Köln, Deutschland, 1. Fußball- BL, 8. Spieltag, 1. FC Köln : Union Berlin 1-2 am 22. 11. 2020 im Rhein Energie Stadion in Köln Max KRUSE (UB) Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga ist es untersagt, in dem Stadion und / oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. Foto: Norbert Schmidt, Düsseldorf

Max Kruse fehlte dem 1. FC Union Berlin drei Monate. Bild: Norbert Schmidt / Norbert SCHMIDT

Trotz Pokerturnier und Playstation: So wichtig ist der Individualist Max Kruse für Union Berlin

constantin eckner, Gastautor

Als Max Kruse im vergangenen Sommer bei Union Berlin unterschrieb, war die Verwunderung in der Bundesliga groß. Kruse war nach seinem Intermezzo in der Türkei mit einigen etablierten Clubs in Verbindung gebracht worden, landete aber am Ende beim damals noch als Abstiegskandidaten geltenden Union. Für die "Eisernen" sollte sich seine Verpflichtung im Verlauf der Hinrunde als Glücksgriff herausstellen. Zumindest bis sich Kruse im Dezember schwer verletzt. Sein Comeback am Dienstag könnte den Köpenickern einen wichtigen Schub geben.

Kruse war der gewünschte Offensivanker, der immer anspielbar schien. Seine Präsenz war umso wichtiger, da sich Union-Trainer Urs Fischer im Sommer dazu entschieden hatte, die Spielweise der Mannschaft deutlich zu verändern. Die Berliner sollten mehr als zuvor über den Ballbesitz kommen und das Spiel konstruktiv aufziehen, anstatt lange Bälle zu bolzen. Bevor deutlich wurde, wie Fischer die spielerische Ausrichtung veränderte, bestand die Sorge, ob Kruse mit dem sehr intensiven Stil der "Eisernen" klarkommen könnte.

Kruse mit Glanzleistungen im ersten Drittel der Saison

Der 32-Jährige hat bei vorherigen Stationen – etwa in seiner Zeit in Bremen – immer wieder begewiesen, dass er vor allem ein Ballbesitzspieler ist. Kontersituationen und lange Bälle liegen ihm hingegen nicht. Dafür fehlt ihm ein Stück weit die Athletik und Explosivität. Er ist viel besser, wenn er den Ball in den Fuß gespielt bekommt und anschließend die Spielzüge gut durchdacht und mit wohl dosierten Pässen vorantreiben kann. In den langen Passstafetten von Union in der ersten Saisonhälfte ging Kruse voll auf.

Angst vor dem Leistungseinbruch ohne den Spielmacher

Allerdings kam dann Anfang Dezember der große Rückschlag im Derby gegen Hertha BSC, als Kruse sich einen Muskelbündelriss zuzog. Die Angst bei den Fans der "Eisernen" war groß, dass mit Kruses Ausfall das Spielkonstrukt kollabieren würde. Aber genau das geschah nicht. Der Rest der Mannschaft bewies, dass Fischers taktischer Ansatz auch ohne größten Einzelkönner funktionieren kann, weil die Spielweise auf kollektives Miteinander und weniger auf individuelle Aktionen ausgelegt ist.

Trotzdem wurde Kruse gelegentlich vermisst. Union ist in den vergangenen Wochen in der Tabelle etwas zurückgefallen. Speziell in engen Partien, in denen die Berliner nicht wie gewohnt vor das gegnerische Tor kamen, hätte Kruse gewiss wichtige Impulse setzen können. Union konnte keines seiner letzten fünf Spiele gewinnen und verlor sogar drei der fünf Partien – allerdings nie mit mehr als einem Tor Unterschied.

04.12.2020, OLympiastadion, Berlin, GER, DFL, 1.FBL, Hertha BSC VS. 1.FC Union, DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video im Bild Max Kruse (1.FC Union Berlin #10), verletzt Foto ? nordphoto / Engler *** Local Caption *** 00156594

In der letzten Spielminute des Derby gegen Hertha BSC zog sich Kruse einen Muskelbündelriss zu. Bild: nordphoto / nph / Engler

Natürlich kann man argumentieren, dass die "Eisernen" womöglich eine Zeit lang über ihren Verhältnissen spielten. Interessanterweise sagen die Statistiken etwas Anderes aus. Union hatte bis Mitte Januar, als die kleine Krise begann, nicht mehr Glück als andere Teams. Der jüngste Einbruch hatte teils damit zu tun, dass sich Gegner nun besser auf Union vorbereiten können, weil genügend Anschauungsmaterial vorhanden ist, und teils damit, dass die Offensive um Marcus Ingvartsen und Taiwo Awoniyi nicht mehr so gut wie noch im Herbst in Szene gesetzt wird. Das heißt: Der kollektivtaktische Ansatz gerät an seine Grenzen und es braucht vielleicht doch den Einzelkönner Kruse.

Mehr als Poker spielen, Shisha rauchen und Playstation zocken

Um Kruse ist es auch während seiner langen Verletzungspause nicht ganz ruhig geworden. Das würde auch keiner, der den 32-Jährigen kennt, erwarten. Während er den Muskelbündelriss auskurierte, war Kruse einmal am Pokertisch aktiv. Zusammen mit Clement Hayer, Leon Leisner und Pascal Iwersen startete Kruse als Team Deutschland bei der World Championship of Amateur Poker (WCOAP) und landete am Ende auf Rang 2. Außerdem streamte er häufig stundenlang auf der Plattform "Twitch", wie er Videospiele spielte. In seiner Instagram-Story postete er vor kurzem zudem ein Bild seiner Shisha und fragte: "Wer raucht jetzt eine Mittagspfeife mit mir?"

Manche mögen ihm seine Pokerleidenschaft als Laster auslegen. Bekannt ist bis heute die Geschichte aus dem Oktober 2015, als Kruse in einem Berliner Taxi Bargeld in Höhe von 75.000 Euro abhandenkam und spekuliert wurde, dass das Geld von einem Pokerspiel stammte. Jener Vorfall läutete damals eine schwierige Phase in Kruses Karriere ein. Sein Verein VfL Wolfsburg belegte ihn mit einer Geldstrafe. Ein paar Monate später geriet er in einem Berliner Club mit einer Boulevardreporterin aneinander. Die Nationalmannschaft verzichtete fortan auf die Dienste Kruses.

Seine für Profifußballer-Verhältnisse unangepasste Art macht sich aber auch auf ganz andere Weise bemerkbar. Kruse hält mit seiner Meinung bei gesellschaftlichen Themen nicht hinterm Berg. Als das Magazin "11 Freunde" vergangene Woche eine Solidaritätsaktion für homosexuelle Sportlerinnen und Sportler ins Leben rief, war Kruse nicht nur einer der 800 Unterstützer aus dem Profifußball, sondern eine der zentralen Figuren dieser Kampagne.

"Wenn sich einer meiner Kol­legen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten draußen schützen."

Max Kruse im Rahmen der Solidaritätsaktion des Magazins "11 Freunde".

Unangepasst wirkt Kruse auch gelegentlich auf dem Fußballplatz, wenn er mal mit einem leichten Bauchansatz aus der Sommerpause kommt und trotzdem Tore und Torvorlagen sammelt. Oder, wenn er sich mal über die konventionellen Vorgaben eines Trainers hinwegsetzt und das Spiel von ganz hinten ankurbelt. Jedes Team weiß, dass Kruse nicht ganz so normal tickt.

Comeback am Samstag gegen den SC Freiburg möglich

Unions Cheftrainer Fischer scheint das aber zu mögen. Deshalb gingen die "Eisernen" im letzten Sommer aufs Ganze und holten den Offensivmann an die Alte Försterei. Und nun hofft Fischer in der aktuellen kleinen Krise darauf, Kruse so schnell wie möglich wieder einsetzen zu können. Es könnte eventuell schon am Samstag im wichtigen Spiel gegen den Tabellennachbarn aus Freiburg zu einer Rückkehr kommen. "Ich bin heiß, habe richtig Bock zum Spielen", sagt Kruse selbst. Das muss Musik in den Ohren der Berliner sein.

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