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Germany's Matthias Ginter, left, is celebrated after he scored the opening goal during the Euro 2020 group C qualifying soccer match between Germany and Belarus in Moenchengladbach, Germany, Saturday, Nov. 16, 2019. (AP Photo/Martin Meissner)

Matthias Ginter (l.) feiert seinen Treffer beim EM-Quali-Spiel gegen Weißrussland. Bild: ap / Martin Meissner

Plötzlich tragende Säule: Ein unterschätzter Weltmeister ist Jogis neuer Abwehrboss

Kennt ihr "German Angst"? In den 1980er Jahren kam der Begriff im Englischen auf, um die Deutschen und ihre Angst vor Veränderung zu bezeichnen: Uns Deutschen eilt der Ruf voraus, reformscheue, selbstgrüblerische Wesen zu sein, die sich die Angst zur Weltanschauung gemacht haben.

Die "German Angst" überschattet aktuell auch große Teile Fußballdeutschlands: 4:0 gegen Weißrussland gewonnen, EM-Quali eingetütet, und doch herrscht Skepsis. Der Umbruch, den Bundestrainer Joachim Löw nach der verkorksten WM 2018 einleitete, gefällt nicht allen. Zuletzt geriet der Prozess wegen vieler Verletzungssorgen ins Stocken. Vor allem, weil der designierte Abwehrboss Niklas Süle nach einem Kreuzbandriss im Oktober für das Turnier im kommenden Jahr auszufallen droht. Fußballdeutschland macht sich Sorgen.

Matthias Ginter als Inbegriff der Mittelmäßigkeit? Moment mal...

Zum Beispiel Steffen Freund. Der Ex-Profi und Europameister von 1996 warnte damals nach der Verletzung von Süle in der TV-Sendung "100 Prozent BundesligaFußball bei Nitro": "Wenn wir mit Rüdiger und Ginter in die EM gehen, können wir nicht Europameister werden". Antonio Rüdiger, aktuell ebenfalls verletzt, und Matthias Ginter als Inbegriff der Mittelmäßigkeit?

Natürlich versprühen die Namen der Nationalmannschaftsviererkette – beim Spiel gegen Weißrussland waren es Klostermann, Koch, Ginter und Schulz – keinen internationalen Glanz und erinnern eher an Rehmer-Ramelow-Zeiten in der deutschen Defensive.

Matthias Ginter: Weltmeister und Spitzenreiter

Doch an dieser Stelle müssen wir eine Lanze für einen Spieler der Abwehrreihe brechen, der lange unterschätzt wurde und sich aktuell zu einer tragenden Säule im DFB-Team entwickelt: Weltmeister (!) Matthias Ginter, 25, der bei Borussia Mönchengladbach, dem Tabellenführer der Bundesliga (!!), spielt.

Soccer Football - Euro 2020 Qualifier - Group C - Germany v Belarus - Borussia-Park, Moenchengladbach, Germany - November 16, 2019  Germany's Matthias Ginter celebrates scoring their first goal  REUTERS/Leon Kuegeler  DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video

Jubel! Matthias Ginter freut sich über sein erstes Tor im DFB-Dress. Bild: reuters / LEON KUEGELER

Schon den WM-Triumph 2014 hatte Ginter als 20-Jähriger miterlebt, wenn auch nur als Ersatzmann, und jetzt wird der lange unterschätzte Ex-Dortmunder so langsam in der breiten Öffentlichkeit als wichtiger Teil der Fußball-Nationalmannschaft wahrgenommen. Als einer von drei verbliebenen Rio-Weltmeistern neben Toni Kroos und Kapitän Manuel Neuer.

Bundestrainer Löw froh über die Entwicklung von Ginter

Das weiß auch Jogi Löw: "Es ist immer mal das Thema gewesen, dass Matze Ginter ein bisschen unterschätzt wird", bemerkte er zu seinem neuen Abwehrchef. "Er hat sich defensiv auch verbessert. Er ist stabil geworden und hat so eine gewisse Ruhe. Das macht ihn so solide und seriös", skizzierte der Bundestrainer Ginters Entwicklung. Der gebürtige Freiburger ist einer von Jogis Dauerbrennern im aktuellen Jahr: Hinter Joshua Kimmich und Manuel Neuer (sieben Spiele) folgt Ginter mit sechs Einsätzen auf Platz drei, gemeinsam mit Größen wie Gnabry, Gündogan, Reus und Süle.

Für den Aha-Effekt sorgte Ginter gegen die Weißrussen als Torjäger, als er am Samstagabend nach 20:2 Torschüssen das erlösende 1:0 (42. Minute) für die Nationalelf erzielte. "Es freut mich ganz besonders, dass er noch ein Tor erzielt hat, dazu ein schönes", sagte Löw.

Die doppelte Torpremiere

Mit der rechten Hacke lenkte Ginter eine Hereingabe von Serge Gnabry, der im deutschen Nationalteam eigentlich für das Toreschießen zuständig ist, ins Netz. Und das in "seinem" Wohnzimmer, dem Borussia Park. Das gelang übrigens noch keinem Gladbacher Nationalspieler vor ihm. "Ich bin sehr froh über mein erstes Tor. Dass es hier in Mönchengladbach geklappt hat, ist natürlich super", berichtete er über sein Premieren-Gefühl im 29. Länderspiel.

Germany's Matthias Ginter, center, scores the opening goal against Belarus' keeper Aleksandr Gutor during the Euro 2020 group C qualifying soccer match between Germany and Belarus in Moenchengladbach, Germany, Saturday, Nov. 16, 2019. (AP Photo/Martin Meissner)

"Matzinho" Ginter kickt den Ball mit der Hacke ins Netz. Bild: ap / Martin Meissner

Das Hackentor verblüffte sogar Ginters Teamkollegen: "In der Halbzeit wollte es tatsächlich nicht jeder glauben, dass ich das war oder ob es nicht doch ein Eigentor war. Ich habe es dann in einer Trockenübung nachgemacht. Dann hat es mir jeder geglaubt."

Ginter glänzte gegen Weißrussland nicht nur mit seinem Tor, sondern auch mit starkem Aufbauspiel, kompromissloser Defensivarbeit und Offensivdrang, eine Torvorlage für Toni Kroos' 3:0 stand ebenfalls zu Buche.

Matthias Ginter: Plötzlich Abwehrboss

Der Gladbacher Innenverteidiger lieferte viele gute Argumente für eine Weiterbeschäftigung als plötzlicher Abwehrboss der Nationalelf. "Bei ihm weiß man als Trainer, was man hat", sagte Löw.

Ginter scheint in Jogis Augen ein wichtiger Mann auf dem Weg zur EM 2020 zu sein. Es sei bedeutsam, "wenn man Spieler hat, die schon über Turniererfahrung verfügen", erklärte Löw. Der Bundestrainer wird, Stand jetzt, mit Ginter als Teil der Weltmeister-Achse in die Europameisterschaft gehen.

Und vielleicht findet Fußballdeutschland bis zur EM 2020 trotz "German Angst" ja sogar noch ein Fünkchen Hoffnung, was die Titelchancen der Nationalelf betrifft...

(as/mit dpa/sid)

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