spielball für die Wiederherstellung von Frieden liegt bei der Einsatzleitung der Polizei. Habt Mut zur Zurückhaltung. Seid präsent, aber unsichtbar. Dokumentiert kleinere Delikte und führt Beweissicherung hierzu aus der Distanz durch, um die Betroffenen, nachdem Spiel dingfest zu machen.

Lasst das Pfefferspray in der Polizeiunterkunft und lernt aus den Ergebnissen des letzten großen Blocksturms. Bislang spricht wenig dafür, dass das Spiel so gespielt werden wird.

Das ist bedauerlich, denn auf dieser Grundlage wäre es denkbar, dass die Fans wieder vermehrt selbst Obacht geben, aufeinander achten und die sich anbahnenden Konflikte bereits im Keim ersticken. Genau das wäre aus meiner Sicht die wirkungsvollste Gewaltprävention.

HSV: Ex-Star van der Vaart legt sich im Aufstiegsrennen fest

An Rafael van der Vaart dürften sie beim HSV sehr gern zurückdenken. Der erste seiner zwei Aufenthalte in Hamburg endete zwar mit einem unschönen Wechseltheater, ansonsten steht der Niederländer aber für deutlich bessere Zeiten.

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