Schauspieler Emilio Sakraya, Regisseur Fatih Akin und Musiker Xatar Giware Hajabi bei der Premiere von Rheingold auf dem 32. Film Festival Cologne 2022 im Cinedom. Köln, 24.10.2022 NRW Deutschland *** ...
Emilio Sakraya (links) spielt in dem Fatih-Akin-Film "Rheingold" Xatar.Bild: IMAGO/Panama Pictures
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Was "Rheingold"-Regisseur Fatih Akin an "4 Blocks" auszusetzen hat

26.10.2022, 15:4726.10.2022, 16:09

Er ist nicht nur einer der erfolgreichsten Rapper in Deutschland, sondern auch einer mit einem besonders bewegten Leben. Ein Raub auf einen Goldtransporter, fünf Jahre Knast und die dramatische Flucht seiner Familie aus einem irakischen Gefängnis bis nach Deutschland. Viel mehr als bei Xatar geht nicht.

Jetzt hat Regisseur Fatih Akin mit "Rheingold" daraus einen Film gemacht, in dem TV- und Kinostar Emilio Sakraya die Hauptrolle des Rappers spielt (Kinostart 27. Oktober 2022).

Im Interview mit watson sprechen Fatih und Emilio über das Millionenprojekt und ganz offen auch über ihre eigene Jugendzeit, in der sie ebenfalls Gang- und Grenzerfahrungen sammelten.

Watson: Wie ist es, mit einem Rapper wie Xatar zusammen einen Film zu drehen? Er war am Set oft mit dabei.

Emilio Sakraya: Für mich war es sehr hilfreich, wenn er da war und ich ihn auffordern konnte: "Wiederhol mal bitte kurz diesen Satz." Ich konnte hören, wie er den sagen würde. Er war von Anfang an immer sehr offen, um mir Fragen zu beantworten und von seinem Leben zu erzählen.

"Es war auch keine Auftragsnummer."
"Rheingold"-Regisseur Fatih Akin

Aber angeeckt seid ihr nicht, oder?

Emilio: Nein, es gab ein Riesen-Vertrauen.

Fatih: Es gab überhaupt nicht den Moment, in dem Xatar meinte: "So will ich dargestellt werden." Es war auch keine Auftragsnummer. Er kam nicht auf mich zu und meinte: "Ich suche einen Regisseur, der mein Leben verfilmt. Willst du das machen, Bro? Was kostest du?" So läuft das bei mir nicht.

Für dich, Fatih, war schon beim Schreiben des Drehbuchs klar, dass Emilio in deinem Film die Hauptrolle bekommen wird. Warum eigentlich?

Fatih: Meine Frau kam mit Emilio um die Ecke. Ich meinte: "Der sieht doch viel zu gut aus. Er hat gerade die Hauptrolle bei Til Schweiger gespielt." Aber dann kam er zum Casting und hat geliefert. Einfach so hat er alles komplett wegrasiert. Ich habe früh gecheckt, was Emilio für ein Fabrikat ist. Er ist ein Macher, ein Perfektionist und zeigt die Next Generation. Emilio ist nicht so ein fauler deutscher Schauspiel-Sack wie in den 90er, 2000er Jahren, sondern der Typ arbeitet.

Das Filmplakat des Films ziert Emilio in der Rolle des Xatars.
Das Filmplakat des Films ziert Emilio in der Rolle des Xatars.bild: warner bros.

Das Drama vereint große Themen wie Flucht, Familie, Musik und letztlich den Goldraub aus dem Jahr 2009. Als Grundlage dafür diente Xatars Autobiografie "Alles oder nix". Wovor hattet ihr bei der Umsetzung Angst?

Emilio: Die Hauptfigur ist ein Antiheld und macht die ganze Zeit nur Scheiße. Trotzdem muss er ein Sympathieträger sein. Ganz am Anfang dachte ich nur: "Fuck, schaffe ich das, diesen Typen zu spielen?" Relativ früh ist aber der Gedanke verpufft.

Die Figur des jungen Xatars zeichnet einen bewusst unmoralischen Menschen. Hattest du, Emilio, keine Zweifel daran, ob so eine Hauptfigur okay ist?

Emilio: Natürlich steht die Frage im Raum: Feiert man da jemanden wegen des Goldraubs, der Scheiße gebaut hat? Aber der Goldraub ist nicht das, was ihn so erfolgreich gemacht hat. Es ist am Ende des Tages das, was er daraus gemacht hat. Den Erfolg hat er mit seiner Musik.

Fatih, als Teenager gehörtest du einer linken Straßengang namens Home Boys an, kommst aus einem sozialen Brennpunkt. Hattest du auch Kontakt mit Drogen-Dealern, die Kokain verkauft haben?

Fatih: Kontakt schon, aber ich habe es nicht gemacht.

Kannst du etwas mehr aus dieser Zeit erzählen?

Fatih: Ich war Teil der Jugendgang, war das Maskottchen. Ich war immer der verrückte Typ auf dem Gymnasium. Mein Umfeld dachte sich: "Was will der eigentlich mit uns?" Ich habe abends über die Gang geschrieben. Dieses Wissen, diese Herkunft hat mir auf jeden Fall einen Zugang in die Welt von Xatar gegeben. Es ist eine andere Stadt, eine andere Generation, andere Kanaks. Aber bestimmte Codes habe ich drauf und die haben mir das Nachempfinden erleichtert.

"Um ehrlich zu sein, blicke ich voll ungern zurück."
Schauspieler Emilio Sakraya

Emilio, in deiner Jugend hast du ebenfalls Grenzerfahrungen gemacht. Du wurdest in der Schule gemobbt, hast die falschen Freunde kennengelernt, die Drogen verkauft haben. Wie denkst du an die Zeit zurück?

Emilio: Um ehrlich zu sein, blicke ich voll ungern zurück. Es ist ein essenzieller Teil von meinem Leben, der mich geprägt hat. In vielen Extremsituationen hat mich das Kanak-Sein in die Scheiße geritten. Die Straße kenne ich, auch diese Codes, von denen Fatih spricht. Wir sitzen mit Xatar zu dritt in einem Raum und verstehen uns komplett. Wir wissen, wovon er redet. Es sind viele Parallelen zwischen seinem und meinem Leben – auch wenn es auf einem ganz anderen Level ist. Bei ihm ist es viel, viel krasser, aber ich kenne alles, was er erzählt.

Heute feierst du große Erfolge, wurdest in diesem Jahr zum European Shooting Star gewählt. Du hast eine andere Richtung eingeschlagen als vielleicht viele deiner Freunde von früher. Da lässt sich wieder eine Parallele zu Xatar ziehen.

Emilio: Ja, voll, zum Glück. Bei mir war es vielleicht nicht ganz so extrem wie bei Xatar. Ich musste eine Entscheidung fällen. Meine Mum meinte: "Ich unterschreibe dir diesen Filmvertrag nicht, wenn du dich nicht zusammenreißt." Das habe ich dann gemacht.

Im Film fällt der Satz: Du schreibst deine eigene Geschichte. Was hat euch davor bewahrt, selbst auf die schiefe Bahn zu kommen?

Fatih: Meine Eltern.

Emilio: Ja, bei mir war es auch so. Meine Familie hat mich davor bewahrt. Die strenge Hand zu Hause hat einem von klein auf eingetrichtert, dass es die falsche Welt ist. Meine Mutter kommt aus Marokko und ist von da abgehauen, um ein besseres Leben zu finden. Das hat sie bestimmt nicht gemacht, damit ich auf der Straße anfange, zu dealen.

"Es hat sich jede einzelne Sekunde gelohnt."
Schauspieler Emilio Sakraya

Emilio, Xatar schwärmt von deiner schauspielerischen Leistung. Du hast für die Rolle viel auf dich genommen, musstest 17 Kilo an Muskelmasse zunehmen, hast jeden Tag zwei Stunden trainiert und alle zwei Stunden Fleisch und Reis gegessen sowie Eiweiß-Shakes getrunken. Wie anstrengend war das?

Emilio: Es war nicht ohne. Nach zwei, drei Wochen sagst du dir: "Ich habe keinen Bock mehr, weil mir das Essen wirklich von oben rauskommt." Trotzdem war ich jeden Tag trainieren und habe schwere Gewichte gehoben. Mein Knie war im Arsch. Wenn du auf einmal 17 Kilo zunimmst, wachsen die Sehnen nicht nach. Aber ich kann sagen: Es hat sich jede einzelne Sekunde gelohnt.

"Ich war auch Schauspieler und habe Döner-Messer-Leute gespielt."
Regisseur Fatih Akin

Fatih, du sagst, dass dieser Film von neuer deutscher Mythologie handelt. Die Helden heißen jetzt Xatar und Shirin (eine Anspielung auf die Rapperin Shirin David). Kämpfst du damit gegen Klischees und Missstände an?

Fatih: Als ich angefangen habe, in den früheren 90er Jahren Filme zu machen, also vor fast 30 Jahren, gab es das nicht. Da gab es ganz wenige Kanaks, die geschauspielert haben. Wir hatten eine Handvoll Türken. Es wurden immer die gleichen besetzt. Sie haben keine Rollen bekommen. Ich war auch Schauspieler und habe Döner-Messer-Leute gespielt. Ich dachte: "Das muss ich jetzt in die Hand nehmen." Dann habe ich selbst angefangen, Drehbücher zu schreiben. Das ist heute anders und hat sich Gott sei Dank geändert. Jetzt brauchen wir arabisch-sprechende Menschen. "4 Blocks" beispielsweise wurde nach arabischen Einflüssen gemacht.

Bei "4 Blocks" hat Emilio auch mal mitgespielt.

Fatih: Das Bescheuertste bei "4 Blocks" ist eigentlich nur, dass der Typ Toni heißt. Warum heißt der Typ Toni, Alter? Verdammt noch mal, warum heißt er nicht Abdullah? (lacht) Wo ist das Problem? Abgesehen davon hat sich aber viel getan. Du hast heutzutage die Rapleute, Stars wie Shirin David. Das bereichert das alles und macht es so natürlich. Kids mit so einem Hintergrund fühlen sich cool damit und haben eine Vorbildfunktion. Elyas M'Barek hat auch viel gemacht. Elyas und Bora holten mit "Fack ju Göhte" rund sieben Millionen Zuschauer ab.

Elyas M'Barek hat seine Karriere auch bei "Türkisch für Anfänger" gestartet.

Fatih: Er ist am Ende des Tages Kanak. Er sieht aus wie ein Kanak und ist so der größte Star geworden. Aber wir haben noch viel zu tun. Es gibt noch so viel Rassismus, du siehst das auch in Europa. Hier warten die nur, dass das so wie in Italien wird. Es muss jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

Welche Botschaft nehmt ihr aus dem Film mit?

Fatih: Der Film hat mir echt noch mal klargemacht: Du bist Kanak, du kommst aus der Hood. Das hatte ich nicht verdrängt, aber vergessen. Man bewegt sich als Promi in anderen Kreisen. Ich denke mir: "Ey, Alter, da kommst du her und das ist okay so." Das hat dich sozialisiert. Der Film hat mich wieder zurück auf die Straße gebracht.

Emilio: Ich würde mich dem anschließen. Dieses ganze Kanak-Ding ist so eine Hass-Liebe. Von klein auf ist es so. Die Kanaks um mich herum waren alles Leute, bei denen ich mir dachte: "Um Gottes Willen, so will ich auf gar keinen Fall werden." Ich will mich heute noch von denen fernhalten, weil sie mir in meiner Jugendzeit so geschadet haben. Trotzdem ist es voll der wichtige Zusatzstoff meiner DNA, meines Charakters. Ich bin auch Kanak und von der Straße. So was sollte man nicht vergessen. Das verbindet uns alle.

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