Markus Lanz setzt Michael Müller (SPD) ganz schön zu.
Markus Lanz setzt Michael Müller (SPD) ganz schön zu.
Bild: screenshot zdf

Berlins Bürgermeister blamiert sich bei Markus Lanz

30.07.2021, 06:4230.07.2021, 06:47
Dirk kRampitz

Kurz vor dessen Abschied aus dem Amt hat sich Markus Lanz noch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), eingeladen. In der vergangenen Woche hatte Müller leise aber bestimmt einen Warnruf wegen der wieder kontinuierlich steigenden Corona-Infektionszahlen abgesetzt. Zum Einstieg wärmt ihn Markus Lanz mit einer scheinbar harmlosen Frage auf: Ob er mehr Angst habe vor dem Beginn der Schule oder den Reiserückkehrern. "Vor den Reiserückkehrern – eindeutig", sagt Müller und wähnt sich auf sicherem Terrain. Ein Irrtum, wie sich im Talk mit folgenden Gäste zeigt:

  • Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin (SPD)
  • Yasmine M'Barek, Redakteurin bei Zeit Online
  • Christina Berndt, SZ-Wissenschaftsredakteurin
  • Claudia Pahl-Wostl, Systemwissenschaftlerin an der Universität Osnabrück

Die Bundesregierung diskutiert derzeit über die Testpflicht für Urlaubsheimkehrer. Bisher gibt es sie flächendeckend nur für Flugreisende. Eine komplette Überwachung werde es nicht geben, so Müller. "Aber mindestens Stichproben", ist sich Müller sicher. Etwa auf Parkplätzen hinter Grenzübergängen. Für Heimkehrer aus einem Hochinzidenzgebiet, wie etwa derzeit Spanien oder Niederlande, reicht allerdings kein Test. Von dort gehen Ungeimpfte direkt in die Quarantäne. Verkürzen kann man diese dann auf fünf Tage mit einem negativen Test. Und damit hat Markus Lanz den Regierenden Bürgermeister ganz behutsam auf das Glatteis geführt, wo er ihn hinhaben wollte.

Was denn mit den Kindern sei, die mit ihren Eltern im Risikogebiet waren und kurz vor Schulbeginn zurückkehren. Ob sie denn auch in Quarantäne müssten. Michael Müller überlegt kurz, meint dann aber, dass die Kinder gleich in die Schule dürften. Sie würden in der Schule ja dreimal pro Woche getestet.

Die anderen Gäste und der Moderator sind da anderer Meinung. Allen voran SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt. Für die Kinder gelte ebenfalls, dass sie sich erst nach fünf Tagen "freitesten" könnten. Schließlich kommt die Übersichts-Bankrotterklärung des Bürgermeisters:

"Ich kann ihnen das nicht genau sagen wie das funktioniert bei den Hochinzudenzländern mit den Kindern."
Michael Müller

Lanz hakt nach. "Ich will Sie ja nicht in die Enge treiben, aber Sie müssen es genau wissen", sagt er zwar, tut damit aber genau das. Müller versucht eine Ausflucht: "Einerseits ändern sich die Sachen ja auch immer" – und Lanz grätscht mit viel Vergnügen rein: "Genau das ist das Problem!" Lanz mahnt an, Familien hätten ihren verdienten Urlaub möglichst vorausschauend geplant, "und dann kommt diese Kurfristigkeit von der Politik da rein und schreddert da alles" – und das immer mit vorwurfsvollem Ton an die Urlauber, die dafür ja nichts könnten.

Dem hat der eher blasse "Ministerpräsident" von Berlin (so nennt er sich einmal selbst in der Sendung) wenig entgegenzusetzen. "Ich finde, wir kommunizieren im Moment unglaublich unpräzise“, sagt Lanz. Denn auch um die Frage, ob die Regelungen für vollständig Geimpfte gelten, gab es anfangs keine Klarheit. Auch die SZ-Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt findet: "Da werden die Bürger oft allein gelassen." Sie befürchtet allerdings angesichts der stockenden Impfquote:

"Da haben wir einen Winter vor uns, der nochmal unangenehm werden könnte."
Christina Berndt

Im Sommer 2022 sei die Pandemie wohl aber endlich überwunden, vermutet Berndt.

Auch, wenn er es nicht explizit sagt, hat Müller wohl ähnliche Befürchtungen für den Winter. Bei den 20-25 Jährigen liege die Inzidenz schon wieder über 90 und gleichzeitig sei die Impfbereitschaft "sehr verhalten" trotz Angeboten "in Clubs, an der Uni und bei Ikea". Er betont, dass sich eine Impfung immer lohne und dass ab Herbst wieder richtig vor Ort in den Unis studiert werden soll.

Die Journalistin Yasmine M'Barek ist nicht verwandt mit Elyas M'Barek.
Die Journalistin Yasmine M'Barek ist nicht verwandt mit Elyas M'Barek.
bild: screenshot zdf

Die Bloggerin und Journalistin Yasmine M'Barek (nicht verwandt mit dem Schauspieler Elyas M'Barek) ist als Vertreterin der Jugend geladen. Sie vermutet eine Art Trotz hinter der geringen Impfbereitschaft: "Gerade bei jungen Leuten kam irgendwann der Punkt, wo sich Wut angestaut hat", meint sie – wegen des Verzichts auf Sozialleben zum Wohle der Risikogruppen. Nicht wenige hätten wegen der Pandemie ihren Job verloren. Und zudem seien sie ja auch durch Corona nicht so sehr gefährdet.

Um die veränderte Situation im Vergleich zum vergangenen Jahr weiß auch Michael Müller. "Wir sind weit von einem Lockdown entfernt", ist sie sich sicher. Man müsse nicht mehr allein auf die steigende Inzidenz gucken, sondern auch auf Krankenhauseinweisungen und Todeszahlen. Dagegen helfe aber vor allem das Impfen. Und zwar auch für die, die dachten, dass sie mit allem durch sind. Als einer der ersten spricht Michael Müller ganz konkret aus, was bisher nur immer mal wieder als Idee auftauchte: Es wird bald die ersten Nachimpfungen geben. "Das gehört zur Wahrheit dazu: Wer im März die Impfung bekommen hat, ist jetzt bald dran mit der Auffrischung."

Claudia Pahl-Wostl mahnt den bewussten Umgang mit Wasser an.
Claudia Pahl-Wostl mahnt den bewussten Umgang mit Wasser an.
bild: screenshot zdf

Zum Schluss geht es dann noch um ein anderes Thema, das der Menschheit noch deutlich größere Probleme als Corona bescheren kann: Der Umgang mit Wasser. Die Systemwissenschaftlerin Claudia Pahl-Wostl mahnt eindringlich, "diese Ressource zu schützen". Man müsse die natürlichen Speicherfunktionen der Landschaft wieder reaktivieren, Auengebiete wieder herstellen. Auch sollte man Wasser "als Teil einer Stadt mit grüner Infrastruktur" bautechnisch berücksichtigen. Sie hat einige eindringliche Zahlen parat: Die Produktion eines Kilo Rindfleisch verschlingt 15000 Liter Wasser. Das Äquivalent zu täglich 5 Minuten duschen – ein ganzes Jahr lang. Ein Kilo Schweinefleisch braucht 5000 Liter, ein Esslöffel Mayonäse immerhin noch 60 Liter.

In Berlin sei das Wasser schon "übernutzt". Und vor den Toren von Michael Müllers Stadt baut Tesla trotzdem gerade eine sehr wasserintensive Batterienfabrik – in einem Wasserschutzgebiet. "Es erstaunt mich, dass man da nicht vorher drüber nachgedacht hat", so die Wissenschaftlerin leicht fassungslos.

Denn das Wasser in Brandenburg und anden anderen ehemaligen Tagebauregionen könne erstmal knapp werden, weil enorme Mengen gebraucht werden, um die alten Gruben zu fluten. "Wenn man sie einfach volllaufen lassen würde, würde die Spree trocken fallen", sagt sie. Ihr Fazit zu Tesla in Brandenburg: "Dort eine so riesige Firma anzusiedeln, war sicher nicht sehr weitsichtig."

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