Rainer Winkler wurde jüngst zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt – womöglich bleibt es dabei nicht.
Rainer Winkler wurde jüngst zu einer Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt – womöglich bleibt es dabei nicht.Bild: dpa / Daniel Karmann
Analyse

Berufungsverfahren gegen den Drachenlord: Was Rainer Winkler jetzt noch drohen kann

30.10.2021, 08:16

Seit dieser Woche steht fest: Das letzte (richterliche) Wort im Fall Rainer Winkler aka Drachenlord ist noch nicht gesprochen. Am 21. Oktober wurde der umstrittene Youtuber in Nürnberg wegen gefährlicher Körperverletzung und weiterer Straftaten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt, nach der Staatsanwaltschaft (sie hatte zwei Jahre und sechs Monate ohne Bewährung gefordert) legte auch Winklers Verteidiger Berufung ein. Der 32-Jährige führt seit Jahren einen Kampf gegen seine Haider – wie sich die Hass-Community des Drachenlords selbst bezeichnet, der sich vom Internet ins reale Leben ausgedehnt hat: Jeden Tag stehen Menschen vor seinem baufälligen Haus, schießen Fotos, provozieren ihn mit Worten. Manche gehen noch weiter, werfen Abfälle aufs Grundstück, Farbbomben gegen die Hauswand oder Steine gegen seine Fenster. Psychoterror ist für ihn allgegenwärtig.

Dabei hatte der Drachenlord einst selbst seine private Adresse in einem Video verraten, nachdem angeblich seine Schwester im Netz belästigt worden war. "Traut euch, kommt zu mir und legt euch mit mir an!", schrie er 2014 wutentbrannt in die Kamera – und rief damit Geister nach Altschauerberg, die er bis heute nicht loswurde.

Winkler ist stark übergewichtig, hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche, offenbart in Streams regelmäßig eklatante Bildungslücken, spricht mit einem starken fränkischen Dialekt – all das macht es Personen, die über wenig Empathie verfügen, leicht, sich ihm überlegen zu fühlen und ihn dies vor allem auch wissen zu lassen. Jedoch unterscheidet er sich sehr stark von den meisten Menschen, die aus ähnlichen Gründen gemobbt werden. Sein Fall ist einzigartig, nicht nur in Deutschland, sondern vermutlich auf der ganzen Welt.

Ein verhängnisvoller Aufruf

Bevor Winkler seine Anschrift im Internet preisgab, blickte er auf eine sehr überschaubare Anzahl an Youtube-Followern. In seinen ersten Clips (seinen Kanal betreibt er seit 2011) ist sein liebstes Musik-Genre Metal das alles bestimmende Thema, unter anderem filmte er sich beim Headbangen. Nach eigenen Angaben wollte er damit eigentlich nur Freunde unterhalten, jeder Zuschauer darüber hinaus war ein Bonus. Harmloser hätte seine Karriere als Webvideoproduzent also kaum starten können.

Der Drachenlord wurde am 21. Oktober zu einer Haftstrafe verurteilt.
Der Drachenlord wurde am 21. Oktober zu einer Haftstrafe verurteilt.Bild: dpa / Daniel Karmann

Dann nach rund drei Jahren der Knackpunkt: Tatsächlich kamen User seiner Aufforderung nach und standen plötzlich vor seiner Haustür. Anfangs allerdings waren sie überwiegend noch freundlicher gestimmt und in erster Linie neugierig, mit einigen unterhielt sich der Drachenlord sogar unaufgeregt am Zaun. Erst über die Jahre erfolgte eine Radikalisierung – und an diesem Punkt wird die Geschichte kompliziert.

Der Fall Drachenlord ist einzigartig – und kompliziert

Nach und nach traf der Youtuber in seinen Streams äußerst fragwürdige Aussagen, die die Haider gegen ihn verwenden. Hierzu zählt insbesondere der Satz "Ja, 'n Holocaust wäre mal natürlich eine richtig nice Sache", der eindeutig sarkastisch gemeint (deshalb aber wohl kaum weniger grenzwertig) war. Seine Gegner nehmen Vorlagen wie diese gerne an, um den Drachenlord als etwas zu brandmarken, das er sicherlich nicht ist. In diesem Fall: als Rechter.

Im Gesamtkontext war schon damals zweifelhaft, ob Winkler überhaupt vollumfassend um die Bedeutung des Holocaust weiß. Später korrigierte er sich: Er habe den Holocaust gedanklich mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima verwechselt. Eine ohnehin geschmacklose Bemerkung erhielt damit noch einmal eine neue Dimension – es gibt Dinge, die sagt Winkler einfach, um zu provozieren. Nach dem Terroranschlag im November 2020 in Wien meinte er: "Soll ich mich jetzt um die ganze Welt kümmern? Ich habe hier jeden Tag Amoklauf!" Auch Empathie ist nicht seine Stärke, ein vor Gericht verlesenes Gutachten bescheinigte ihm laut "t-online.de" neben verminderter Intelligenz eine narzisstische Störung.

Allgemein ist bemerkenswert, wie offensiv er seinen Haidern gegenübertritt. Viele Menschen in seiner Position hätten sich wohl spätestens in dem Moment, als der erste Stein flog, aus Youtube zurückgezogen in der Hoffnung, das Internet werde wieder vergessen. Doch nicht so Winkler. Er antwortet auf Beleidigungen, indem er zurück beleidigt, lässt kaum einen Verbalangriff unkommentiert. Einmal zeigt er sogar Aufnahmen seiner Überwachungskamera und leakt dabei Gesichter diverser unerwünschter Besucher.

Die wiederum lieben es, ihn ausrasten zu sehen und wissen genau, was sie tun müssen, um ihr Ziel zu erreichen. An manchen Tagen "genügt" es, aus sicherer Entfernung "Rainerle" zu rufen, um eine minutenlange Schimpftirade Winklers in Gang zu setzen. Indes sind die Haider keine homogene Gruppe: Manche möchten lediglich ein Foto der "Drachenschanze" schießen, andere fahren mit dem erklärten Ziel nach Altschauerberg, Winkler ins Gefängnis zu bringen, indem sie ihn zu Straftaten bewegen und dabei ihre eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzen.

Zu ihnen zählen zwei Medizinstudenten, die am 21. Oktober als Zeugen vor Gericht aussagten und ihren "Schanzenbesuch" als Akt der Zivilcourage inszenierten. Nach einem Wortgefecht wurden sie von Winkler gestoßen, was schließlich in der Anklage mündete. Die Richterin bezeichnete den Abgrund, der sich hier auftat, als "empörend".

Die Haider des Drachenlord reisen aus allen Ecken Deutschlands nach Altschauerberg.
Die Haider des Drachenlord reisen aus allen Ecken Deutschlands nach Altschauerberg. Bild: dpa / David Oßwald

Hohe Verdienstmöglichkeiten dank Youtube

Wie Winkler des Öfteren erwähnt, schläft er nur wenige Stunden in der Nacht, wirklich zur Ruhe kommt er mittlerweile praktisch nicht mehr. Und dennoch: Für ihn ist der Hass, den er dieser Tage erfährt, bei einer Gesamtbetrachtung eine ambivalente Angelegenheit, so seltsam das erst einmal klingen mag.

Derzeit bringt er es auf Youtube auf rund 166.000 Abonnenten – und das nicht obwohl, sondern weil die Aktionen der Haider jetzt den Hauptinhalt seines Kanals bilden. Es vergeht kaum ein Stream, in dem der Drachenlord nicht die bisherigen Konfrontationen des Tages aufzählt oder auch mal live die Polizei anruft. Die Faszination, die er auf den Zuschauer ausstrahlt, lässt sich im Grunde leicht erklären: Es ist wie eine Reality-Show im Fernsehen, nur ohne eine einzige gescriptete Zeile.

Ein großes Publikum wiederum bedeutet für den Drachenlord mehr Einnahmen – und die sind aktuell sehr solide, gleichwohl es Haider-Profile gibt, die seinen Content restreamen und ihm so Zuschauer abluchsen. Wie der "Tagesspiegel" berichtete, bezifferte er sein monatliches Einkommen vor Gericht auf 3.500 bis 6.000 Euro. Winkler hat die Förderschule besucht, arbeitete danach bei Zeitarbeitsfirmen. Einen besser bezahlten Job, als den des Youtubers, würde er nicht finden, da ist er sich selbst absolut sicher, wie er in mehreren Videos angab.

Hinzu kommt: Seine Inhalte kann er bequem von zu Hause aus drehen, seinen Zeitplan flexibel gestalten. Immer wieder erreichen ihn Spenden von Leuten, die Mitleid haben und ihm obendrein aufmunternde Worte mit auf den Weg geben. Youtube ist für ihn ein Ort, an dem nicht alles schlecht ist, nachdem sein Vater 2011 an Krebs starb und er sich anschließend mit seiner Mutter und Schwester zerstritt. Finanziell geht die Rechnung für ihn auf, im Verlauf der letzten Monate ist auch sein Schuldenberg maßgeblich geschrumpft.

Altschauerberg: Ein Dorf im Ausnahmezustand

Allerdings geht das "Drachengame" schon lange nicht mehr nur Winkler und die Haider etwas an. Die Nachbarn in Altschauerberg müssen das Spektakel permanent mit ansehen und -hören. Schwierig ist die Lage daneben für die Polizei, die zumeist mehrmals täglich vom Drachenlord gerufen wird, aber schon aus Mangel an Kapazitäten nicht jedes Mal anrücken kann.

2021 erließ der Markt Emskirchen eine Allgemeinverfügung, um der Situation Herr zu werden. Danach ergeht ein Versammlungsverbot für Gruppen von mehr als acht Personen. Personen, die in den vergangenen drei Jahren von der Polizei oder dem Ordnungsamt in Altschauerberg einen Platzverweis erhalten haben, dürfen den Ort dauerhaft nicht mehr betreten. Bei Zuwiderhandlung ist ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro vorgesehen, die Verfügung wurde zwischenzeitlich bis Mitte Dezember verlängert.

Der Medienanwalt Christian Solmecke erklärt auf Anfrage von watson zunächst zur Allgemeinverfügung:

"Die Allgemeinverfügung ist eigentlich das beste Mittel, das die Polizei präventiv anwenden kann. Selbstverständlich stehen ihr auch Maßnahmen wie Platzverweise zu, die gegen jeden Störer einzeln angewendet werden können. Sie können notfalls auch zwangsweise durchgesetzt werden. Doch diese sind nicht gleich effektiv, da sie einzeln gegen die Personen ergriffen werden müssen – und erst, wenn die Ansammlung schon da ist. Von vorhinein mit einem hohen Bußgeld zu drohen, wenn man sich in dem Ortsteil mit mehr als acht Personen versammelt oder Lärmbelästigung verursacht, ist deshalb grundsätzlich wirksamer und ein gutes Mittel."

Selbst das jedoch scheint viele Haider nicht wirklich abzuschrecken, nach wie vor geben sich Besucher vor Winklers Tor die Klinke in die Hand. Damit stellt sich die Frage: Was hilft überhaupt, um die Haider in Schach zu halten? Die Rechtsprechung war schon vor Monaten dazu übergangen, auch beim Drachenlord selbst anzusetzen. Einen Deal, wonach ihm eine zweite Bewährungsstrafe garantiert worden wäre, hätte er seine Youtube-Karriere beendet, schlug er nach Angaben von "Nordbayern.de" im vergangenen März aus. Die psychologische Kalkulation dahinter: Taucht er ab, erhalten die Anti-Fans kein neues Futter und der Trubel lässt nach.

Rainer Winkler hat jetzt ein Berufungsverfahren vor sich.
Rainer Winkler hat jetzt ein Berufungsverfahren vor sich.Bild: dpa / Daniel Karmann

Auch Solmecke stellt fest, dass der Drachenlord mitverantwortlich für das anhaltende Chaos im Dorf ist – obwohl das Veröffentlichen seiner Videos an sich natürlich keinen Straftatbestand erfüllt, führt es kausal letztlich eben doch zum Besucheransturm auf sein Haus:

"Rainer Winkler selbst äußert Provokationen in seinen Videos und ist sich bewusst, dass das die anreisenden Haider herausfordert."

Der Anwalt erklärt, Winkler könne rechtlich als sogenannter "Zweckanlasser" für die Ansammlungen gesehen werden und führt weiter aus: "Die zuständige Ordnungsbehörde oder Polizei hätte damit theoretisch auch das Recht, ihm präventiv ein Verhalten auferlegen oder ihn von provozierendem Verhalten abzuhalten, um die Gefahr durch die Anreisenden zu reduzieren."

Was dem Drachenlord jetzt droht

Im Falle des Drachenlords wird es nun also zu einem Berufungsverfahren kommen, wobei ihn am Ende eine höhere Strafe erwarten kann als die zwei Jahre ohne Bewährung, die er schon in der Ausgangsverhandlung erhalten hat. Solmecke schildert die Voraussetzungen: "Zwar gilt nach dem Strafprozessrecht, dass das Urteil sich nicht verschlechtern darf, wenn der Angeklagte in Berufung gegangen ist. Aber hier hat die Staatsanwaltschaft ein Rechtsmittel eingelegt."

Direkt am Wochenende nach dem 21. Oktober zeigte Winkler in einem Stream unerlaubt Live-Aufnahmen der öffentlichen Straße vor seinem Haus, dabei muss er gerade auch jetzt aufpassen, sich nichts weiter zu Schulden kommen zu lassen. Der Paragraf 46 StGB bestimmt, dass das Verhalten des Täters nach der Tat für eine schwerere Strafe sprechen kann. "Dadurch kann auch sein Verhalten von jetzt bis zum Berufungsverfahren vor Gericht von Bedeutung sein und sich auf die neue Strafe auswirken", gibt Solmecke zu bedenken. Im Übrigen stellte er bereits auf Youtube klar: Winklers verminderte Intelligenz führt nicht zu dessen Schuldunfähigkeit.

Die Annahme einer Fluchtgefahr rechtfertigt in Deutschland die Anordnung von Untersuchungshaft. Dies wiederum könnte unter Umständen relevant im Zusammenhang mit dem Grundstücksverkauf Winklers werden, zumal der Youtuber in einem jüngeren Stream andeutete, künftig in einem Wohnmobil durchs Land reisen zu wollen. Der Medienanwalt schätzt dies wie folgt ein: "Von einer Fluchtgefahr ist noch nicht nur deshalb auszugehen, weil Rainer Winkler sein Grundstück anscheinend veräußert hat. Denn womöglich kann er zu einem entsprechenden Zeitpunkt einen neuen festen Wohnsitz mit Anbindung zum persönlichen Umfeld nachweisen."

Nicht zuletzt würde ein Wegzug Winklers den "guten Willen symbolisieren, in Zukunft auf Sticheleien gegen die 'Haider' zu verzichten". Der Richter müsse "all diese Gründe und womöglich bis dahin geänderte Umstände miteinander abwägen", bevor er eine Fluchtgefahr positiv feststellen könne, so Solmecke.

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