ARCHIV - 10.03.2022, Saarland, Saarlouis: Reiner Calmund, aufgenommen nach einem Gespr
Reiner Calmund hat schon vor der WM vor zu viel Kritik an Katar gewarnt. Er glaubt, dass die Diskussion um die One-Love-Binde der Leistung der deutschen Mannschaft geschadet hat. Bild: dpa / Oliver Dietze
WM 2022

WM 2022: Reiner Calmund über das DFB-Debakel – "Haben Dämlichkeitsplakette gewonnen"

09.12.2022, 16:00

Reiner Calmund ist eigentlich jemand, den man selten schlecht gelaunt erlebt. Den man immer erreicht als Journalist:in. Und der immer einen lockeren Spruch als Antwort geben kann. Auch jetzt, kurz nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, geht der Ex-Fußball-Funktionär ans Telefon – obwohl er gerade als Experte auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Persischen Golf unterwegs ist. Aber die Stimmung ist dieses Mal nicht gut, gelinde gesagt.

Ein Interview zwischen Ernüchterung und leidenschaftlicher Wut über das Scheitern der Nationalelf und den deutschen Fußball allgemein – das allerdings auch eine Lösung für Hansi Flick als Trainer bereithält.

watson: Herr Calmund, wie ist Ihre Laune seit dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft?

Reiner Calmund: Ich bin absoluter Fußball-Bekloppter, wie viele andere Millionen in Deutschland auch. Da ist das Ergebnis bei so einem Turnier natürlich das Allerwichtigste. Wenn man jetzt bei der WM in Katar zum zweiten Mal in Folge nach der Vorrunde ausscheidet, ist das mehr als nur ärgerlich. Hinzu kommt, dass wir uns auch bei der letzten EM nicht mit Ruhm bekleckert haben. Ich bin natürlich sehr enttäuscht und daher auch nicht unbedingt bestens gelaunt gerade.

"Wir haben im Vorfeld schon so eine Unruhe rund um die Mannschaft in den Medien veranstaltet. Das war völliger Blödsinn."
Ex-Fußball-Funktionär Reiner Calmund

Die Kritik an der Nationalelf war heftig in den letzten Tagen. Zu heftig oder völlig gerechtfertigt?

Ich würde es etwas differenzierter sehen. Dass die Nationalmannschaft jetzt schon zum zweiten Mal bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden ist, das geht vielen Fans jetzt auf die Nerven. Und das ist auch völlig nachvollziehbar. Statt des WM-Titels haben wir in Katar leider die Dämlichkeitsplakette gewonnen, und zwar verdient, weil wir im Vorfeld schon so eine Unruhe rund um die Mannschaft in den Medien veranstaltet haben. Das war völliger Blödsinn.

Team Deutschland mit Hand vor Mund vorne: KIMMICH, GNABRY, MUSIALA, MUELLER, GUENDOGAN Hinten: RAUM, NEUER, RUEDIGER, HAVERTZ, SUELE, SCHLOTTERBECK FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2022 ...
Die deutsche Mannschaft sorgte bei ihrem ersten WM-Spiel mit der Mund-zu-Geste für Aufsehen.Bild: www.imago-images.de / imago images

Sie meinen die Diskussionen rund um Katar als Austragungsland?

Nehmen Sie die One-Love-Binde. Die ganzen Diskussionen darüber können wirklich nur Ahnungslose inszenieren. Es gibt klare Bestimmungen seit Jahrzehnten. Wenn eine Mannschaft mit einem Trikot aufläuft, dann ist klar geregelt, wie groß das Logo sein darf. Und noch klarer ist die Regel, dass auf einem Trikot keine Symbole oder Aufschriften mit gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Themen erlaubt sind. Das ist in der Bundesliga so und natürlich auch bei einer WM nicht anders. Die dürfen da nicht stattfinden.

Und das ist vom Grundsatz auch richtig so, dass Verbände, in dem Fall die Fifa, das so festlegen. Da soll es um Fußball gehen. Deswegen sind, neben Logo und der zusätzlichen Werbung, bei den Vereinen nur die Rückennummer und der Name erlaubt. Darüber dennoch so lange zu diskutieren, war einfach unnütz und hat zu viel Unruhe in die Mannschaft gebracht.

"Das ist kein Halma, kein Schach und kein Eiskunstlauf – im Fußball geht es um Tore."
Ex-Leverkusen-Manager Reiner Calmund

Also hat die Diskussion um die One-Love-Binde der deutschen Mannschaft und ihrer Leistung geschadet?

Der Konzentration der Spieler hat die Diskussion eindeutig geschadet. Ich will die sportliche Leistung der Mannschaft nicht entschuldigen. Das 4:2 gegen Costa Rica und das Unentschieden gegen Spanien waren auch okay. Die entscheidende Panne ist im ersten Spiel gegen Japan passiert. Dass man da gegen einen Außenseiter verliert, hätte in dieser Form nicht passieren dürfen. Das ist kein Halma, kein Schach und kein Eiskunstlauf – im Fußball geht es um Tore. Und da haben wir gegen Japan deutlich danebengelegen.

Oliver Bierhoff ist nun zurückgetreten. War das richtig?

Oliver Bierhoff hat Konsequenzen gezogen, das muss man akzeptieren. Er hatte auch seine Erfolge. Der WM-Titel 2014 und die Gründung der Deutschen Fußball-Akademie werden immer auch mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden. Aber beim Fußball und bei der Nationalmannschaft geht es natürlich um Erfolge. Wenn die bei drei großen Turnieren hintereinander ausbleiben, kommt Kritik auf.

Er hat sich selbst für seinen Rücktritt entschieden. Wenn man das in so einer Situation nicht macht, kriegt man im Fußball auch schon mal schnell die Kündigung vorgelegt. Seinen Entschluss sollten wir daher akzeptieren – und dabei nicht seine Erfolge vergessen.

20.11.2022, Katar, Al-Shamal: Fußball: WM, Nationalmannschaft, Deutschlands Oliver Bierhoff, Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie, während eines Fifa Community Events mit 17 Mädchen aus v ...
Oliver Bierhoff Ende November in Katar. Nach dem Aus der Nationalmannschaft in der Vorrunde ist er nun zurückgetreten. Bild: dpa / Federico Gambarini

Sollte Hansi Flick Ihrer Meinung nach weitermachen?

Man kann sicher über die Leistungen von einigen WM-Spielern kritisch diskutieren. Aber aus meiner Sicht hat Hans Flick weitgehend den bestmöglichen Kader nominiert. Das Problem ist: Wir haben im Angriff keine Weltklasse-Qualität mehr und wir sind auch in der Abwehr nicht mehr so souverän.

Also: Weitermachen mit Flick?

In den nächsten eineinhalb Jahren bis zur EM muss intensiv an der Qualität des Kaders gearbeitet werden. Da ist Hansi Flick gefordert, da sind aber auch die Vereine gefordert. Ich würde sagen, dass Hansi Flick jetzt kurzfristig von einem erfahrenen Sport-Direktor unterstützt wird. Da vermutlich zeitnah kein aktuell erfolgreicher Vereins-Manager eine Freigabe für den DFB bekommt, denke ich an einen cleveren Haudegen, der Hansi Flick in den nächsten 18 Monaten bis zur EM unterstützen sollte.

Das könnte Karl-Heinz Rummenigge sein, Rudi Völler, Lothar Matthäus, Michael Zorc oder Matthias Sammer. Die sind alle zwischen 55 und Mitte 60 und kennen sich im internationalen Fußball perfekt aus. So wäre der Druck auf mehrere Schultern verteilt. Und wenn Hansi Flick das mit dem neuen Sportdirektor dann zusammen eineinhalb Jahre macht, hätte der DFB auch genug Zeit, um einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Hansi Flick (rechts), Trainer der Nationalmannschaft, hier mit Lothar Matthäus.
Hansi Flick (rechts), Trainer der Nationalmannschaft, hier mit Lothar Matthäus.Bild: dpa / Christian Charisius

Wichtig ist nur, dass dieser Kandidat dann nicht auch noch zuständig für die Fußball-Akademie und die Förderung des Nachwuchses ist. Das sind jetzt aktuell und auch in der Zukunft eindeutig zwei Jobs!

Wie blicken Sie auf die Chancen bei der EM 2024 in Deutschland?

Unser Torwart ist kein Problem, Manuel Neuer ist und bleibt Weltklasse. Und wenn der in eineinhalb Jahren doch gesundheitliche Probleme kriegen sollte, wie viele meinen, hätten wir da noch ausreichend weitere Qualität an Bord. In der Abwehr brennt jetzt nicht direkt der Baum, dennoch müssen wir die Spieler deutlich anweisen. Kein Firlefanz, das Wichtigste ist Sicherheit vor dem Tor. Aber das kann man in eineinhalb Jahren sehr gut hinkriegen.

Im defensiven zentralen Mittelfeld sind wir mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka ohnehin erstklassig und international erfahren besetzt. Und dann haben wir ein ganz junges, kreatives Trio im offensiven Mittelfeld. Ich behaupte, dass Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz absolute Weltklasse in der Offensive sind. Ich glaube, es hat spätestens nach dem Spiel gegen Costa Rica jeder erkannt, dass Kai Havertz seine besondere Klasse und Torgefährlichkeit nur hinter den Spitzen abrufen kann. In der Sturm-Spitze hat Niclas Füllkrug bei seinen kurzen Einsätzen nicht enttäuscht. Zwei Tore und eine Vorlage waren eine gute Bilanz. Dennoch müssten für die kommende EM noch zwei gute Alternativen aufgebaut werden.

"Was mich fasziniert hat, ist Brasilien. Mit dem schwerkranken Pelé im Krankenhaus (...). Da kriegst du doch eine Gänsehaut."
Ex-Leverkusen-Manager Reiner Calmund

Und auf wen tippen Sie jetzt als Weltmeister?

Ich bin bei dieser WM trotzdem weiterhin emotionalisiert. Mit Frankreich, England, Holland, Portugal und wie schon 2018 erneut Kroatien, ist Europa gut vertreten. Aber was mich fasziniert hat, ist Brasilien. Mit dem schwerkranken Pelé, mit dem ich übrigens befreundet bin, im Krankenhaus. Der wohl beste Spieler der Welt auf dem Sterbebett! Und der hat sich trotzdem gemeldet, um seiner Mannschaft die Daumen zu drücken. Jetzt spielt die Mannschaft für Pelé, geht für ihn durchs Feuer. Das ist Teamgeist! Da kriegst du doch eine Gänsehaut.

Und auch die argentinische Mannschaft, die für Messi noch einmal um seinen lang ersehnten ersten WM-Titel kämpfen will, zählt für mich zu den großen Favoriten. Oder auch die Holländer mit ihrem Feierbiest Van Gaal. Das sind Emotionen pur und die braucht es auch, um große Titel zu holen. In Deutschland war uns das Meckern in diesem Jahr scheinbar wichtiger – sehr schade.

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