Sport Bilder des Tages Mandatory Credit: Photo by Dave Shopland/Shutterstock 13626476e German fans Germany v Japan, FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2022, Group E, Football, Khalifa Int ...
Einige Deutschland-Fans sind zur WM nach Katar gereist. In Deutschland hält sich das Interesse noch in Grenzen. Bild: www.imago-images.de / imago images
WM 2022

WM 2022: "Fußball schauen wird zum Guilty Pleasure" – welche Auswirkungen das Turnier in Katar hat

28.11.2022, 15:38

Selbst 16 Jahre nach der Weltmeisterschaft 2006 sprechen viele immer noch andächtig vom "Sommermärchen". Seit der damaligen WM ist die Fußballbegeisterung, besonders bei den großen Turnieren, auch bei Nicht-Fans angekommen. Public Viewings und eingehende Berichterstattung schürten auch bei den folgenden Europa- und Weltmeisterschaften ein Gemeinschaftsgefühl, das mit dem Gewinn der WM 2014 in Brasilien wohl ihren Höhepunkt fand.

Vor und während der diesjährigen Weltmeisterschaft ist von dieser kollektiven Euphorie kaum etwas zu spüren, im Gegenteil: Viele Menschen, auch Fußballfans, boykottieren die WM in Katar, indem sie die Spiele nicht anschauen. Was macht diese fehlende Begeisterung mit der Gesellschaft?

Watson hat mit dem Soziologen Marc Keuschnigg von der Universität Leipzig gesprochen, der erklärt, ob die ausbleibende Fußballbegeisterung noch in der Gesellschaft ankommen kann und wieso uns eine "normale" WM gerade in diesen Zeiten gutgetan hätte.

Frühere Weltmeisterschaften haben Fußball-Fans und Menschen, die sich sonst nicht für den Sport interessieren, zusammengebracht, beispielsweise beim Public Viewing. Woran liegt das?

Viel von der Freude, die wir empfinden, wenn wir uns Sportereignisse anschauen, hängt damit zusammen, dass wir das gemeinsam mit anderen tun. In der Sozialwissenschaft spricht man von sogenannten Netzwerkeffekten. Unser Konsumnutzen von derartigen Sportereignissen steigt, je mehr andere Menschen das gemeinsam mit uns konsumieren. Dadurch sind Konzepte wie das der kritischen Masse bedeutsam. Typischerweise werden solche kritischen Massen, also hier eine hinreichend große Zahl an Fans, die andere mit ihrer Begeisterung anstecken, auch durch Berichterstattung oder durch das Aufgreifen der WM in der Werbung oder im Einzelhandel erzeugt.

Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Solch ein Ereignis kann eine Lagerfeuerfunktion übernehmen, die wir in unserer fragmentierten Gesellschaft heute nur noch selten erleben. Früher hatten wir das öfter, da gab es regelmäßige Fernsehevents wie "Wetten, dass…?" oder den "Tatort" am Sonntag. Darüber konnte man mit Kolleg:innen sprechen und wusste, dass sie es auch gesehen haben. Manche haben es vielleicht sogar angesehen, allein um mitreden zu können. Solche Ereignisse werden durch die Streaming-Dienste und die Auffächerung des Kulturkonsums immer seltener.

Marc Keuschnigg ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig.
Marc Keuschnigg ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig. bild: privat

Wie ist es bei der diesjährigen WM?

Mit der Weltmeisterschaft in Katar gibt es damit einige Probleme. Zum einen gibt es den Boykott auf der Grundlage der Menschenrechtsverletzungen in Katar. Zum anderen findet die WM im Winter statt, was mit unseren Gewohnheiten bricht. Es spielt nicht nur Katar als Austragungsort mit hinein, sondern auch der Bruch mit unseren Konsumgewohnheiten. Es ist eben nicht mehr das sonnige, grillende, bierselige Paket, das man konsumieren kann.

"Vor dem Hintergrund des verlorenen Auftaktspiels gegen Japan vermute ich, dass es dieses Jahr nicht gelingen wird, eine kritische Masse zu begeistern."

Kann der Funken der Begeisterung trotzdem überspringen?

Es wird schwer werden, genügend Menschen zu begeistern, die wiederum andere Menschen mit ins Boot holen, die sich sonst nicht so sehr für Fußball begeistern. Auch vor dem Hintergrund des verlorenen Auftaktspiels gegen Japan vermute ich, dass es dieses Jahr nicht gelingen wird, eine kritische Masse zu begeistern. Es hängt aber auch immer vom weiteren Erfolg der deutschen Mannschaft ab.

Die japanische Mannschaft freute sich über das 1:2 gegen Deutschland.
Die japanische Mannschaft freute sich über das 1:2 gegen Deutschland.Bild: www.imago-images.de / imago images

Inwiefern?

Nationen begeistern sich oft für die Sportarten, in denen ihre Landsleute Top-Ergebnisse erzielen. Formel 1 wurde in Deutschland sehr beliebt, als Michael Schumacher mehrfach Weltmeister wurde. Steffi Graf und Boris Becker haben Tennis in den Achtzigerjahren sehr populär gemacht.

Warum ist das so?

Wir als Konsumierende freuen uns zunächst mal, wenn unser Land erfolgreich ist und dadurch auch andere mit einem selbst das Ereignis teilen. Sobald der Erfolg nachlässt, wird es weniger interessant, solch einem Spektakel beizuwohnen. Eine Fußballbegeisterung könnte meines Erachtens in diesem Spätherbst nur entstehen, wenn die deutsche Mannschaft wider Erwarten wirklich sehr stark spielen sollte. Sonst sind all die widrigen Momente einfach zu dominant.

Was hält die Menschen davon ab, die WM zu schauen?

Die neuen sozialen Normen hinter dem Boykott können informell sanktioniert werden, das heißt, man verliert soziale Anerkennung im Freundeskreis, bekommt ein Stirnrunzeln oder wird zurechtgewiesen, wenn man WM guckt. Dann wird das Fußballschauen zum "Guilty Pleasure", das man lieber für sich behält. Das Gucken der WM-Spiele bricht möglicherweise mit den eigenen Überzeugungen und das kann auch kognitive Dissonanz erzeugen: Das eigene Verhalten deckt sich nicht mit den eigenen Wertvorstellungen, sodass man auch nur ungern mit anderen darüber spricht.

Haben die öffentlichen "Boycott Qatar"-Aufrufe also Wirkung gezeigt?

Auch in Bezug auf den Boykott kommt es auf die kritische Masse an. Wenn sich genug Freund:innen, Nachbar:innen und Kolleg:innen gegen die WM aussprechen, werden viele vermeiden, die WM sichtbar zu konsumieren. Wenn sich soziale Normen ändern, also mehr Menschen die WM boykottieren, hat das auch Auswirkungen auf die Fußballbegeisterung.

"Wenn einzelne Spieler die Teilnahme boykottieren, bringt das nichts. Es braucht eine kritische Masse an Spielern."

Könnte aus dem Boykott denn ein eigenes Gruppengefühl entstehen?

Das glaube ich nicht, denn da fehlt das vergemeinschaftende Element. In den Kneipen, die die WM nicht zeigen, finden ja in aller Regel keine Boykott-Partys statt. Dort ist dann normaler Kneipenbetrieb und der bringt Menschen nicht anders als sonst neu zusammen. Generell könnte man spekulieren, dass auch der Boykott eine gewisse Lagerfeuerfunktion für die Gesellschaft erfüllen kann. Aber diese ist natürlich nicht von Freude und Partystimmung geprägt. Die emotionale Intensität ist geringer.

Hat der Boykott andersherum auch Auswirkungen auf die Psyche der Spieler?

Viele der Spieler haben wahrscheinlich nur einmal in ihrem Leben die Chance, an diesem Wettkampf teilzunehmen. Nun rufen viele zum Boykott auf und erwarten auch von Spielern, sich politisch zu äußern. Es werden Erwartungen aufgebaut, die für die Sportler schwer zu erfüllen sind. Die Fifa hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Dass jetzt die Sportler oder Trainer das mit wohltemperierten Statements ausgleichen müssen, empfinden viele Fans als unfair.

Hätten die Spieler nicht durch Statements auch etwas bewegen können?

Auch das ist ein Phänomen des kollektiven Handelns. Es müssen hinreichend viele der Beteiligten motiviert sein, an einem Protest teilzunehmen. Wenn jetzt einzelne Spieler die Teilnahme boykottieren, bringt das nichts. Es braucht eine kritische Masse an Spielern, sodass beispielsweise der Kader hätte nicht gefüllt werden können und Spiele somit ausgefallen wären.

Verstärkt die problematische WM den gefühlten Krisenmodus mit Ukraine-Krieg und Energiekrise?

Ja, und das wahrscheinliche Ausbleiben des Fußballmärchens fügt sich leider gut in unser allgemeines Krisengefühl ein. Es ist ein schwerer Verlust für uns, dass wir ausgerechnet jetzt diese "komische" WM haben. Es ist schade, dass wir die Weltmeisterschaft nicht nutzen können, um als internationale Gemeinschaft zusammenzukommen und in Freiheit zu feiern. Damit hätte man auch ein Statement gegenüber Putins Russland setzen können.

Themen
FC Bayern: Bundesliga-Konkurrent will angeblich Nübel verpflichten

Als Alexander Nübel 2020 zum FC Bayern wechselte, ging ein Kopfschütteln durch die Liga: Obwohl die Bayern den inzwischen 26-Jährigen damals schon als die nächste deutsche Nummer 1 ausgemacht hatten, konnte kaum jemand den Deal nachvollziehen.

Zur Story