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Badmómzjay: Rapperin spricht Klartext – über Sexismus, TV-Pläne und Mats Hummels

Die deutsche Rapperin Badmomzjay b
Rapperin Badmómzjay hat 2,2 Millionen regelmäßige Hörer:innen auf Spotify, ihr eigenes Label Bad Momz Records und die Kosmetikmarke Bad Cosmetics. Bild: imago images / christian grube
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Badmómzjay spricht Klartext: "Wieder so ein Ding, das man als Frau echt nicht braucht"

25.08.2023, 07:5125.08.2023, 12:23
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Für eine Rapperin drückt sie sich fast gewählt aus. Für eine 20-Jährige ist sie eigentlich zu reflektiert. Und für eine Musikerin, die auf Spotify über zwei Millionen regelmäßige Hörer:innen hat, ist Badmómzjay überraschend normal.

Obwohl sie ihre schwarze Sonnenbrille während des gesamten Interviews nicht absetzt und trotz der leuchtend roten Haare, die sie seit der Schulzeit so trägt. Klar ist: Badmómzjay ist eine Künstlerin, die sich in keine Schublade stecken lässt.

Das watson-Interview mit der ersten Rapperin auf dem Cover der "Vogue", die aber immer noch ihr altes Kinderzimmer hat.

watson: Du bist 2019, mit 15 Jahren, direkt mit deinem ersten Song berühmt geworden. Was braucht eine Frau im Rap, was männliche Rapper nicht brauchen?

Badmómzjay: Es gibt ja noch nicht so viele weibliche Rapperinnen. Deshalb glaube ich, Frauen im Rap brauchen vor allem andere Frauen im Rap, die sich gegenseitig supporten.

Badmomzjay Telekom: Rapperin stößt gemeinsam mit eSports-Casterin Anika „Ryxcales“ Wolter und Profifußballerin Andrea Gavrić Debatte an. Paneltalk
Sich für Gleichberechtigung einzusetzen, ist ihr wichtig: Im August hatte Badmómzjay auf der Gamescom-Messe zu dem Thema einen Paneltalk der Deutschen Telekom.Bild: Telekom AG / Jörg Heupel

Werden an Musikerinnen andere Erwartungen gestellt als an männliche Musiker?

Das ist auf jeden Fall so. Es geht zum Beispiel immer wieder um das Aussehen. Wie man sich gibt als Frau im Rap. Wie man spricht. Aber ich glaube, eine Frau braucht es auch, dass gewisse Dinge einfach unkommentiert bleiben können. Ich will nicht ständig rechtfertigen müssen, warum ich so bin wie ich bin oder warum ich aussehe, wie ich aussehe. Ein Mann zieht einfach an, was er will.

"Man darf als Frau nicht zu viel, man darf aber auch nicht zu wenig. Beides ist auf jeden Fall falsch."

Wie oft eckst du denn an – und weshalb?

Ich bin immer schon angeeckt. Seit ich klein bin. In der Schule ging es um meine roten Haare. Aber die gehören einfach zu mir. Inzwischen geht es um meine Outfits, die die Leute zu feminin oder freizügig finden. Früher habe ich das Gegenteil gemacht. Da habe ich Klamotten getragen, die eher Jungs tragen und da hieß es dann: "Warum hast du keine engen Sachen an? Du bist doch ein Mädchen." Aber ganz ehrlich? Was soll das überhaupt sein – Klamotten für Frauen?

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Wie macht man es als Frau also richtig?

Man darf als Frau nicht zu viel, man darf aber auch nicht zu wenig. Beides ist auf jeden Fall falsch. Irgendeine Mitte muss man da offenbar finden …

Wie gelingt dir das?

Mir ist komplett egal, was andere sagen: Ich ziehe einfach Sachen an, in denen ich mich wohlfühle.

Und wie reagieren andere?

Manchmal merke ich erst an den Blicken oder der Reaktion anderer, dass ich offenbar ein krasses Outfit anhabe. Dann gucken die einfach die ganze Zeit, weil das irgendwas ist, was sie offenbar noch nie gesehen haben.

Fühlst du dich eigentlich ernst genommen von männlichen Künstlern?

Ja, ich fühle mich ernst genommen – inzwischen. Aber ich musste mir sehr hart erarbeiten, wo ich jetzt bin. Ich erinnere mich, dass das anfangs anders war. Und wie wütend ich darüber war. Aber diese Wut hat mich extrem motiviert, immer noch mehr zu geben. Ich wollte um jeden Preis beweisen, dass an mir niemand vorbeikommt.

In vielen deiner Texte rappst du gegen Sexismus an. In welcher Form hast du Sexismus erlebt?

Mein Team ist sehr protective. Dadurch kann ich in übergriffige Situationen gar nicht erst kommen. Das ist natürlich gut. Aber im Alltag erlebe ich trotzdem immer wieder so Momente, in denen es dann gar nicht darum geht, wer ich als Badmómzjay bin, sondern einfach darum, dass ich eine Frau bin.

"'Nicht, dass der Nagel abbricht.' Ich merke direkt den Vibe, wenn jemand so mit mir spricht."

Was sind das für Momente?

Das sind irgendwelche doofen Sprüche über meine feminine Ausstrahlung. "Prinzessin, bloß nicht dreckig machen." Oder: "Nicht, dass der Nagel abbricht." Ich merke direkt den Vibe, wenn jemand so mit mir spricht und keinen Respekt vor mir hat.

Und dann?

Ich bin ein sehr straighter Mensch und sage dann: "It’s not gonna happen – was auch immer du jetzt gerade mit mir vorhast …"

Badmomzjay
Rapperin Badmómzjay wurde 2022 bereits zum zweiten Mal "Best German Act" bei den MTV Europe Music Awards. Bild: Telekom / Janine Sametzky

Du hast zuletzt mit Juju ein Feature rausgebracht. Mit welcher Künstlerin willst du noch eins? Wäre Shirin David eine Option?

Auf jeden Fall. Shirin David ist eine krasse Frau, die Musik ist nice. Aber am liebsten würde ich direkt wieder mit den Künstlerinnen zusammenarbeiten, mit denen ich schon mal was gemacht habe. Einfach, weil es mir so viel Spaß gemacht hat.

Shirin David ist jetzt bei "The Voice", Katja Krasavice war bei "DSDS". Hättest du auch Lust auf TV?

Mein Business ist ja nicht nur Musik. Ich habe noch eine Brand, dann gebe ich Interviews, mache Werbung. Ich hätte schon Bock auf Fernsehen. Aber ich will halt auch Zeit dafür haben. Ich mache ungern Sachen halb. Ich bin nun mal ein leidenschaftlicher Mensch. Erst mal muss mein neues Album kommen. Wenn es ruhiger ist, kann ich mir TV aber gut vorstellen.

Shirin David in der ersten Liveshow der 14. Staffel der RTL-Castingshow Deutschland sucht den Superstar / DSDS 2017 im MMC Coloneum. K
Shirin David war als Jurorin bei "DSDS".Bild: imago stock&people / imago images

Und welche Show?

Ich finde es toll, dass es jetzt auch "The Voice Rap" gibt. Das ist für mich natürlich am naheliegendsten.

Zuletzt kam es bei Konzerten mehrerer Künstler:innen zu Vorkommnissen: Bei Cardi B hat jemand aus dem Publikum ein Getränk auf die Bühne geworfen, bei Pink sogar jemand die Asche seiner toten Mutter. Ist dir sowas schon passiert?

Mir ist sowas schon öfter passiert. Einmal habe ich dazu auch was gesagt – weil das in dem Fall auch was mit Homophobie zu tun hatte: Ich habe ja auch immer queere Tänzer:innen auf der Bühne. Da hat jemand einfach Eiswürfel auf die Bühne geschmissen. Das hat mich so wütend gemacht. Ich finde dieses Verhalten auf jeden Fall superkomisch und respektlos. Und ich verstehe jeden Artist, der dann irgendwas zurück schmeißt …

Dein neues Album soll noch in diesem Jahr kommen und heißt "Survival Mode". Warum?

Ich bin, seit ich klein bin, in diesem Überlebensmodus: Der Stress, wie man über die Runden kommt. Nicht richtig schlafen können. Damit war ich immer konfrontiert und dieses Gefühl hat sich fest in mir verankert.

"Sie wollen nicht, dass man das thematisiert. Aber deswegen bin ich umso lauter."

Ein wichtiges Thema in vielen deiner Songs ist Homophobie – was du hart ankreidest. Selbst lebst du auch offen bisexuell. Hat es dich trotzdem Überwindung gekostet, darüber zu sprechen und zu rappen?

Für mich ist das gar kein Thema mehr. Eigentlich. Aber das ist natürlich auch meine Bubble. Und ich merke immer wieder, dass nicht alle so tolerant sind. Deshalb bin ich auch so glücklich, wie gechillt es mit meiner Mutter war. Ich habe ihr gesagt: "Ey, ich stehe auch auf Frauen." Und sie hat gesagt: "Ja, okay."

Gamescom 2023 Im August war Badmómzjay auf der Gamescom mit der Deutschen Telekom und sprach in dem Paneltalk "Check das lieber nochmal" mit Gamerin Anika "Ryxcales" Wolter und Pro ...
Auf der Spiele-Messe Gamescom hat Badmómzjay in einem Paneltalk der Deutschen Telekom "Check das lieber nochmal" mit Gamerin Anika "Ryxcales" Wolter (rechts) und Profifußballerin Andrea Gavrić (Mitte) über Vorurteile in männerdominierten Branchen gesprochen.Bild: Deutsche Telekom / Jörg Heupel

Und das öffentliche Coming-out?

Als ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, gab es schon Reaktionen, mit denen ich so nicht gerechnet habe. Ich habe gemerkt, dass das ein Thema ist, das die Leute so nicht hören wollen. Sie wollen nicht, dass man das thematisiert. Aber deswegen bin ich umso lauter.

Als du mit Mats Hummels zusammen auf einem Festival warst, hat das für Aufregung gesorgt. Wie kam es dazu?

Wir kennen uns einfach. Wir sind cool miteinander. Und feiern uns gegenseitig. Und das war es auch. Aber das ist natürlich auch wieder so ein Ding, das man als Frau echt nicht braucht: Du machst ein Foto mit jemandem und dann gibt es 80 Artikel darüber …

Du hast eine Entwicklung durchgemacht von einer Kindheit, die wirklich nicht leicht war, bis zur millionenfach gestreamten Künstlerin. Aber zu Hause bei deiner Mama in Brandenburg lebst du immer noch. Warum?

Ich habe tatsächlich immer noch mein Zimmer in unserem Familienhaus. Aber ich bin inzwischen auch ausgezogen. Nicht weit weg. Ich wohne immer noch in der Nähe. Das Ding ist, ich bin eh nie zu Hause. Aber wenn ich dann doch mal da bin, bin ich auch einfach supergerne bei meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Den beiden bedeutet es so viel, dass ich da bin. Und ich gebe diese Liebe auch gerne zurück.

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