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Einsamkeit: "Wie überlebe ich eine Zeit ohne Freunde?"

22.05.2018, 19:5522.08.2018, 10:53
Bianca Xenia Jankovska
Bianca Xenia Jankovska
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Hallo Bianca,
 
Ich habe eine Frage bezüglich deinen Umzügen. War es für dich immer "erträglich", die erste Zeit ganz ohne Freunde zu verbringen? Für mich war das nie das Problem, da ich meist so neugierig auf die Stadt war, dass ich alles aufregend fand, auch alleine.  Nur nicht in Brüssel. Da war ich letztes Jahr für ein Praktikum und hab zum ersten Mal Einsamkeit erlebt. Natürlich trifft man hier und dort Menschen, aber die richtige Verbundenheit mit jemandem hat mir gefehlt.

Danach war ich in Wien. Da ich Wien schon halbwegs gekannt habe, war das große Excitement, um den Anfang zu überbrücken, nicht so ganz da. Was nicht schlimm war, da ich ja Wien liebe und ein paar Leute dort gekannt habe. Dennoch fiel mir zum ersten Mal auf, dass man als erwachsener Mensch keine wirklich gut funktionierenden Anknüpfungspunkte mehr hat. Und dass ich immer unterschätzt habe, wie sehr man seine ein, zwei vertrauten Seelen in seiner Nähe braucht. Sogar in Wien fand ich es dann irgendwann etwas einsam. War aber interessant, das mal zu erleben - eben weil man in seiner Heimatstadt das Problem nie hatte, da die Schulzeiten einem all das abgenommen haben.  Wie ging es dir damit? Kennst du richtige Einsamkeit?

Immer wieder Einsam

Liebe Immer wieder Einsam,  

ich glaube, dass man nicht einmal wegziehen muss, um Einsamkeit zu spüren. Frag eine random Person, die sich nach zehn Jahren Beziehung in derselben Stadt getrennt hat, ob noch alles so ist wie vorher. Eben.  

Manchmal ist es das eigene persönliche Wachstum, das die lose Verbindung zum Gegenüber verhindert. Manchmal ist es aber auch das Erwachsenenwerden als großes Ganzes und wie du schreibst: die fehlenden Anknüpfungspunkte nach der Schule und dem Studium.  

Plötzlich leben alle ihre eigenen, strikt voneinander abgeschotteten Leben in hübsch dekorierten Zweizimmerwohnungen und treffen sich nur noch alle fünf bis hundert Tage um bei ein, zwei Tassen Kaffee über die Probleme des letzten Quartals zu jammern, statt sich die Haare beim Kotzen im Charlie P’s zu halten.

Ist das Freundschaft – oder schon koffeinhaltiger Konsum von zur Verfügung stehendem Sozialkapital?

Ich habe erst letztens darüber nachgedacht, was wir Menschen beim "Kaffee Date" eigentlich machen – und mich dann zugunsten meiner eher introvertiert angelegten Persönlichkeit entschieden, von nun an nur noch auf Treffen zu gehen, auf die ich wirklich Lust habe. Oder, um es in den Worten des berühmten Psychologen C.G. Jung zu erklären: Introvertierte regenerieren sich, wenn sie allein sind, Extravertierte müssen sich regenerieren, wenn sie nicht genug Kontakt haben.

Selbst, wenn manche Wissenschaftler seine Theorien inzwischen für überholt halten und jeder Mensch irgendwo auf dem Spektrum sitzt, denke ich, dass das ganz gut erklärt, warum ich mich persönlich selten einsam gefühlt habe.  

Auch dann nicht, wenn ich objektiv betrachtet alleine war. Ich hatte immer zwei, drei sehr gute Freundinnen, die ich jederzeit anrufen konnte und die richtigen Menschen vor Ort, so sagte ich mir, würden schon noch kommen. Sie sind dann auch gekommen, nur nicht so schnell wie damals im Volleyballlager. 

Sieh es positiv: Wenigstens musst du nicht nach einer sechsstündigen Busfahrt in stinkigen Vierbettzimmern in Bad Hochgastein übernachten, um dich connected zu fühlen. So viel zu meiner Jugend.

Außerdem musst du geduldig sein, besonders mit den Wienern. Als gebürtige Kaiserschmarrn-Enthusiastin weiß ich, wie viel Interesse ich an neuen Freundschaften mit Hergezogenen hatte: Original zero. Mein Gott war ich ignorant! Wir Wiener sind schon ein bisschen komisch, was das angeht, isolieren uns in unseren alten Schulfreundschaftsgrüppchen, bis wir bei einem Grillfest auf der Donauinsel an gegenseitiger Nostalgie ersticken.  

Ich glaube übrigens nach wie vor, dass es gut ist, weggegangen zu sein. Sei stolz auf dich! Wegziehen ist wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett ins kalte Wasser, der den Charakter erst beim Aufprall an der Wasseroberfläche bricht, bevor er sich mit angehaltenem Atem und chlorverseuchten Augen bilden kann. 

Wegzuziehen ist gut, um die eigene Schmerzgrenze auszuloten und vielleicht auch zu erkennen: Ich will wieder heim.

Weil etwas fehlt, das sich auch durch hundert zusammen verbrachte Nachmittage nicht herstellen lässt: eine gemeinsame Jugend. Eine Vergangenheit, die so lange zurückreicht, dass sie in derselben Dauer nicht mehr mit neuen Menschen geschaffen werden kann. Ist es das, was du willst?

Oder kannst du noch ein paar Sekunden die Luft anhalten? Best Case: Wenn du dich selbst als beste Freundin siehst, müssen die "richtigen Menschen" (is there such a thing, if you feel wrong yourself?) gar nicht unbedingt kommen.

Du hast es doch schon in anderen Städten vorgemacht: geh ins Mumok, spazier im Prater und kauf dir ein Fahrrad. Erkunde die Gegend und Flohmärkte (bitte nicht den am Naschmarkt). Triff dich nicht aus Einsamkeit, triff dich aus Seelenverbundenheit. Und dann hoff einfach auf das Beste und lies einstweilen das tolle Essay von Richard Ford. Es heißt, ganz passenderweise: "Who Needs Friends".        

Alles Liebe,    

deine B.X.

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