Greta Thunberg befürwortet zivilen Ungehorsam als aktivistisches Mittel.
Greta Thunberg befürwortet zivilen Ungehorsam als aktivistisches Mittel.Bild: ARD screenshot
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"Maischberger": Greta Thunberg glaubt nicht an die Grünen in der Regierung

13.10.2022, 06:02
katharina holzinger

Ein vorab veröffentlichter Interview-Ausschnitt von Sandra Maischberger mit Greta Thunberg sorgte bereits vor der Sendung für Diskussionen – darin sprach sich die Klimaaktivistin für die Nutzung von AKWs aus, wenn sie zwischen Braunkohle oder noch laufenden AKWs wählen müsste.

Das ganze Interview war nun am 12.10. bei Maischberger im Anschluss an die Talkrunde zu sehen. Thunberg befürwortete darin zivilen Ungehorsam als Protestmittel, zeigte wenig Hoffnung in Bezug auf grüne Parteien in Regierungen und sprach über ihre Zukunftsplanung. Die Studiogäste diskutierten wiederum zur Energiekrise, Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine und der Rolle der FDP in der Ampel-Koalition, vor allem mit Blick auf die Stimmeinbußen in Niedersachsen.

Diese Personen waren in der Sendung zu Gast:

  • Greta Thunberg, Klimaaktivistin (aufgezeichnet)
  • Wolfgang Kubicki, FDP-Politiker und Bundestagsvizepräsident
  • Theo Koll, Leiter ZDF-Hauptstadtstudio
  • Eva Schulz, Moderatorin bei "funk"
  • Alexander Kissler, "Neue Zürcher Zeitung"

Greta Thunbergs AKW-Aussage sorgte für Wirbel

"Wenn sie schon laufen, ist es ein Fehler sie abzuschalten", sagte Thunberg in dem Interview-Ausschnitt, der zu Beginn der Sendung nochmal eingeblendet wird. Die Journalistin Eva Schulz und die Journalisten Theo Koll und Alexander Kissler stimmen ihr inhaltlich zu. Schulz betont, dass sich Thunberg bei dem Interview ganz klar auf Atomkraftwerke bezogen habe, die gerade laufen.

Auf Twitter legte Thunberg nach und kritisierte das "Cherry Picking" bei ihren Aussagen – Schulz versteht das als Reaktion auf die von vielen aus dem Kontext gerissenen Zitate Thunbergs. Unter anderem Christian Lindner tat dies in einem Tweet. Dabei gehe es ihm nur ums Politische, sagt Koll, und nicht um irgendwelche grundsätzlichen Greta-Sympathien.

Eva Schulz spricht sich für ein Nutzen der noch laufenden AKWs aus.
Eva Schulz spricht sich für ein Nutzen der noch laufenden AKWs aus.Bild: ARD screenshot

Diskussion um schwächelnde FDP

Ein Einspieler zeigt Lindner nach der Niedersachsen-Wahl. "Wir überdenken die Rolle der FDP in der Koalition", sagt er. Ein Zeichen für eine Krise in der Ampel-Koalition?

Kissler sieht in der Aussage eine gedemütigte FDP und prophezeit, dass sich diese das nicht für die nächsten zwei Jahre gefallen lasse. Schulz und Koll widersprechen ihm bei der Einschätzung. Koll sagt: "Nicht in der Krise." Schulz glaubt auch, dass dies unwahrscheinlich sei, da Lindner schon einmal Verhandlungen hat platzen lassen, was allen im Gedächtnis geblieben sei. Das würde er nicht nochmal bei einer Regierung tun.

Die Rolle von Scholz

Auf die Rolle von Kanzler Scholz in der Koalition angesprochen, sind sich die drei einig, dass diese ausbaufähig sei. Er solle verstärkt die großen Ansprachen machen, die signalisieren würden, dass er da ist, und versuchen die Koalition zusammenzuhalten. Bei der Rollenverteilung in der Koalition sieht Kissler die Grünen klar im Fokus und "am Drücker".

Wolfgang Kubicki kommt in einem Einzelgespräch dran und legt einen denkwürdigen Auftritt hin. Zuerst entschärft er die Aussagen Lindners – von einem Bruch der Ampel sei nicht die Rede. Die Wähler würden mit der Koalition fremdeln, weshalb es wichtig sei, zu vermitteln, was die FDP leiste. Dass Kubicki in der Sendung angriffslustig drauf ist, zeigt sich, als Maischberger zu einer Nachfrage ansetzt: "Ich hab' noch nicht so ganz verstanden...", was er mit "Da kann ich Ihnen jetzt auch nicht helfen" unterbricht.

Wolfgang Kubicki sieht Beleidigungen als stilistisches Mittel.
Wolfgang Kubicki sieht Beleidigungen als stilistisches Mittel.Bild: ARD screenshot

Kubicki nimmt "unverschämte" Aussage zurück

Eine Sekunde später folgt aber schon der Rückzug: Das sei "unverschämt" von ihm gewesen, er nimmt die Aussage zurück. Auch ein Sticheln gegen die Grünen kann er sich nicht verkneifen, obwohl er – trotz des Eingeständnisses der Differenzen – sich klar für die Ampel-Koalition ausspricht. Ebenso bekräftigt er das Aufrechterhalten der Sanktionen gegen Russland. Bei dem Thema Waffenlieferungen äußert er sich passiver als seine Parteikollegin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich für die Lieferung von Leopard-Panzern aussprach. Das sehe er erst als Option, wenn dies auch die Nato entscheide.

Im nächsten Block wird es persönlicher. Maischberger fragt ihn, warum er Menschen beleidige. Als Beispiel zieht sie die Bezeichnung "Kanalratte" heran, als die er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bezeichnet hatte und jetzt von ihm angezeigt wurde. Er sieht es als "Stilmittel" und spricht von einem anerkennenden Wort.

Noch fragwürdiger wird es beim Thema Sexismusvorwürfe in der FDP. Die ehemalige FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin kritisiert in ihrem Buch das Klima in der Partei und spricht von unangenehmen Berührungen und Sprüchen. Kubicki bezeichnet das als Problem aus der Vergangenheit, das seit dem Wechsel zu Lindner und ihm überwunden sei.

Maischberger zeigt ihm nun ein Zitat von ihm aus dem Jahr 2010. Er spricht darüber, dass er Koch-Mehrin "angebaggert habe" an dem Tag, als er sie auch fragen wollte, ob sie FDP-Generalsekretärin werden wolle. Er tut es im Folgenden als "flirten" ab, das sei ja wohl erlaubt. Schulz wird eingeblendet und ihr Blick zeigt Ratlosigkeit.

Das Interview mit Greta Thunberg

Das am 1. Oktober aufgezeichnete Interview mit Thunberg kommt zum Schluss, neben ihrer Zukunftsplanung (sie will Sozialwissenschaften studieren), geht es um eine neue Priorisierung des Klimathemas. Der Krieg ist schlimm, sagt sie, aber Menschen sollten in der Lage sein, sich mit mehr als einem Thema gleichzeitig zu beschäftigen. Bei den Grünen in der Regierung bleibt sie skeptisch, ihrer Meinung nach braucht es gleich einen ganzen Systemumschwung. Wie der aber genau ausschauen soll, sagt sie nicht.

Auch die Medien kommen nicht gut weg. Über die Corona-Pandemie wurde berichtet wie über eine "immediate crisis", bei Klimathemen sei dies nicht der Fall, beziehungsweise nicht im gleichen Ausmaß, bemängelt sie. Angesprochen auf die drastischen Aktionen von Klima-Aktivist:innen wählt sie diplomatische Worte: Um einer Frustration und Radikalisierung von Personen entgegenzuwirken, solle man einfach besser handeln. Zivilen Ungehorsam solle man als aktivistisches Mittel nutzen.

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