"Müde", "geschlaucht", "unsauber", "pomadig", "keine Beweglichkeit". Mit diesen Worten beschrieb Thomas Müller die Leistung seines FC Bayern im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt (2:1) am späten Mittwochabend. Es sei gar "eines der pomadigsten Halbfinals, die ich in Erinnerung habe", gewesen, wie der Ex-Nationalspieler nach Abpfiff am ARD-Mikrofon sagte. Die Erschöpfung sei größer als die Freude übers Finale.
So unzufrieden wie Thomas Müller nach dem Sieg gegen die Hessen war, muss man erstmal sein, wenn man gerade ein Endspiel erreicht hat. Aber das sind nun mal die rekordmeisterlichen Ansprüche, und der erfolgsverwöhnte Müller kennt es auch fast nicht anders: Seit seinem Pokaldebüt im August 2009 unter Louis van Gaal haben er und der FCB immer mindestens das Halbfinale erreicht. Nur drei Mal reichte es seitdem nicht für das Finale.
Nun geht es für den Titelverteidiger am 4. Juli also auch in diesem Jahr wieder nach Berlin. Im Endspiel wartet mit Bayer Leverkusen ein Gegner, dem Trainer Hansi Flick mit Respekt begegnet und der Bayern in der Hinrunde schon einmal besiegt hat: "Bayer ist eine Mannschaft, die einen sehr schönen Fußball spielt. Von daher kann sich der neutrale Zuschauer sicher auf ein schönes Spiel freuen", sagte er nach dem mühsamen Sieg gegen die Eintracht.
Die Gäste aus Frankfurt verlangten den Bayern alles ab. Allerdings erst in der zweiten Halbzeit. Im ersten Durchgang war der Rekordmeister deutlich überlegen, ging entsprechend mit 1:0 durch Ivan Perisic (14. Minute) in Führung. Der Kroate vertrat den angeschlagenen Serge Gnabry. Die Flanke zum ersten Tor des Abends kam von Vorlagenkönig Müller.
Doch die physisch starke, mit international erfahrenen Spielern gespickte Eintracht, die sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Turniermannschaft erarbeitet hat, kam nach der Pause zurück. Viele Ballgewinne, gutes Pressing, mehr Ballbesitzphasen.
Flick reagierte mit einem durchaus riskanten Doppelwechsel in der 61. Minute. Verteidiger Lucas Hernández kam für Rechtsaußen Kingsley Coman. Comans Pendant auf links, Torschütze Perisic, musste für Mittelfeldspieler Thiago Platz machen. Hernández ging auf die Linksverteidiger-Position, dafür rückte Alphonso Davies nach vorne auf den Flügel. Thiago übernahm Goretzkas Job im Mittelfeld neben Joshua Kimmich. Goretzka wiederum wechselte hinter die Spitzen auf die Position von Müller, der fortan eher auf der Außenbahn spielte und oft mit Davies die Seiten tauschte.
Durch diese Rochade gab es zunächst einen weiteren Bruch im Bayern-Spiel: "X-Faktor" Coman, wie ARD-Experte Thomas Broich den Franzosen nannte, war nämlich eigentlich gut im Spiel. Davies, vom Außenstürmer zum Linksverteidiger umgeschult, schien sich erst wieder an seine offensive Rolle gewöhnen zu müssen. Und Thiago, der zuletzt vier Spiele verletzungsbedingt verpasste, räumte neben Kimmich längst nicht so ab wie Goretzka, machte einige kleine Fehler.
Der Schachzug von Flick schien zunächst nicht aufzugehen. Dafür aber der seines Gegenübers Adi Hütter fünf Minuten später. Der Frankfurt-Coach wechselte ebenfalls doppelt, aber positionsgetreu: Danny da Costa und Daichi Kamada kamen für Almamy Touré und Mijat Gacinovic aufs Feld und sorgten mit einer Koproduktion in der 69. Minute für den 1:1-Ausgleich: Vorlage Kamada, Tor da Costa. Irgendwie hatte sich das angedeutet.
Doch die Bayern ließen sich nicht verunsichern. In den finalen 20 Minuten schalteten die "elf Chefs auf dem Platz", wie Goretzka seine formstarke Mannschaft neulich betitelte, nochmal einen Gang hoch. Oder wie Müller es, ebenfalls im Motorsportsprech, nannte: "Nach dem 1:1 haben wir nochmal das Extragas rausgeholt." Es hatte ein bisschen was vom berühmt-berüchtigten Bayern-Dusel. Der Fußballmythos besagt, dass der Rekordmeister in knappen Spielen besonders viel Glück habe.
Doch es war längst nicht nur Dusel oder Glück. Vielmehr zeigte sich, dass Flicks Wechselschachzug in der 61. Minute sich doch auszahlte. Beim 2:1 durch Robert Lewandowski (74. Minute) hatten nämlich exakt die Spieler ihre Füße im Spiel, die nach der Hereinnahme von Hernández und Thiago ihre Position hatten wechseln müssen: Müller schob von rechts den Ball zu Goretzka, der als offensiver Mittelfeldspieler an der Strafraumkante stand. Goretzka steckte durch zu Davies, der in den Sechszehner startet. Davies legte quer, der mitgelaufene Kimmich musste nur zum besser postierten Lewandowski passen.
Das 2:1 gegen Eintracht Frankfurt war ein Arbeitssieg für den FC Bayern, der nun weiterhin die große Chance hat, die Corona-Saison sogar mit einem Titel-Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League zu beenden. Die Bundesliga ist so gut wie entschieden, für den Pokal braucht es nur noch einen Sieg gegen Leverkusen und in der Königsklasse hat der FCB schon jetzt einen entscheidenden Spielpraxisvorteil gegenüber der Konkurrenz, die noch nicht oder gerade erst wieder in den Spielbetrieb gestartet ist.
Zur Erinnerung: Bayern steht durch einen 3:0-Auswärtssieg im Februar gegen Chelsea bereits mit einem Bein im Viertelfinale dieses Wettbewerbs.
Doch für den großen Traum von drei Titeln in einer Saison, zuletzt gelang das im Jahr 2013, muss die Mannschaft noch an einem Mini-Manko arbeiten: Die Chancenverwertung. Denn, auch das monierte Müller nach Abpfiff: Der Rekordmeister hätte bereits zur Pause "deutlich höher führen" müssen. Etliche Chancen ließen die Münchener vor und nach dem 1:0 durch Perisic liegen.
Wenn sie die alle genutzt hätten, wäre Frankfurt wahrscheinlich niemals zurück ins Spiel gekommen. Denn dann hätte es aus Eintracht-Sicht schon 0:3 oder 0:4 gestanden. Die scheinbar übermächtigen Bayern zeigten sich dann doch "schlagbar", wie Eintracht-Trainer Hütter meinte: "Wir waren einer Sensation sehr nahe", haderte er. Und in der Königsklasse warten, bei allem Respekt für Frankfurt, größere Kaliber.
Auch Hansi Flick sprach das Thema Chancenverwertung nach dem Spiel an, blieb aber nachsichtig mit seinen Stars: "Wir haben keinen Vorteil aus unseren vielen Torchancen gezogen in der ersten Halbzeit. Es war in der zweiten Halbzeit ein Pokalfight. Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht. Der Gegner hat uns gut unter Druck gesetzt. Aber trotzdem, am Ende ist es ein verdientes Weiterkommen. Wir haben einen Riesenlauf, die Mannschaft spielt sehr gut, da muss man die zweite Halbzeit auch mal hinnehmen."
Bei solch versöhnlichen und lobenden Worten von Hansi Flick dürfte Thomas Müller dieses "pomadigste Halbfinale", das er je erlebt habe, schnell abhaken. Falls nicht, tröstet den Ur-Bayer ja vielleicht, dass er mit dem Sieg gegen Frankfurt einen uralten Pokal-Rekord eingestellt hat: Ganze 47 DFB-Pokal-Spiele hat der 30-Jährige in seiner Karriere nun schon gewonnen, damit zog er mit den Klub-Legenden Gerd Müller und Sepp Maier gleich.
Als erster Spieler knackte Thomas Müller außerdem als Vorbereiter des 1:0 die Marke von 50 Torbeteiligungen im Pokal. All der Pomadigkeit zum Trotz.
(as)