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Der Moment, als Jan Ullrich zum Popstar wurde – und dann abstürzte

Philipp Reich

Am 15. Juli 1997 legt Jan Ullrich mit seinem Solosieg hinauf nach Andorra-Aracalis den Grundstein für seinen einzigen Tour-de-France-Erfolg. Der Rotschopf löst in Deutschland einen Radsport-Boom aus, erst Jahre später folgt die bitterböse Ernüchterung. Drogen, Doping und Verurteilungen. Bis zum neuesten Kapitel, in dem Ullrich nach einem Streit mit Til Schweiger auf Mallorca in Handschellen abtransportiert wird und nun offenbar von der Staatsanwaltschaft festgenommen wurde

Mitte der 90er-Jahre ist Jan Ullrich der neue Shooting-Star am deutschen Radsport-Himmel. Schon bei seiner ersten Tour de France macht der Jüngling aus Ostdeutschland einen hervorragenden Eindruck. Doch noch darf der junge Debütant nicht gewinnen. Als Fahrer im Team Telekom muss er seinem Kapitän, dem Dänen Bjarne Riis, zum Tour-Sieg verhelfen. Ullrich selbst erreicht Paris im weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers.

Zehn Kilometer vor dem Ziel führt Ullrich das Peleton mit den Favoriten Marco Pantani, Richard Virenque, Abraham Olano und Riis an. Immer und immer wieder blickt er sich nach seinem Boss um, bis der Riis endlich erschöpft nickt. "Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los", sagt er noch.

Ullrich lässt die Konkurrenz einfach stehen

Sofort erhöht Ullrich das Tempo. In einer scharfen Linkskurve geht er aus dem Sattel. Die Attacke sitzt, scheinbar mühelos fährt er der Konkurrenz davon. Souverän und locker bleibt er auch bei der extremen Steigung im Sattel sitzen. In seiner unnachahmlichen Art mit den Händen am Unterlenker fährt er dem Etappensieg entgegen.

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Die entscheidende Attacke von Jan Ullrich. Video: YouTube/Captain_Future

Im Ziel beträgt der Vorsprung auf die ersten Verfolger Virenque und Pantani 1:08 Minuten, Riis verliert gar fast dreieinhalb Minuten. Da der bisherige Leader Cédric Vasseur komplett einbricht, darf sich Ullrich das Gelbe Trikot überstreifen, das er bis Paris nicht abgeben wird.

Millionen mitten im Sommer vor dem Fernseher

In der Heimat löst der erste (und bisher einzige) Toursieg eines Deutschen einen Radsport-Boom aus. An diesem Sommertag im Juli beginnt quasi eine neue Zeitrechnung, ähnlich wie im Tennis oder in der Formel 1 nach den Siegen Boris Beckers in Wimbledon oder den WM-Titeln von Michael Schumacher. Millionen versammeln sich fortan Juli für Juli vor dem Bildschirm oder pilgern an die Rennstrecken nach Frankreich.

Jan Ullrich (Team Telekom) beim Empfang des Telekom-Teams in Bonn nach der 96er Tour de France

Jan Ullrich team Telekom the Reception the Telekom Teams in Bonn After the 96er Tour de France

Tausende empfangen Jan Ullrich in Bonn. Bild: imago sportfotodienst

Sie alle wolle Ullrich sehen. Was den zurückhaltenden Rostocker zum Aushängeschild schlechthin macht, ist seine umgängliche Art: Er isst gern Torte, trinkt Rotwein und lässt es sich im Winter auch sonst gut gehen. Die Pfunde speckt er für den Sommer mit Gewaltkuren ab. Ullrich wirkt wie ein Mann aus dem Volk, ein Kumpeltyp eben.

Auch die internationale Presse staunt. "Der neue Riese", titelt "L'Equipe". Vom "König Ullrich" spricht "Le Parisien", gar zum Kaiser kürt ihn "Le Figaro". Die Experten sind begeistert vom jungen Deutschen. Die Tour-Legenden Eddy Merckx, Miguel Indurain und Bernard Hinault prophezeien Ullrich eine große Zukunft. Sie trauen ihm zu, die Tour fünfmal oder noch häufiger zu gewinnen. Doch Ullrichs Karriere verläuft ganz anders.

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Ullrich nach dem Tour-Sieg mit seiner damaligen Freundin Bild: imago

Chancenlos gegen Armstrong – Blutbeutel bei Fuentes

1998 ist Marco Pantani am Berg zu stark und ab 1999 taucht der übermenschliche Lance Armstrong auf. Seine Duelle mit Ullrich nehmen epische Ausmaße an, immer mit dem besseren Ende für den Texaner. Während Armstrong die Tour siebenmal in Serie gewinnen kann, muss sich Ullrich mit zweiten Plätzen zufrieden geben.

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Das ewige Duell: Ullrich gegen Armstrong. Bild: imago

Später folgen andere Probleme: Zwei Knieoperationen, Führerscheinentzug nach Fahrerflucht und der positive Dopingtest im Jahr 2002. Angeblich hat er in der Disco ein paar Pillen geschluckt. Die große Bombe platzt aber erst kurz vor der Tour 2006.

Ullrich wird von der Tour ausgeschlossen. Er soll mit dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet haben. Ende Februar 2007 erklärt er seine Karriere für beendet.

Auf einer bizarren Pressekonferenz:

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Video: YouTube/00steini

Gut einen Monat später werden ihm Fuentes-Blutbeutel per DNA-Abgleich eindeutig zugeordnet. Doch trotz aller Indizien streitet der Sportler alles ab. "Ich habe niemanden betrogen", ist das Einzige, was er zu den Dopingvorwürfen immer wieder gebetsmühlenartig predigt.

Der Ruf ist ruiniert, sein Höllenritt bleibt unvergessen

Seit einem Bericht der Freiburger Dopingkommission ist bekannt, dass im Team Telekom seit dem Mallorca-Trainingslager von 1995 mit Epo gedopt wurde. Riis hat für die 90er-Jahre selbst Epo-Doping zugegeben, Ullrich schweigt auch dazu. Deshalb bleibt bis heute juristisch ungeklärt, ob er sauber nach Andorra-Aracalis hinauf "geflogen" ist.

Nach den unzähligen Doping-Geständnissen ist es aber undenkbar, dass das flächendeckende Dopingsystem im Team Telekom ausgerechnet Jan Ullrich nicht erfasst haben könnte. Ein Epo-Missbrauch kann ihm nie nachgewiesen werden, im Februar 2012 spricht der Internationale Sportgerichtshof CAS den Deutschen wegen dessen Verstrickung in den Fuentes-Skandal aber schuldig.

Ullrich sorgt auch danach für Negativschlagzeilen. Etwa im Mai 2014: Wieder unter Alkoholeinfluss verursacht er im Schweizer Kanton Thurgau mit überhöhter Geschwindigkeit einen Unfall, bei dem zwei Personen leicht verletzt wurden. Die Folgen: 21 Monate Freiheitsstrafe, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde, 10.000 Franken (8.700 Euro) Geldbuße – und weitere tiefe Kratzer am längst beschädigten Ruf. Und Ullrich scheint in seiner Lebenskrise zu bleiben: Es kommt der Zwischenfall mit Til Schweiger dazu. Und nun sogar die Festnahme durch die Staatsanwaltschaft Frankfurt. 

Doch es ist paradox: In den Köpfen der Radsport-Fans wird der Höllenritt nach Andorra und der erste Tour-Sieg eines Deutschen wohl trotzdem immer haften bleiben.

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