Die Statue von Adidas-Gründer Adi Dassler vor dem Adidas-Verwaltungsgebäude. Dahinter trainiert die DFB-Elf.
Die Statue von Adidas-Gründer Adi Dassler vor dem Adidas-Verwaltungsgebäude. Dahinter trainiert die DFB-Elf.
Bild: www.imago-images.de / HMB Media/Julien Becker
watson live dabei

Gnabry, Gosens, Günter und Kimmich beim Golfen gesichtet: So abgeschottet lebt die DFB-Elf in Herzogenaurach

21.06.2021, 18:3222.06.2021, 13:03
constantin eckner

Das fränkische Städtchen Herzogenaurach ist bekannter, als es eigentlich zu seiner Größe passen würde. Das liegt natürlich daran, dass Adidas und Puma hier ihre Hauptzentralen haben – Weltmarken auf dem Land. Und das führte in diesen Wochen zu einer weiteren Besonderheit: Fußballstars auf dem Land. Die deutsche Nationalmannschaft hat in Herzogenaurach ihr EM-Quartier bezogen. Und was haben die Herzogenauracher davon? Nahkontakt mit ihren Fußball-Helden? Besondere EM-Stimmung? Ein Ortsbesuch.

Auf den ersten Blick ein Postkartenidyll

Adidas, der langjährige Partner des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), hatte bereits für den ursprünglichen Termin der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr ein eigenes Areal mit drei Luxus-Bungalows für die Nationalspieler errichtet. Mit der Corona-bedingten Verzögerung kam nun der sogenannte "Home Ground" endlich zum Einsatz. Von Herzogenaurach aus tritt die Nationalmannschaft jeweils die kurze Reise nach München an, wo sie ihre drei Gruppenspiele austrägt. Die Logistik ist für alle Beteiligten komfortabel und Adidas erhält den gewünschten Werbeeffekt.

So sieht die Innenstadt von Herzogenaurach aus.
So sieht die Innenstadt von Herzogenaurach aus.
Bild: dpa / Christian Charisius

Auf den ersten Blick hat Herzogenaurach den klassischen Charme einer Postkartenidylle. Allerdings unterscheidet die Tatsache, dass Adidas, Puma und mit dem Automobilzulieferer Schäffler ein weiteres internationales Großunternehmen hier sitzen, diesen Ort von anderen seiner Größe. In den vergangenen Jahrzehnten kamen immer mehr auswärtige Fachkräfte, es herrscht fast internationales Flair. Die Konzerne füllen die Stadtkassen, die Innenstadt wurde komplett restauriert, ein tolles Freizeitbad gibt es auch. Aber der Wohnraum in dem 25.000-Einwohner-Ort wird immer teurer. Auf der städtischen Warteliste für geförderten Wohnraum stehen zurzeit 250 Menschen. Zudem gibt es am Tag rund 20.000 Pendler, die nach Herzogenaurach fahren. Die Verkehrssituation stört die Idylle.

Abgeschottet durch hohe Zäune

Bei aller Weltoffenheit und internationaler Ausrichtung: Die Anwesenheit der Nationalmannschaft müsste trotzdem etwas Besonderes für die einheimischen Herzogenauracher sein? Könnte man meinen, doch wen man auch fragt, wohin man auch schaut: Hier geht alles seinen normalen Gang. Denn das Adidas-Areal liegt am nördlichen Rand der Stadt und der "Home Ground" selbst befindet sich in einem Waldstück, das bestens vom DFB-eigenen Sicherheitsdienst überwacht und durch hohe Zäune abgeschottet wird. Pläne für Events mit Nationalspielern wurden aufgrund der Corona-Pandemie zudem schon lange ad acta gelegt. "Natürlich waren in der Stadt ganz viele Dinge geplant. Auch, dass vielleicht mal ein Spieler für einen Termin seinen Weg in die Innenstadt findet", sagt Bürgermeister German Hacker gegenüber watson.

Viele zusätzliche Fans wurden nach den ersten Medienberichten über das "HomeGround" auch nicht angelockt, weil sowieso wenig zu sehen ist. Die Nationalspieler leben also in ihrer Welt, die Einheimischen derweil in ihrer.

Im Vordergrund arbetiet die lokale Landwirtschaft, im Hintergrund das Adidas Hauptgebäude
Im Vordergrund arbetiet die lokale Landwirtschaft, im Hintergrund das Adidas Hauptgebäude
Bild: www.imago-images.de / Harry Koerber

Verhaltene Stimmung beim Frankreich-Spiel

Am Abend der Partie gegen Frankreich sind ein paar Lokale in der Stadt gut gefüllt, Bildschirme für Public Viewing wurden aufgestellt. Fans der DFB-Elf können in Biergärten wie dem bekannten Kreis'l das Spiel verfolgen. Allerdings mussten die Plätze vorbestellt werden. Der Abend verläuft dann wie das Geschehen auf dem Rasen in der 185 Kilometer entfernten Allianz Arena: anfangs euphorisch und später eher gemächlich. An einem Tisch wird über die deutsche Defensive gestöhnt ("Wie kann der eigentlich den Ginter aufstellen?"), nebenan bekommen die ZDF-Kommentatoren ihr Fett weg.

Aber die Szenerie könnte aus jeder Stadt stammen. Dass die Nationalmannschaft nur einen Steinwurf entfernt übernachtet, ändert hier nichts. "Das bekommen wir hier gar nicht so mit", sagt ein Mann im DFB-Trikot von 1996 – dem Jahr des letzten EM-Siegs der Deutschen. Vielleicht ist die Stimmung aber auch eher gedämpft, weil sowieso keiner so wirklich an eine Wiederholung von1996 glaubt. Selbst als die Franzosen in der 20. Minute der Partie durch ein Eigentor von Mats Hummels in Führung gehen, bleibt die Reaktion im Biergarten eher verhalten. Das sei schon mal anders gewesen, heißt es.

"Man kriegt von denen wirklich nichts mit, das ist alles total abgeschirmt"
Matthias Witte, Sportjournalist aus Herzogenaurach

Unweit vom Kreis'l zeigt ein Open-Air-Kino am Abend des Frankreich-Spiels die Tragikomödie "Dream Horse". Es geht darin um die wahre Geschichte der walisischen Barkeeperin Jan Vokes, die ein Rennpferd kauft und es im Reitsport zu etwas bringt. 20 Leute sind gekommen, die lieber den Streifen auf der Leinwand als das Spiel der Nationalkicker anschauen.

Kleines Begrüßungskomitee nach 4:2

Etwas mehr Stimmung immerhin ein paar Tage später, als die Nationalmannschaft mit einem 4:2-Sieg gegen Portugal im Gepäck wieder in Herzogenaurach einfährt. Allerdings sind es wohl nicht mehr als 50 Menschen, die zur Begrüßung der siegreichen Kicker gekommen sind. Ein Autokorso mit einer Handvoll Fahrzeuge zieht durch die Stadt.

Aber auch nach diesem Erfolg läuft das Leben in Herzogenaurach weiter wie gehabt. Oben im Wald, wo der "Home Ground" liegt, residiert die Nationalmannschaft, unweit davon unzählige TV-Kameras und Medienteams, und ein paar Kilometer südlicher leben die Herzogenauracher – Parallelwelten.

Die Nationalmannschaft tritt in Herzogenaurach nur durch den Mannschaftsbus in Erscheinung.
Die Nationalmannschaft tritt in Herzogenaurach nur durch den Mannschaftsbus in Erscheinung.
Bild: www.imago-images.de / MIS

Sichtung auf dem Golfplatz

Den Eindruck bestätigt auch Matthias Witte, Sportjournalist und Moderator bei Sportradio Deutschland, der mit seiner Familie hier lebt. "Man kriegt von denen wirklich nichts mit, das ist alles total abgeschirmt", erzählt er. In Erscheinung trete die Nationalmannschaft öffentlich sichtbar nur verpackt in ihre beiden Busse, wenn sie sich auf den Weg zur Allianz Arena nach München macht. Zu anderen Zeiten wäre die Mannschaft sichtbarer gewesen, sagt er – beispielsweise hätten die Spieler einen Auftritt im Rathaus gehabt, zum Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Doch wegen Corona wurde das Goldene Buch stattdessen zum "Home Ground" des DFB gebracht für die Unterschriften – Auftritt im Homeoffice, sozusagen.

Immerhin: Einen Bekannten hat Witte vor Ort, der Golf spielt. Und der erhaschte auf dem Golfplatz einmal einen Blick auf ein paar der Spieler – Gnabry, Gosens, Günter und Kimmich spielten dort, wie der Bekannte aus der Ferne sehen konnte. Mehr Berührungspunkte mit der Nationalelf konnte Witte nicht beobachten. Und vielleicht wäre das auch zu viel erwartet, während einer Pandemie.

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