Analyse
Female hands with shopping cotton mesh eco bag on green background. Zero waste concept

Ganz egal aus welchem Material eine Tragetasche ist – sie sollte möglichst häufig wiederverwendet werden. Bild: E+ / Amax Photo

Analyse

"Papier ist sogar schlechter als Plastik" – und auch dein Stoffbeutel schadet der Umwelt

Auf dem Heimweg von der Arbeit geht es noch schnell beim Supermarkt vorbei, doch an der Kasse fällt plötzlich auf: Tragetasche vergessen. 15 Cent hinlegen und die Einkäufe in einer bunt bedruckten Plastiktüte nach Hause schleppen, schreit aber förmlich "Umweltsünder". Ergibt es da nicht Sinn, stattdessen in eine Papiertragetasche zu investieren oder gleich einen Stoffbeutel zu kaufen?

Dass Plastiktüten schlecht für die Umwelt und das Klima sind und ein riesiges Müllproblem verursachen, ist offensichtlich. Bislang sind sie in Deutschland zwar nicht verboten, doch schon seit 2016 beteiligen sich viele Händler an einer freiwilligen Selbstverpflichtung und geben Plastiktüten nicht mehr kostenlos heraus. Die Tragetasche gibt es nur noch gegen Geld und ein schlechtes Gewissen.

Das hat Folgen: Während 2015 laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung noch 68 Plastiktüten pro Kopf verbraucht wurden, waren es 2018 nur noch 24 – insgesamt kommen wir damit in Deutschland jährlich auf knapp zwei Milliarden Einwegtragetaschen aus Plastik. Hinzu kommen die dünnen Tütchen für Obst und Gemüse oder Fleisch und Käse. Ein erster Schritt in die richtige Richtung also – zumindest theoretisch. Denn statt der Plastiktüten werden nun Papiertüten angeboten, die häufig auch nur ein einziges Mal benutzt werden.

Papierherstellung braucht viel Energie und Wasser

"Viele Menschen denken, dass Papiertüten umweltfreundlicher als Plastik sind, aber das stimmt nicht", sagt Katharina Istel, Referentin für Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) gegenüber watson:

"Papiertüten sind sogar schlechter als Plastik, weil bei ihrer Herstellung sehr viel Energie und Wasser benötigt wird. Papier ist ein industrielles Produkt, dessen Herstellung viel Energie und Chemie frisst. Es bringt also nichts, von Plastik- auf Papiertüten umzusteigen."

Mindestens dreimal so häufig wie eine Plastiktüte müsste man das Pendant aus Papier benutzen, rechnet die Nabu vor, damit die Ökobilanz wieder ausgeglichen ist. Darin werden die Auswirkungen von Herstellung und Transport auf die Umwelt berücksichtigt.

Auch das Umweltbundesamt hält Plastiktüten nicht per se für schlecht. Wenn sie sich nicht vermeiden lassen, rät es, die Tüten möglichst häufig zu verwenden, bevor sie irgendwann ihre letzte Reise als Müllbeutel antreten. Das Grundproblem, dass Plastik Jahrhunderte braucht um sich zu zersetzen und so ein riesiger Müllberg entsteht, bleibt aber.

Natürlich muss verhindert werden, dass Plastiktüten in der Natur enden, sagt Istel. Aber zum Glück landet nicht jede der zwei Milliarden Plastiktüten am Ende dort. Viel wichtiger als das Material ist deshalb, wie oft eine Tasche verwendet wird. "Man kann aus jeder Einwegtüte eine Mehrwegtüte machen, egal aus welchem Material sie ist", sagt Katharina Istel. "Und man kann aus jeder Mehrwegtasche eine Einwegtasche machen, wenn man sie nur einmal benutzt und dann in die Ecke schmeißt."

Das wäre insbesondere bei den häufig als umweltfreundlicher deklarierten Baumwolltragetaschen fatal – denn ihre Herstellung braucht besonders viele Ressourcen.

So steht es um Stoffbeutel

"Beim Baumwollanbau werden wahnsinnig viele Pestizide eingesetzt, zudem ist der Wasserverbrauch sehr hoch", sagt Istel. Wer an der Kasse bemerkt, dass er seine Tragetasche vergessen hat und des schlechten Gewissens wegen zur Stoff- statt zur Plastiktasche greift, tut der Umwelt also keinen Gefallen. Über 100 Mal, sagt Istel, müsste man solch eine Stofftasche etwa nutzen, damit sie eine bessere Ökobilanz aufweist als ihre Schwester aus Plastik.

Zwar gibt es auch Taschen aus Ökobaumwolle, die mit dem GOTS-Zeichen oder dem Fairtrade Logo gekennzeichnet sind und bei deren Baumwolle keine chemischen Pestizide zum Einsatz kommen. Der Wasserverbrauch ist aber trotzdem hoch, sagt Istel.

Generell ist es also immer am besten, eine Tragetasche, einen Korb oder Rucksack von Zuhause mitzubringen. Wer doch einmal mit leeren Händen dasteht, dem empfiehlt Istel einen der leeren Kartons zu nutzen, die oft in den Supermarktregalen liegen bleiben. "Und einige Einzelhändler haben Tütenbäume, in die Kunden alte Baumwollbeutel hängen und sich dann einen mitnehmen können, wenn sie ihre Tasche vergessen haben."

Plastiktütenverbot geplant

Das alles setzt voraus, dass wir selbst für das Thema sensibilisiert sind. Die Nabu fordert aber auch politische Konsequenzen, sie hält die freiwillige Vereinbarung zu den Plastiktüten für zu kurz gegriffen. "Der Textilhandel ist oft nicht vertreten, auch die Apotheken stellen sich quer" bemängelt Istel. Auch an Orten, an denen Tüten schnell verwehen, wie an Wochenmärkte oder To-Go-Imbissen, würden noch immer kostenlos Plastiktüten ausgegeben.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze von der SPD hat zwar einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, mit dem bestimmte Plastiktüten komplett verboten werden sollen. Doch wo hier die Linie zwischen verboten und erlaubt gezogen wird, sei sehr willkürlich, sagt Istel. Sie kritisiert zudem, dass nicht gleichzeitig darauf geachtet wird, dass dann nicht mehr Papiertüten genutzt werden:

"Das Problem ist, dass es keinerlei Daten zur Entwicklung der Zahlen von Papiertüten gibt. Alle sagen zwar, dass Papiertüten schon extrem zugenommen haben. Aber wir kommen nicht an die Daten heran, weil das Umweltministerium sie nicht einfordert – obwohl es sie erheben lassen könnte."

Ob es am Ende also nur eine Verschiebung von der Plastiktüte hin zu einer noch schlechteren Tütenart gibt, ist unklar – und auch, welche Konsequenzen das für die Umwelt hat. "Wir fordern deshalb, dass alle Einwegtragetaschen mit einer staatlichen Abgabe versehen werden. Ganz egal, welche Größe und welches Material sie haben."

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ralf Schabik 01.06.2020 14:34
    Highlight Highlight "auch die Apotheken stellen sich quer" bemängelt Istel". Sorry - FALSCH ! Vielleicht mal vernünftig recherchieren - dann würde klar, WER sich quer stellt: Es sind die KUNDEN in den Apotheken, die zum Teil (noch) Tüten möchten ! Und wie aus dem Artikel schön hervorgeht, sind Papiertüten nicht besser (eher deutlich ungünstiger !) Sollen sich die Pharmazeuten hinstellen und nach der Erklärung der ganzen Krankenkassenbürokratie mit dem Kunden auch noch eine Diskussion über das fehlende Umweltbewusstsein vieler Menschen führen ? Will das der Kunde ?
  • inscha 01.06.2020 13:22
    Highlight Highlight Was kann der Stoffbeutel für dass Glyphosat?
    Das Wasser für das Papier bleibt im Kreislauf.
    Und die Energie kommt von der Sonne!

    Noch Fragen

    mfg

    schmalzbauer

Jane Goodall warnt nach Corona-Krise: "Sonst sind wir am Ende"

Gerodete Regenwälder, Massentierhaltung, zerstörte Natur: Wir muten unserer Umwelt viel zu. Und das könnte dramatische Folgen haben. Die Verhaltensforscherin Jane Goodall, die vor allem durch ihre Studien mit Schimpansen berühmt wurde, warnt jetzt: Wenn wir nicht auf die Corona-Pandemie und die Klimakrise reagieren und unser Nahrungsmittelsystem verändern, wird die Menschheit "am Ende" sein.

Goodall sagte am Dienstag bei einem Online-Event der Kampagnengruppe Compassion in World Farming, dass das …

Artikel lesen
Link zum Artikel