Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) redet Klartext.
Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) redet Klartext.bild: screenshot ard

"Maischberger": Sigmar Gabriel kritisiert Botschafter Melnyk – "riesigen Schaden angerichtet"

31.08.2022, 11:27

Er war Deutschlands oberster Diplomat, bei Sandra Maischberger spricht Ex-Außenminister Sigmar Gabriel überraschend offen über eigene Fehler, Nord Stream 2 und Gerhard Schröder.

Zudem hat die Talkmasterin noch den Ex-Wasserspringer Jan Hempel in der Sendung, der sich in seiner Doku mit dem sexuellen Missbrauch durch seinen Trainer auseinandersetzt. Maischbergers Gäste:

  • Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Parteivorsitzender und Bundesaußenminister a.D.
  • Jan Hempel, Ex-Wasserspringer
  • Hajo Seppelt, ARD-Sportjournalist
  • Amelie Fried, Journalistin und Autorin
  • Rainer Hank, "FAS"-Kolumnist
  • Anna Mayr, "Zeit"-Journalistin.

Der ehemalige SPD-Parteivorsitzende und Bundesaußenminister a.D., Sigmar Gabriel, ist nicht dafür bekannt, gern Fehler einzugestehen. Aber bei bei Maischberger tut er das. "Natürlich gehöre ich zu denen, die Russland falsch beurteilt haben." Stimmen aus Osteuropa hätten lange vor Russland gewarnt und Deutschland habe nicht auf sie gehört. "Wenn die Polen uns gesagt haben, wir liegen falsch, haben wir uns relativ überheblich verhalten." Aber außer den Geheimdiensten, und dort vor allem die Amerikaner, habe wohl niemand geahnt, dass Russland "den Minimalstandard des Völkerrechts" brechen werde: "Du überfällst bitte deinen Nachbarn nicht mit Panzern."

Allen, die schon immer gewusst haben wollen, dass die Konzentration auf russisches Gas große Probleme schaffen werde, ruft er zu: "Heute wissen alle alles besser, sachte, sachte!" Als Ministerpräsident von Niedersachsen habe er in Wilhelmshaven den Bau eines LNG-Terminals fördern wollen. "Das hat uns die EU damals verboten." Und die Franzosen hätten eine Nordpipeline gestoppt, um ihren Markt zu schützen. Für ihn steht fest: "Der Weg in diese Lage zu hat sehr viele Ursachen."

Nord Stream 2 wurde erst nach der Annexion der Krim durch Russland genehmigt und gebaut. Doch das hänge unmittelbar miteinander zusammen, erklärt Gabriel.

Um einen Friedensprozess herbeizuführen und die Ukraine mit Erdgas zu versorgen, hätte man damals Gespräche mit Russland gesucht. "Dafür müssen Sie mit jemandem reden, da müssen Sie mit jemandem verhandeln." Und um das zu können, müsse man wiederum auch Zugeständnisse machen.

Heute spricht er sich dagegen aus, Nord Stream 2 ans Netz zu nehmen, wie es zuletzt FDP-Vize Wolfgang Kubicki und auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) vorgeschlagen haben. "Erstens wäre es politisch eine Katastrophe, die Europäer würden auseinander fliegen." Außerdem bezweifelt er, dass Putin dann dauerhaft mehr Gas durch diese Pipeline schicken würde. "Ich weiß gar nicht, woher der Optimismus kommt." Seiner Meinung nach hat Putin kein Interesse an einer Berechenbarkeit von Lieferungen:

"Viel schöner für ihn ist, wenn wir nervös sind."

Gabriels Vorschlag: Gas beschlagnahmen

Viel eher sollte man das Gas, das sich bereits in der Pipeline befindet, beschlagnahmen, falls Russland vertragsbrüchig bei den Lieferungen werden sollte, meint Gabriel. Denn als die Zertifizierung der Pipeline begonnen hatte, gab es Überprüfungsarbeiten, bei denen Gas eingeleitet wurde. Dieses Gas ist noch immer in der Röhre.

Allerdings handelt es sich laut Experten um vergleichsweise wenig Gas. Die Menge entspricht dem deutschen Verbrauch von ein bis zwei Tagen. Mehr als ein symbolischer Akt wäre das also eher nicht.

Menschen, die nun Angst vor Gasmangel im Winter haben, hält Gabriel aber entgegen:

"Es hat etwas mit Selbstbehauptungswillen zu tun, dass man nicht gleich Angst hat, wenn es zwei Grad kälter wird in der Wohnung."
Sigmar Gabriel im Gespräch mit Sandra Maischberger.
Sigmar Gabriel im Gespräch mit Sandra Maischberger.Bild: screenshot ard

Als einer der wenigen prominenten Politiker hat sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) dafür ausgesprochen, den Krieg durch Verhandlungen einzufrieren. Nach Gabriels Einschätzung ist das "eine ziemlich dickfellige Haltung gegenüber einem Volk, das um seine Freiheit kämpft".

Der scheidende ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, geht bedeutend weiter in seinem Urteil. Er schrieb auf Twitter: "Mit Ihrer absurden Rhetorik über das Einfrieren des Krieges spielen Sie in Putins Hände und befeuern Russlands Aggression". Melnyk widerrief in der Folge Kretschmers Einladung in die Ukraine und schloss mit: "Sie sind UNERWÜNSCHT. Punkt".

Gabriel war als Außenminister Deutschlands höchster Diplomat. Und doch fällt sein Urteil über den undiplomatischen Diplomaten Andrij Melnyk, der vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selekskyj abberufen wurde und Mitte Oktober Deutschland in Richtung Kiew verlassen wird, eindeutig aus: "Ich halte das, was Herr Melnyk in Deutschland angerichtet hat, für einen riesigen Schaden für die Ukraine."

Gabriels schlimmste Befürchtungen

Immer wieder gibt es Stimmen und offene Briefe, die fordern, dass die Poitik auf Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine hinarbeitet, um den Krieg zu beenden. Verhandeln sei "eine tolle Einstellung", gibt Gabriel zu, fragt dann aber: "Gibt es ein realistisches Konzept dafür?" Er glaubt nicht, dass Putin dazu bereit ist. "Der Schaden wäre riesengroß, wenn Russland Erfolg hätte mit seiner Politik." Gabriel hält es durchaus für möglich, dass Putin als nächstes einen Nato-Staat angreifen würde, sollte er die Ukraine besiegen.

Während seiner politischen Karriere hat er mit dem heute wegen seiner Putin-Nähe umstrittenen Ex-Kanzler Gerhard Schröder zusammengearbeitet. Noch nach dessen erstem Moskau-Besuch während des Kriegs hat er ihn zu Hause besucht. Er teile Schröders Meinung über Putin nicht erst seit dem Ukraine-Krieg nicht, sagt Gabriel, und sie hätten sich ausgetauscht. "Meinungsaustausch bei Gerd Schröder heißt nicht, dass er Ihre Meinung übernimmt."

Streit ums 9-Euro-Ticket

Anna Mayr, Rainer Hank und Amelie Fried kommentieren diesmal bei Sandra Maischberger (von links).
Anna Mayr, Rainer Hank und Amelie Fried kommentieren diesmal bei Sandra Maischberger (von links).bild: screenshot ard

Bei Maischbergers Kommentatoren-Trio geht es viel um die Belastungen und Entlastungen für die Bürger:innen angesichts der Energieteuerungen. Das prominenteste Entlastungs-Beispiel ist das 9-Euro-Ticket. Die Journalistin und Autorin Amelie Fried erzählt, wie sie mit dem Billigfahrschein aus einem Naherholungsgebiet zurück nach Hause gefahren ist und von einem Mann im vollen, stehenden Zug an den Schultern gepackt wurde. "Er hat versucht, mich aus dem Zug zu stoßen." Was dramatisch begann, endet dann doch normal: Der Mann machte Platz. Keine schöne Erfahrung, und ihre einzige mit dem 9-Euro-Ticket, trotzdem findet sie die Idee grundsätzlich gut.

Wirtschaftsjournalist und "FAS"-Kolumnist Rainer Hank sind die Maßnahmen der Regierung hingegen zu viel Gießkanne. Seiner Meinung nach solle man nur die Bedürftigen unterstützen. "Wenn es etwas umsonst gibt, werden die Menschen irrational." Der Staat sei nicht dafür da, billiges Bahnfahren zu ermöglichen.

Das geht ziemlich Hand in Hand mit der Argumentation von Finanzminister Christian Lindner (FDP), der eine "Gratismentalität" beklagte. Doch das stört die "Zeit"-Journalistin Anna Mayr. Sie beklagt, dass davon nur immer die Rede sei, wenn es "um ÖPNV, arme Leute oder Klimaschutz geht".

Vor dem Olympiasprung missbraucht

Der ehemalige Wasserspringer Jan Hempel spricht über den Missbrauch durch seinen Trainer.
Der ehemalige Wasserspringer Jan Hempel spricht über den Missbrauch durch seinen Trainer.bild: screenshot ard

Der ehemalige Wasserspringer Jan Hempel hat in seiner Karriere rund 280.000 Sprünge gemacht, insgesamt 14 Medaillen bei Olympischen Sommerspielen sowie Welt- und Europameisterschaften gewonnen. 14 Jahre lang wurde er parallel zu seiner Karriere von seinem Trainer sexuell missbraucht.

Es begann, als er 11 Jahre alt war. Seine Eltern ließen sich gerade scheiden, er war mehr in der Sprunghalle als bei der Familie. Der Trainer erschlich sich sein Vertrauen. "Es ist völlig normal, das macht jeder", versicherte er seinem jungen Schützling, als er mit den sexuellen Übergriffen begann. Hempel berichtet:

"Man hat es eigentlich über sich ergehen lassen, denn irgendwo hatte man das sportliche Ziel vor Augen: Ich möchte Olympische Spiele sehen, ich möchte eine Medaille sehen. Man blendet auch viel aus."

Auch direkt vor seinem dann verpatzen Sprung bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona nötigte ihn der Trainer zum Sex mit den Worten: "Das macht dich locker."

Hempels Fall machte vor einer Woche Schlagzeilen, als die ARD-Doku "Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport" ausgestrahlt wurde. Lange hat er geschwiegen. Nun meint er:

"Man muss selbst bereit sein, darüber zu sprechen, sich zu öffnen. Das war erstmal eine lange Phase."

Hinzukam, dass er an Alzheimer erkrankt ist. Er merke, dass "Erinnerungen an die frühere Zeit viel mehr schwinden", stellt er erschrocken fest. Aber er wolle "abschließen mit der ganzen Geschichte und was für die Zukunft tun".

ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt hat die Doku gedreht.
ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt hat die Doku gedreht.bild: screenshot ard

Gedreht hat die Doku der ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt. Er bekam viele Reaktionen, auch von Offiziellen, ein Umdenken bemerkt er aber nicht. "Ich finde es unglaublich problematisch, wenn ich die Verlautbarungen von Funktionären der letzten Wochen sehe. Man will das Produkt Sport schützen, aber ich finde, man muss das Kulturgut Sport schützen. Das heißt, dass man die Menschen, die Sport betreiben, vor Übergriffen Dritter schützen muss", erklärt er bei "Maischberger".

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