Béla Réthy kommentiert seit 1996 Spiele für das ZDF.
Béla Réthy kommentiert seit 1996 Spiele für das ZDF.
Bild: Jens Niering / Jens Niering
Interview

"Man hätte die EM auf ein oder zwei Länder begrenzen sollen": ZDF-Kommentator Béla Réthy kritisiert Austragung in 12 Ländern und blickt zuversichtlich auf das DFB-Team

11.06.2021, 16:32

Wenn am Samstag um 18 Uhr Dänemark und Finnland bei der Europameisterschaft in Kopenhagen aufeinandertreffen, wird im ZDF eine bekannte Stimme zu hören sein. Sportreporter Béla Réthy wird für den öffentlich-rechtlichen Sender seine siebte EM kommentieren.

Der 64-Jährige gilt als eine Reporter-Legende, polarisiert mit seinem Kommentarstil jedoch auch immer wieder. Wenn man während und nach den Partien in die sozialen Netzwerke schaut, gibt es für seine Arbeit viel Ablehnung und wenig Lob.

"Alle, die glauben, das zu können, müssen sich nur mal fünf Minuten hinsetzen und merken, dass das gar nicht so einfach ist."
Béla Réthy über den Job des Kommentators

Im Gespräch mit watson erklärt er, warum ihn Hasskommentare im Internet aber nicht interessieren und was einen guten Kommentator für ihn ausmacht. Außerdem erinnert er sich an seine erste EM 1996 zurück, und verrät, wie er die Amtszeit von Joachim Löw bewertet.

Meinung: Keine Liebe für diese EM: Zum ersten Mal in meinem Leben ist mir ein Fußball-Großturnier egal

Watson: Herr Réthy, die EM 2020 ist die siebte Fußball-Europameisterschaft, die Sie als Reporter begleiten werden. Spürt man da noch so etwas wie Aufregung?

Béla Réthy: Aufregung war noch nie dabei, das ist nicht so mein Ding. Aber der Reiz hat trotz der aktuell komplizierten Situation nicht nachgelassen. Alle zwei Jahre ein großes Turnier mit herausragenden Spielern zu sehen, ist natürlich immer die Sahnehaube auf der Saison. Ich freue mich auf die Endrunde.

Zum ersten Mal wird die Europameisterschaft nicht nur in einem Land ausgetragen, sondern es gibt 12 Gastgeberstädte. Schmälert das die EM-Stimmung, wenn das Turnier über den ganzen Kontinent verteilt ist?

Das wäre normalerweise sehr spannend geworden. Aber ich finde, man hätte das aufgrund der Lage in Europa und der Welt auf ein oder zwei Gastgeberländer reduzieren müssen. Das Infektionsrisiko wird durch die Reisen automatisch gesteigert.

Also halten Sie es für nicht verantwortlich, dass in Zeiten der Pandemie an den Plänen festgehalten wurde?

Die UEFA sendet damit das falsche Zeichen. Klar, für mich und meinen Lebensalltag ist es interessant, während der EM viele verschiedene Orte zu besuchen. Aber es geht hier um das Signal nach außen.

2014 war er beim legendären 7:1-Sieg der DFB-Elf gegen Brasilien am Mikrofon.
2014 war er beim legendären 7:1-Sieg der DFB-Elf gegen Brasilien am Mikrofon.
Bild: imago stock&people / teutopress

Hat sich Ihre Vorbereitung auf die Spiele seit ihrer ersten EM als Kommentator 1996 verändert?

Eigentlich nicht. Nur gab es 1996 noch kein Internet. (lacht) Jetzt ist aber auch schon fast ein Übermaß an Informationen da. Da geht es darum, sich gezielt die richtigen Quellen anzugucken. Damals war man froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Es ging viel mehr um persönliche Gespräche. Das war unmittelbarer und der Kontakt zu den Teams etwas enger als jetzt in dieser abgeschotteten Fußball-Welt.

Ihre Vorgehensweise hat sich nicht verändert, der Fußball hingegen hat eine rasante Entwicklung genommen.

Definitiv. Das Spiel ist viel schneller geworden. Man hat nur wenig Zeit, sich zurückzulehnen, um auch mal über Hintergründe zu reflektieren. Man muss konsequent am Ball bleiben. Wenn du zwei Sekunden zu lang auf deinen Zettel schaust, verpasst du eine entscheidende Situation. Man muss sich viel mehr dem Tempo des Spiels anpassen und bewusst reduzieren, welche Hintergrundinformationen man sich wirklich notiert.

zur Person
Béla Rethy wurde 1956 in Wien geboren, zog jedoch kurz danach mit seiner Familie nach São Paulo (Brasilien). Im Alter von elf Jahren kehrten er und seine Familie nach Deutschland zurück und zogen nach Wiesbaden. Beim ZDF arbeitet er seit 1987 als Redakteur. Dort war er zunächst für Motorsport zuständig, seit 1991 ist er Live-Kommentator. Réthy spricht Deutsch, Ungarisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch und Spanisch.

Und dennoch stehen Sie und Ihre Kommentatorenkollegen immer wieder in der Kritik, "keine Ahnung" zu haben.

Wahrscheinlich war das schon immer so, aber da hat man das nicht so mitbekommen. Früher hätte man sich hinsetzen und einen Brief schreiben müssen (lacht). Da ist die Mühe doch größer, als auf einen Knopf in den sich sozial nennenden Medien zu drücken.

"Das Problem ist, dass uns die Kritik in den sozialen Netzwerken keinen Millimeter weiterbringt und somit einfach unbrauchbar ist."

Sie selbst haben dazu mal gesagt: "Inzwischen ist es ein Teil des Ganzen – ohne nennenswerte Bedeutung. Wer damit nicht umgehen kann, kann den Job nicht machen." Also haben Sie sich bereits darauf eingestellt, dass Ihnen häufig vorgeworfen wird, dass Sie keine Ahnung vom Fußball haben?

Das Problem ist, dass uns die Kritik in den sozialen Netzwerken keinen Millimeter weiterbringt und somit einfach unbrauchbar ist. Das wird quantitativ überbewertet, davon darf man sich nicht leiten lassen, sonst kann man den Job wirklich nicht machen. Es lenkt einfach nur von der Arbeit ab, aber das betrifft alle Bereiche der Öffentlichkeit.

Können Sie das erklären?

Egal, ob Politik, Kultur, Gesellschaft oder Sport: Es gibt immer einen relativ aggressiven Grundton. Aber man muss sich davon freimachen, dass diese Meinung überhaupt mehrheitsfähig ist. Das sind Stimmen, die uns in ihrer Relevanz nicht weiterbringen. Ich bin mit diesen Kommentaren meist auch intellektuell überfordert.

2013 berichtete er vom Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München.
2013 berichtete er vom Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München.
Bild: picture alliance / Pressefoto ULMER/Markus Ulmer

Aber nicht nur User in sozialen Medien, auch Journalisten sehen Ihren Stil des Kommentierens häufig kritisch.

Wenn jemand eine journalistische Kritik schreibt und begründet, warum er etwas nicht gut gefunden hat, dann ist das kein Problem für mich. Dann hat er vielleicht eine andere Meinung und mit einem Argument kann man immer umgehen. Aber das passiert auch nicht so häufig.

Also ist es ein bisschen wie bei Schiedsrichtern. Wenn nichts gesagt wird, war alles gut, aber eigentlich gibt es immer was zu meckern.

Genau (lacht). Gelobt wird generell nicht.

Durch den Videoschiedsrichter sollte den Unparteiischen die Arbeit erleichtert werden. Hat das Ihre Arbeit und die Bewertung von Szenen aber schwerer gemacht?

Die Informationen sind inzwischen besser. Man hat immerhin die Monitore, auf denen angezeigt wird, was gecheckt wird. Am Anfang war es gar nicht klar, worum es geht. Die Idee war aber eigentlich eine andere.

Welche?

Ganz klare Fehlentscheidungen zu korrigieren. Das sind für mich zu viele Eingriffe bei Situationen, die man pfeifen kann, aber nicht muss. Diese Bezeichnung "klare Fehlentscheidung" wird zu weit ausgelegt. Da wird ein Elfmeter tausendmal hin- und hergerollt, um zu sehen, wo die Berührung war. Es wird zu inflationär gehandhabt und verliert sich einfach in zu vielen Kleinigkeiten.

Mittlerweile wird im Stadion angezeigt, auf welches Vergehen der Videoschiedsrichter eine Szene überprüft.
Mittlerweile wird im Stadion angezeigt, auf welches Vergehen der Videoschiedsrichter eine Szene überprüft.
Bild: Sven Simon / Elmar Kremser/SVEN SIMON

Ähnlich wie ihr Kollege Marcel Reif stehen Sie für eine klare Meinung. Reif wurde aufgrund seiner Arbeit und Einschätzung als Kommentator von Fans enorm angefeindet. 2015 wurde er vor dem Spiel Schalke gegen Dortmund im Auto von Fans beider Lager angegriffen, nur wenige Tage später beim Spiel Dresden gegen Dortmund mit Bierbechern beworfen. Haben Sie so etwas auch mal erlebt?

Noch nie. Ich hatte bisher noch keine einzige negative Begegnung mit Fans. Da ist man natürlich auch nicht anonym wie in sozialen Netzwerken, aber überall wo ich auf größere Fangruppen getroffen bin, war das positiv. Dann wurden Selfies gemacht und man hat ein bisschen gefachsimpelt.

Nach zahllosen Geisterspielen kehren die Fans bei den EM-Spielen zumindest teilweise wieder in die Stadien zurück. Wie verändert es Ihren Job, wenn wieder Zuschauer im Stadion sind?

Das ist eine besondere Gratwanderung. Während der Geisterspiele herrschte oft diese große Stille um einen. Dann kommt oft der Gedanke: "Jetzt musst du was sagen, sonst denken die Zuschauer, du bist eingeschlafen." 30 Sekunden können da wie eine Ewigkeit wirken. Umso mehr freue ich mich, wieder vor Fans zu kommentieren. Dieses Element kann man gut in die Dramaturgie eines Spiels packen und auch wirken lassen, ohne was zu sagen.

"Dieses Primitive, was manchmal auf den Rängen zu spüren ist, war früher nicht weniger, aber das wird heute zum Glück stärker sanktioniert."

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Nach einem Tor zum Beispiel sollte man nie sofort sagen, wie das entstanden ist, sondern erstmal die Emotionen auf dem Platz und auf den Rängen wirken lassen. Danach kann man in die Analyse gehen. Ich finde, das ist handwerklich ein ganz wichtiges Stilmittel als Kommentator.

Für viele Jugendliche und junge Erwachsene ist Fußball-Kommentator ein Traumberuf. Haben Sie weitere Tipps?

Am besten ist, es einfach mal auszuprobieren. Es gibt so viele Klub-TVs oder digitale Medien, die Amateurspiele kommentieren. Alle, die glauben, das zu können, müssen sich nur mal fünf Minuten hinsetzen und merken, dass das gar nicht so einfach ist.

Worauf kommt es besonders an?

Druckreif zu sprechen, Pausen zu machen, die richtigen Worte zu finden und nicht zu denken "Lieber Gott, gib mir ein Verb!", um einen Satz zu Ende zu bekommen. Handwerklich bekommt man es auf Anhieb nie so hin, wie es sein soll. Das braucht Jahre an Erfahrung.

Sie haben bereits jede Menge Erfahrung und begleiten große Fußball-Turniere seit über 25 Jahren. Während der vergangenen EM 2016 in Frankreich kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hooligans auf der Tribüne und auch das Thema Rassismus in Fußballstadien bekommt in den vergangenen Jahren wieder eine größere Bedeutung. Wie geht man als Kommentator mit solchen Situationen um?

Wenn man das mitbekommt, muss man sofort Position beziehen. Dieses Primitive, was manchmal auf den Rängen zu spüren ist, war früher nicht weniger, aber das wird heute zum Glück stärker sanktioniert. Ich würde mir auch wünschen, dass in solchen Fällen eine Mannschaft einfach den Platz verlässt und nicht mehr wiederkommt.

Spieler der englischen Nationalmannschaft knieten sich vor Spielbeginn hin, um Solidarität mit der "Black Lives Matter"-Bewegung zu symbolisieren. Dafür wurden sie von den eigenen Fans ausgebuht.
Spieler der englischen Nationalmannschaft knieten sich vor Spielbeginn hin, um Solidarität mit der "Black Lives Matter"-Bewegung zu symbolisieren. Dafür wurden sie von den eigenen Fans ausgebuht.
Bild: PA Wire / Lee Smith

Und dann eventuell wichtige Punkte verliert?

Das wäre ein deutlicheres Signal als aus Protest für fünf Minuten in die Kabine zu gehen. Man muss als Kommentator damit rechnen, ständig auf solche Situationen gefasst zu sein und diese auch einzuschätzen und zu bewerten.

Spätestens nach der EM wird auch die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Turnier bewertet. Sie erleben ihn seit seinem Amtsantritt 2006 bei jedem großen Turnier. Was macht Jogi Löw für einen Eindruck auf Sie?

Seit seinem Rücktritt wirkt er fast befreit. Er hat eine ganz gute Mischung im Team gefunden und einen Kader nominiert, der dem Formbarometer entspricht. Ich empfinde ihn kämpferisch und motiviert.

"Lässt man die Katastrophenspiele außen vor, hat Jogi Löw den deutschen Fußball von der reinen Ergebnismaschine zu einem ansehnlichen und attraktiven Fußball entwickelt."

Dabei hat er aber auch langjährige Nationalspieler wie Julian Draxler oder Julian Brandt nicht nominiert…

Er hat nicht an festgefahrenen Einschätzungen festgehalten, sondern zum Beispiel auch einen Kevin Volland, der in Frankreich 16 Tore erzielt hat, oder einen Christian Günther, der in Freiburg eine starke Saison gespielt hat, mitgenommen. Und mit Hummels und Müller zwei Zuarbeiter, die ihn auf und neben dem Platz voll unterstützen. Ich bin nicht so pessimistisch wie nach dem 0:6 gegen Spanien und dem 1:2 gegen Nordmazedonien.

In der Vorrundengruppe mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und Ungarn könnte aber auch ein erneutes Vorrundenaus drohen, wenn die DFB-Elf nicht zu den vier besten Gruppendritten gehört...

Wenn man ein ordentliches Spiel gegen Frankreich hinlegt und nicht verliert, geht man mit einem ordentlichen Schub ins Turnier. Sollte die Mannschaft aber tatsächlich ausscheiden, kommt es immer auf das Wie an. In Russland ist man lieblos und ohne Engagement rausgeflogen. Was anderes ist es, wenn du im entscheidenden Spiel das 3:4 in der 92. Minute bekommst, aber alles probiert hast.

Egal, ob Vorrundenaus oder vielleicht ja sogar EM-Titel: Was wird von der Ära Jogi Löw bleiben?

Der WM-Titel und die Veränderung des deutschen Fußballs bleibt für immer. Lässt man die Katastrophenspiele außen vor, hat er den deutschen Fußball von der reinen Ergebnismaschine zu einem ansehnlichen und attraktiven Fußball entwickelt.

Bayern-Legende Gerd Müller ist tot

Fußball-Legende Gerd Müller ist tot. Der frühere Torjäger des FC Bayern und Ex-Nationalspieler sei "am frühen Sonntagmorgen im Alter von 75 Jahren gestorben", teilte der Rekordmeister aus München mit.

FC Bayern-Präsident Herbert Hainer äußert sich auf der Webseite des Rekordmeisters zum Tod von Müller: "Heute ist ein trauriger, schwarzer Tag für den FC Bayern und all seine Fans. Gerd Müller war der größte Stürmer, den es je gegeben hat – und ein feiner Mensch, eine …

Artikel lesen
Link zum Artikel