Markus Lanz
In der neuesten Ausgabe seines Talks sorgt Moderator Lanz selbst für Aufsehen.Bild: ZDF / Markus Hertrich
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"Passt zu meinem Selbstverständnis nicht": Markus Lanz erzürnt mit arrogantem Spruch

16.11.2022, 05:49

Zwei mutmaßlich russische Raketen sind am Abend auf polnischem Gebiet eingeschlagen, ganz in der Nähe zur ukrainischen Grenze. Zwei Menschen wurden dabei getötet. Der russische Krieg gegen die Ukraine hat eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Aber bei Markus Lanz' Talkshow spielt die Ukraine keine Rolle. Vermutlich, weil die Sendung bereits aufgezeichnet war, als die Nachricht über die Raketen die Runde machte. Bei Lanz geht es stattdessen ums Bürgergeld und den Iran. Seine Gäste:

  • Andreas Bovenschulte, Bremens Bürgermeister (SPD)
  • Michael Bröcker, Chefredakteur von "The Pioneer"
  • Wolfgang Büscher, Sprecher der Arche
  • Gilda Sahebi, Journalistin, Iran-Expertin

Sozialdemokrat Bovenschulte hofft, dass man trotz der bisherigen Ablehnung durch die Unions-Parteien für das Bürgergeld noch einen "gangbaren Weg zum Kompromiss finden" kann. Er sieht die Sozialreform als "wohl abgewogenes Modell".

Kritik hat sich unter anderem an den 60.000 Euro Schonvermögen für Leistungsempfänger entzündet. Bovenschulte sieht das Behalten dürfen des Ersparten bis zu diesem Betrag in den ersten zwei Jahren aber als Motivationshilfe. "Der Anreiz ist genau der richtige: hart arbeiten und sparen."

Mit Arbeit "ein paar hundert Euro" mehr

Zur Höhe des Bürgergelds im Vergleich zu Menschen mit Mindestlohn habe es "jede Menge Fake-Berechungen" gegeben, sagt Bovenschulte, mit Arbeit stünde man doch "ein paar hundert Euro besser" da.

Andreas Bovenschulte geriet mit Lanz aneinander.
Andreas Bovenschulte geriet mit Lanz aneinander.Bild: dpa / Sina Schuldt

Dazu müssen dann aber auch zusätzlich zum Lohn für die Arbeit Zuschüsse beim Amt beantragt werden, wirft Markus Lanz ein. Wenn man das aber nicht tue, stehe man schlechter da. Bovenschulte entgegnet:

"Und wenn jemand Bürgergeld nicht beantragt, ist er noch schlechter dran."

Mit dieser schnodderigen Antwort lässt sich Lanz nicht abspeisen "Ne ne ne, gehen sie da nicht so sarkastisch drüber hinweg", sagt der Moderator. Ihm sei es nie in den Sinn gekommen, "Zuschuss für Arbeit und Kinder" zu beantragen, das sei eine Frage der Würde. "Das passt zu meinem Selbstverständnis nicht."

Als seit Jahrzehnten einer der meistbeschäftigten und bestbezahlten Moderatoren im Deutschen Fernsehen hätte er wohl auch nie etwas bekommen.

Die Twittergemeinde bringt der Moderator mit dieser Formulierung geschlossen gegen sich auf.

Bovenschulte sagt, er würde die Würde lieber durch anständige Bezahlung hergestellt sehen, als die Würde für Arbeitende dadurch herzustellen, dass man Leistungsbezieher:innen weniger Geld zahlt. "Das ist nicht in Ordnung, das zu unterstellen", sagt Lanz und fragt dann: "Wie lange zahlen Sie die Miete?" – gemeint ist die Übernahme der Miete für Bürgergeldbezieher:innen, die nach den Vorgaben zu großen Wohnungen wohnen. Antwort: zwei Jahre.

Lanz bekommt einen Hals wegen 150 Euro

Endgültig schwellen Lanz die Halsadern, als Bovenschulte erwähnt, dass Menschen, die sich zu einer Weiterbildung entschließen, 150 Euro im Monat bezahlt werden. "Damit sie gewilllt sind, eine Weiterbildung zu machen?", fragt der Moderator entgeistert. Laut Bovenschulte sei das ja dasselbe wie das Bafög für Studenten, damit sie studieren können.

"Entschuldigung der Bafög-Gedanke ist doch ein völlig anderer", entgegnet Lanz. Doch dann findet Bovenschulte, dass man den insgesamt für solche Leistungen aufgewendeten Betrag "mal einordnen" müsse, viel mehr koste den Staat doch das Dienstwagenprivileg und Steuerhinterziehung. "Sie sind in der Regierung, ändern sie's doch“, ruft Lanz dem SPD-Politiker trocken zu.

Der Journalist Michael Bröcker (Chefredakteur von "The Pioneer") sieht im Namen "Bürgergeld" vor allem eine Marketingmaßnahme. "Klingt besser als Hartz IV." Aber er findet auch, "die Rutschebahn geht in Richtung fordern, nicht fördern". Aus seiner Sicht gebe es da "eine leichte Schlagseite". Ungerecht seien zum Beispiel die 60.000 Euro Schonvermögen, während Angehörige für Pflegebedürftige ab dem ersten Euro zur Kasse gebeten würden. Er zweifelt auch daran, dass der Unterschied zum Mindestlohn genug Finanzanreiz für Langzeitarbeitslose ist, die "ihr leben ändern müssten, aufstehen müssten, arbeiten gehen müssten".

Wolfgang Büscher ist Sprecher der Kinderhilfsorganisation Arche und kennt die Situation von Betroffenen. Mehr als 2000 Familien gebe es derzeit, die von ihnen unterstützt werden. Krieg, Corona und Inflation hätten alles extrem zugespitzt. "Ich habe eine solche Katastrophe, wie wir sie im Moment haben, noch nie erlebt." Viele Eltern ließen das Mittagessen ausfallen, damit die Familie abends etwas essen könne.

Mit 20 noch nie im Restaurant gewesen

Zwar klinge der Name Bürgergeld "eine Nummer besser", aber man sei "mit der großen großen Gießkanne an die ganze Sachen rangegangen". Sprich: Bei den wirklich Bedürftigen landet zu wenig, findet Büscher. Gerade die Förderung von armen Kindern komme viel zu kurz. "Wir haben nur eine einzige Ressource in Deutschland und das sind Kinder – wir haben nichts anderes." Aber Kinder würden vergessen. Viele Jugendliche seien nie in einem Restaurant, im Kino und schon gar nicht im Ausland gewesen. "Sie brauchen alle Hilfe, dass sie starke Erwachsene werden."

Büscher ist zwar leidenschaftlich sozial engagiert, verschließt aber nicht die Augen auch vor unangenehmen Wahrheiten. "Arbeiten gehen muss in Deutschland mehr wert geschätzt werden", sagt er. Viele Jugendliche, die er kennt, würden sich sagen: "Ich geh doch für die paar Euro nicht arbeiten", weil der Unterschied zwischen zwischen der Arbeit zum Mindestlohn und dem Abhängen mit Transferleistungen nicht groß sei. Aber für die Menschen, die das Bürgergeld wirklich brauchen, sei der Betrag viel zu wenig. Seine düstere Aussicht:

"Anfang nächsten Jahres werden die ersten Menschen hungern."

Gilda Sahebi glaubt, dass die meisten Menschen arbeiten gehen wollen. Abkassieren, wolle nur "die absolute Minderheit", glaubt die Iran-Expertin.

Sie ist 1985 mit ihrer Mutter aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Bei Lanz spricht sie vor allem über die Proteste, die es seit Wochen im Iran gibt. 14.000 Menschen sollen mittlerweile inhaftiert und zum Teil getötet worden sein. Die "Smart Oppression" (clevere Unterdrückung) wirke nicht mehr. Dabei sei es dem Regime extrem wichtig, im Ausland "als legitimer Staat zu wirken". Umso kontraproduktiver sei es, wenn der Westen Probleme ignoriere und noch Geschäfte mit dem Iran mache, glaubt Sahebi:

"Die Menschen verstehen schon lange nicht, warum man das Regime als Partner sieht. Dieses Regime tut alles, es hat alle Mittel um einzuschüchtern und das macht es auch seit 1979 sehr professionell."

Das gab es noch nie im Iran

Familie, Folter, Geständnisse und Prozesse würden wie Theaterstücke zur Abschreckung der Opposition inszeniert. Doch der Ungehorsam nimmt zu. Im Netz findet man Videos, in denen vor allem junge Menschen Geistlichen die Kopfbedeckungen herunterreißen. "Sowas gab es noch nie. Geistliche sind Menschen, vor denen man Angst hat, sie sind Teil des Systems", erklärt Sahebi. Für sie ein Zeichen, dass die Menschen endgültig mit diesem Regime gebrochen haben.

Eine große Sorge sei, dass es zu Massenhinrichtungen kommt. Die Menschen im Iran hätten aber gar keine andere Chance, als weiter zu protestieren. "Wenn sie nicht mehr demonstrieren, werden sie alle abgeholt." Für Gilda Sahebi steht fest, dass das Ende des Regimes begonnen hat. Offen seien eigentlich nur zwei Fragen: "Wie lang wird es dauern und wie viele Menschen werden auf dem Weg sterben?"

(Ark)

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