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Der Tag, an dem Lucien Favre erklärte, dass Raffael gekidnappt wurde

25.04.18, 15:55 30.07.18, 14:30

Alex Dutler

In der Serie "Unvergessen" blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein großes Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

Heute: der 25. April 2006, an dem einer der größten Schweizer Fußball-Krimis mit einem Happy End endet.

Hatte für einige Tage wenig zu lachen: Gladbachs Raffael. Bild: ulmer/imago

"Raffael ist gekidnappt worden", sagt Lucien Favre mit eindringlicher Stimme. Hat er das jetzt wirklich gesagt? Die Journalisten im Presseraum des Espenmoos – dem ehemaligen Stadion des FC St. Gallen – trauen ihren Ohren nicht, als Favre, Trainer des FC Zürich, nach der Analyse des 3:2-Siegs gegen St.Gallen das erstaunliche Statement abgibt. 

Weitere Auskünfte könne er zu diesem Zeitpunkt nicht erteilen, erklärt Favre – und löst damit einen veritablen Spekulations-Tsunami aus. Die verbreitetste Theorie: Brasilianische Gangster treiben in der Schweiz ihr Unwesen. Bedrohen sie sogar das Leben des 21-jährigen Offensivstars?

Favre als Trainer des FCZ Bild: Ulmer/imago

Zwei dubiose Gestalten auf der Geschäftsstelle

Einer der größten Schweizer Fußball-Krimis der vergangenen Jahre beginnt schon zwei Tage vor dem Spiel im Büro von FCZ-Sportchef Fredy Bickel: Dort tauchen zwei Brasilianer auf und verlangen ein Gespräch. Einer von ihnen ist André Cury Marduy, Inhaber einer Fußballagentur mit einer offiziellen Spielervermittler-Lizenz. Der andere nennt sich Toni und gibt sich als Bekannter von Raffael aus.

Die Besucher sind nicht zum Spaß gekommen. Sie wollen Geld. Viel Geld. "Raffael gehört uns", behaupten sie – und verlangen eine Verfünffachung des Lohns und eine halbe Million bar auf die Hand. Andernfalls würden sie Raffael mitnehmen und ihn nicht mehr für den FCZ auflaufen lassen.

Raffael im Trikot des FCZ (links) im Duell mit Basels Ivan Rakitic. Bild: Geisser/imago

Die Züricher, die für Raffael im vergangenen Sommer über 300.000 Euro an den FC Chiasso überwiesen und damit rechtmäßig die Transferrechte an ihrem damaligen Topscorer (12 Tore, 14 Assists) erworben haben, lassen sich nicht unter Druck setzen. Die ungebetenen Gäste werden hinaus gebeten.

Wie vom Erdboden verschluckt

Tags darauf erscheint Raffael in Begleitung von Marduy und Toni zum Abschlusstraining. Nach der Einheit verfrachten ihn die Männer in ein Auto und brausen mit ihm davon. Ab da bleibt der junge Brasilianer verschwunden.

Als sich die Mannschaft am Sonntagmorgen um 10.15 Uhr zur Abfahrt nach St.Gallen trifft, fehlt er unentschuldigt. Sein Handy ist abgeschaltet und seine Wohnung verlassen. Darum schlägt der sonst so besonnene Favre auf der Pressekonferenz Alarm. Sportchef Bickel wendet sich an die Polizei. Er meldet Raffael als vermisst und erstattet Anzeige wegen versuchter Erpressung und Freiheitsberaubung.

Die Entwarnung und eine durchzechte Nacht

Raffaels Teamkollegen war bereits aufgefallen, dass er in den Tagen zuvor einen völlig verstörten Eindruck machte. Offenbar hatten ihn die beiden Hintermänner massiv eingeschüchtert, ihm weisgemacht, er sei illegal in der Schweiz und dem 1,74 Meter kleinen Brasilianer anschließend mit finanziellen Versprechen den Kopf verdreht.

Am Sonntagabend gegen 22 Uhr folgt die erste Entwarnung. Raffael meldet sich freiwillig auf der Hauptwache der Züricher Polizei. Wenigstens eine Entführung kann jetzt ausgeschlossen werden. Die Probleme für den FCZ sind damit aber noch nicht zu Ende.

Im Auftrag der Klubleitung nimmt Mittelfeldspieler César Kontakt mit seinem Landsmann auf und schlägt sich mit ihm bei einer ausgedehnten Kneipentour die Nacht um die Ohren. Sein Auftrag: Raffael dazu bewegen, am nächsten Tag wieder im Training zu erscheinen. Der Plan funktioniert nicht. Raffael schwänzt auch am Montagmorgen und César fehlt ebenfalls. Offiziell wegen einer Grippe, in Wahrheit wohl aber schlicht verkatert.

Nach der durchzechten Nacht mit Raffael liegt auch César (rechts) flach – wie hier gegen den Ex-Gladbacher David Degen. Bild: Ulmer/imago

Ein Restaurantbesuch als Strafe

Am Dienstag folgt endlich das Happy End. Raffaels falsche Freunde haben aufgegeben und sind abgereist. Der Spieler schleicht reumütig zurück ins Training. Er entschuldigt sich bei Favre und der Mannschaft und wird mit offenen Armen empfangen.

Als Strafe für seine ausgedehnte Eskapade muss der Brasilianer nur ein Essen für das ganze Team bezahlen. Schon am nächsten Tag steht er gegen Xamax wieder in der Startaufstellung.

Die Nachsichtigkeit des FCZ lohnt sich: Bis zum Saisonende schraubt Raffael sein Torkonto auf 14 Treffer. Nach zwei weiteren erfolgreichen Saisons beim FCZ holt ihn Favre für 4,3 Millionen Euro in die Bundesliga zu Hertha BSC und später zu Borussia Mönchengladbach, wo er immer noch kickt.

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