Zehn Jahre arbeitete Esther Sedlaczek beim Pay-TV-Sender Sky. Ab August wird sie die "Sportschau" in der ARD moderieren.
Zehn Jahre arbeitete Esther Sedlaczek beim Pay-TV-Sender Sky. Ab August wird sie die "Sportschau" in der ARD moderieren.
Bild: imago sportfotodienst / Jan Huebner/Voigt
Interview

"Haben alle gesehen, was Thomas Müller geleistet hat": "Sportschau"-Moderatorin Esther Sedlaczek über Löws EM-Kader und warum eine Frau den Umbruch beim DFB einleiten sollte

20.05.2021, 10:16

Eigentlich hatte sich Esther Sedlaczek schon darauf gefreut, in der Sommerpause der Bundesliga ein paar Tage Abstand vom Fußball zu bekommen, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen und die Europameisterschaft auf dem Sofa zu verfolgen, wie sie watson im Gespräch erzählt. Doch daraus wird nun nichts. Die Berlinerin ist Teil des EM-Teams der ARD und wird während des Turniers gemeinsam mit Micky Beisenherz den "Sportschauclub" moderieren.

Ab August steht für die 35-Jährige dann das nächste große Highlight an, denn nach zehn Jahren verlässt die Moderatorin und Reporterin den Pay-TV Sender Sky. Ab August wird sie als dritte Frau nach Monica Lierhaus und Jessy Wellmer die ARD-"Sportschau" moderieren.

"Wir müssen nicht darüber reden, dass der Verband einen Umbruch braucht und den kann selbstverständlich eine Frau einleiten."
Moderatorin Esther Sedlaczek wünscht sich eine Frau als
DFB-Präsidentin.

Im Gespräch mit watson erklärt sie, warum sie sich eine DFB-Präsidentin wünscht, verrät, was sie vom deutschen Team bei der EM erwartet und wie sie mit Kritik in Zeiten von Hasskommentaren auf Social Media umgeht.

watson: Esther, Jogi Löw hat am Mittwoch seinen vorläufigen Kader für die Europameisterschaft bekannt gegeben. Das EM-Team der ARD und des ZDF steht schon seit einigen Wochen fest. Mit dir, Jessy Wellmer, Claudia Neumann, Kathrin Müller-Hohenstein und Almuth Schult gibt es immer mehr Frauen, die in der Männerdomäne Fußball vor der Kamera stehen. Freut dich das?

Esther Sedlaczek: Das ist eine stetige Entwicklung in den vergangenen Jahren. Nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera haben wir viele Frauen, die einen tollen Job machen. Mit Monica Lierhaus war die ARD bahnbrechend, dass auch Frauen die "Sportschau" moderieren können.

Zur Person
Esther Sedlaczek wurde 1985 in Berlin geboren und arbeitete zehn Jahre lang für den Pay-TV-Sender Sky. In einem Casting setzte sie sich gegen über 2600 weitere Bewerber durch und ist seitdem als Moderatorin und Reporterin in der Bundesliga und Champions League im Einsatz. Ab Sommer wird sie für ARD vor der Kamera stehen und Matthias Opdenhövel ersetzen. Die 35-Jährige ist Fan von Bundesligist Hertha BSC. Ihr Vater ist der Schauspieler Sven Martinek.

Ab August wirst du als dritte Frau nach Monica Lierhaus und Jessy Wellmer ebenfalls die Bundesliga-"Sportschau" am Samstag moderieren.

Es fühlt sich immer noch ein bisschen unwirklich an. Ich habe mir nie das große Ziel gesetzt, dass ich irgendwann mal die "Sportschau" moderieren muss. Ich wollte immer das Beste aus meinen Gelegenheiten und Möglichkeiten machen. Ich habe mir immer gesagt: "Wenn du eine gute Leistung bringst, werden sich Tür und Tor öffnen."

Hat ja geklappt… Was bedeutet dir dieses Engagement?

Als das Angebot der ARD kam, war es die Erfüllung eines Traumes. Ich bin mit der "Sportschau" groß geworden. Das ist für mich die Institution im deutschen Fernsehen.

Sedlaczek im Gespräch mit Bayern-Trainer Hansi Flick.
Sedlaczek im Gespräch mit Bayern-Trainer Hansi Flick.
Bild: www.imago-images.de / ActionPictures

Während ARD und ZDF auch immer mehr auf Frauen bei Fußballübertragungen setzen, hinkt diese Entwicklung in den Vereinen und Verbänden aber stark hinterher.

Ich finde es aber auch wichtig, dass auf Vereinsebene immer mehr Frauen in diese Männerdomäne reinkommen – sei es auf Vorstandsebene oder wo auch immer…

…an der Spitze des DFB ist gerade ein Posten frei geworden.

Das stimmt. Wir reden über einen neuen DFB-Präsidenten oder womöglich sogar eine neue DFB-Präsidentin. Was ist denn mit Sylvia Schenk? Was ist mit Bibiana Steinhaus-Webb? Ich finde das durchaus spannend und fortschrittlich, auch auf solchen Positionen Frauen zu installieren. Und zwar nicht, weil man ein Zeichen setzen will, sondern weil sie die Qualität haben, einen solchen Posten zu übernehmen.

Also würdest du dir eine neue DFB-Präsidentin wünschen?

Absolut. Wir müssen nicht darüber reden, dass der Verband einen Umbruch braucht und den kann selbstverständlich eine Frau einleiten.

"Jogi kann mit viel Stolz auf das zurückblicken, was er geleistet hat."
Esther Sedlaczek zum bevorstehenden Rücktritt von Joachim Löw nach der EM.

Nicht nur der Posten des DFB-Präsidenten wird frei, auch der Job des Bundestrainers steht ab Sommer zur Verfügung. Auf die Nachfrage, ob es auch eine Frau werden könnte, reagierte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff zu Jahresbeginn mit einem Lächeln.

Ich sehe das auch noch nicht kurzfristig. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass es mittel- bis langfristig möglich ist. Ich denke, der DFB wird aktuell schon sehr weit in den Gesprächen mit Hansi Flick sein und es ist auch sehr naheliegend, dass er es wird. Er wäre einfach eine sehr gute Besetzung.

Warum?

Er hat gezeigt, wie gut er die Spieler im Griff hat und dass er die Mannschaft zu einer Einheit formen kann. Er hat ein Händchen für die Spieler. Was er in den letzten eineinhalb Jahren mit dem FC Bayern mit sechs Titeln erreicht hat, wird ihm keiner so schnell nachmachen. Aber ich will nicht ausschließen, dass eine Frau mal die Nationalmannschaft trainieren wird.

Nun absolviert Jogi Löw bei der Europameisterschaft nach 15 Jahren sein letztes Turnier. Wie denkst du an diese Zeit zurück?

Er hat so viel für die deutsche Nationalmannschaft und für die Entwicklung in Teilen des DFBs getan. Egal, wie die vergangenen zwei, drei Jahre, die für viele Fans natürlich sehr enttäuschend waren, gelaufen sind, das sollte man nicht vergessen.

Für Sky war sie auch in der Champions League im Einsatz.
Für Sky war sie auch in der Champions League im Einsatz.
Bild: www.imago-images.de / Moritz Mueller

Kommt der Rücktritt zum richtigen Zeitpunkt?

Es ist an der Zeit, dass nach dieser Ära eine Veränderung stattfindet. Auch das kann produktiv sein und ich finde es stark, dass er von sich aus von seinem Posten nach der EM zurücktritt. Jogi Löw kann mit viel Stolz auf das zurückblicken, was er geleistet hat.

Hältst du es für eine richtige Entscheidung, dass er Thomas Müller und Mats Hummels zwei Jahre nach ihrem Ausschluss wieder ins DFB-Team zurückholt?

Ich finde es absolut richtig. Wir haben alle gesehen, was Thomas Müller in dieser Saison geleistet hat. Das Prinzip von Nationalmannschaften sollte es sein, dass man die besten Spieler des Landes zusammenholt. Thomas Müller und Mats Hummels gehören definitiv dazu.

Dennoch zählt das deutsche Team nicht zu den Turnierfavoriten. Was fehlt der Mannschaft im Vergleich zu den Top-Teams Frankreich, Belgien und Portugal?

Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich mitten im Umbruch und das haben wir in den vergangenen zwei Jahren gesehen. Joachim Löw hat viel ausprobiert. Eine richtige Konstanz und ein fester Kern sind nie da gewesen. Frankreich ist zum Beispiel zusammengewachsen, als sie 2018 den WM-Titel mit Mbappe, Griezmann, Hernández und vielen anderen großen Namen geholt haben. Sie sind weiter gereift und für mich ein absoluter Favorit auf den Titel.

Was erwartest du vom deutschen Team?

Sie müssen als Mannschaft zusammenwachsen und diese Möglichkeit haben sie jetzt bei der EM. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich schlagen werden. Ich kann das noch nicht so richtig einschätzen.

Als Team musst du dich bald auch mit Micky Beisenherz einspielen, mit dem du nach den Länderspielen in der ARD den "Sportschau Club" moderieren wirst. Was erwartest du von der Zusammenarbeit mit ihm?

Er ist wahnsinnig unterhaltsam und ein sehr schlagfertiger, intelligenter und humorvoller Typ. Ich glaube, dass es eine sehr gute Mischung werden wird. Und ich mag es generell sehr gerne, wenn viele spontane Situationen entstehen, mit denen man gar nicht rechnet.

"Es überschreitet viel zu oft Grenzen. Es wird unter der Gürtellinie beleidigt und geht bis hin zu Morddrohungen."
Esther Sedlaczek über Kritk von Zuschauern über Social Media

Um am Ende eines Tages auch den Ernst einer Europameisterschaft mit einem Lächeln beenden zu können?

Genau. Unser Ziel ist es, einen anderen Blick auf das Geschehen zu werfen und das alles für die Zuschauerinnen und Zuschauer unterhaltsam ausklingen zu lassen. Den Spieltag über sind die Sendungen eher analytisch und wir wollen das mit dem "Sportschau Club" aufbrechen.

Die ARD ist nicht bekannt dafür, Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Inhalten in ihren Bann zu ziehen. Soll somit endlich die jüngere Zielgruppe angesprochen werden?

Ich würde das gar nicht auf eine Zielgruppe herunterbrechen, sondern die Sendung soll jeden und jede Altersgruppe unterhalten. Ich glaube aber auch, dass es für junge Leute ein wahnsinnig spannendes und unterhaltsames Format werden wird. Die junge Zielgruppe haben wir also auch schon im Auge (lacht).

Dein Publikum wird nun in der ARD noch größer als bei den Fußball-Übertragungen auf Sky. Hast du dich schon darauf eingestellt, dass es auch noch mehr unsachliches Feedback geben könnte? Gerade über Social Media.

Es ist in meinem Erwartungsspektrum enthalten, dass es auch mal mehr Kritik geben wird. Aber ich würde das nicht nur negativ sehen. Es wird mehr Kritiker geben, aber auch mehr Befürworter. Das ist eine Sache, mit der man irgendwann lernt umzugehen. Bei Sky stand ich auf einer komplett anderen Bühne, aber ich habe auch da viel Kritik einstecken müssen. Mal konstruktiv, mal total unsachlich. Das wird jetzt sicherlich noch intensiver, aber es ist nichts, vor dem ich Angst habe. Das gehört nun einmal dazu. Ich übe einfach einen sehr transparenten Job aus.

Du machst ihn bereits seit zehn Jahren. Hat sich die Kritik der Zuschauer in dieser Zeit verändert?

Es überschreitet viel zu oft Grenzen. Ich habe das auch selbst schon erlebt, wenn man mal einen unglücklichen Versprecher hatte. Es wird unter der Gürtellinie beleidigt und geht bis hin zu Morddrohungen. Es ist teilweise so viel Aggressivität vorhanden und das geht einfach nicht. Wir müssen immer wieder an das Miteinander appellieren

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