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Noch mal ein paar Wochen zu Hause isoliert sein: Ob wir das wohl schaffen würden? Bild: E+ / martin-dm

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Corona: Schaffen wir einen zweiten Lockdown? Das sagt ein Psychiater

Am Helmholtzplatz in Berlin ist jede Parkbank besetzt, die Leute stehen Schlange an der Eisdiele, von irgendwo ertönt Musik: Es ist ein ganz normaler Frühling im Prenzlauer Berg. Würde man denken. Nur vereinzelt sieht man Menschen, die einen Mundschutz tragen. Was einst das Accessoire des solidarischen Bürgers war, der ein Zeichen gegen das Coronavirus setzt, wirkt jetzt schon wie ein Relikt aus vergangener Zeit.

Die Krise scheint überstanden – vorerst. Schreckensszenarien in den Krankenhäusern blieben flächendeckend aus, das Notfallkrankenhaus in Berlin, das eigens für die Pandemie gebaut wurde, steht leer, erste Lockerungen der Maßnahmen sind bereits in Kraft getreten. Tausende Menschen gehen zum Demonstrieren auf die Straße, weil sie ihre alten Leben aus Vor-Corona-Zeiten zurückwollen und sich vor Eingriffen in ihre Grundrechte fürchten. Verirrte Seelen zweifeln an, ob der Corona-Spuk überhaupt echt war.

Was viele Menschen dabei vergessen: Die Gefahr, dass diese oder eine weitere pandemische Welle uns überrollt, ist noch nicht überstanden. An einigen Orten Deutschlands sind die Fallzahlen bereits wieder auf die von der Regierung vorgegebenen Obergrenze angestiegen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Maßnahmen gegen das Virus wieder angezogen werden.

Aber würden wir einen Lockdown wie im März und April noch einmal mitmachen wollen? Können wir das überhaupt – oder sind wir jetzt schon an der psychischen Belastungsgrenze angekommen? Darüber hat watson mit Borwin Bandelow gesprochen. Bandelow ist Psychiater und Experte für Angststörungen sowie Professor an der Universität Göttingen.

"Wir sind in der Lage, uns an solche Szenarien zu gewöhnen und mit ihnen umzugehen."

Borwin Bandelow

watson: Welches Gefühl dominiert aktuell die Stimmung?

Borwin Bandelow: Viele Menschen werden ungeduldig und scharren gerade ein wenig mit den Füßen. Das ist verständlich – schließlich ist es Frühling, die Sonne scheint, viele wollen gerade rausgehen, Freunde treffen oder feiern. Wir müssen allerdings noch ein wenig stillhalten. Trotzdem müssen wir damit rechnen, Vorsicht zu wahren.

Was würde denn mit uns passieren, wenn die Fallzahlen wieder steigen und ein weiterer Lockdown verordnet werden würde?

Wir würden zunächst einen Schock verspüren, wenn die Dinge, die nun kurzzeitig erlaubt waren, wieder verboten werden würden. Aber die Menschen sind auch anpassungsfähig: Das wissen wir auch von viel schlimmeren Krisensituationen wie Kriegen oder in Gebieten, in denen der Alltag auch im Normalzustand viel gefährlicher ist als bei uns in Deutschland. Wir sind in der Lage, uns an solche Szenarien zu gewöhnen und mit ihnen umzugehen. Das hat die Corona-Pandemie wieder einmal gezeigt.

Das heißt, es ist aus psychologischer Sicht ein Vorteil, dass wir vor Kurzem erst einen Lockdown erlebt haben? Haben wir uns an die Lage gewöhnt?

Zumindest sind wir rational besser drauf vorbereitet. Wir wissen, dass wir nun über mehr Ressourcen wie Schutzmasken verfügen, vorerst genügend Intensivbetten frei sind und wir uns deswegen weniger vor der Pandemie fürchten müssen. Emotional könnte das anders aussehen: Bei der Aussicht, vielleicht noch Monate oder sogar ein Jahr lang mit den starken Einschränkungen leben zu müssen, wird der ein oder andere den Mut verlieren. Ich bin mir allerdings sicher, dass selbst das die Menschen verkraften würden. Corona war schlimm – aber nicht so schlimm, wie wir anfangs dachten.

"Der Großteil der Bevölkerung wird sich an die geänderten Begebenheiten angepasst haben."

Zu Beginn der Pandemie haben viele Experten vor den psychischen Konsequenzen der Krise gemahnt. Jetzt klingt es allerdings so, als wäre die Belastung doch nicht so stark gewesen?

Tatsächlich haben zahlreiche Psychiater und Psychologen davor gewarnt, dass die Menschen wegen der Anti-Corona-Maßnahmen in schreckliche Zustände verfallen würden. Es war die Rede von Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder gar einem Anstieg der Suizidrate. Ich will nicht ausschließen, dass einige Menschen, die psychisch vorbelastet waren, tatsächlich schwer von der Krise getroffen worden sind. Auch ist die Situation für Menschen, die wegen Corona Aufträge oder gar ihren Job verloren haben natürlich eine große Belastung. Der Großteil der Bevölkerung wird sich allerdings an die geänderten Begebenheiten angepasst haben.

Mittlerweile wirken die Menschen auf der Straße auch ganz entspannt. Zumindest wenn ich durch den Prenzlauer Berg laufe, habe ich den Eindruck, dass sich hier niemand mehr vor dem Virus fürchtet.

Das wäre jetzt auch schwierig, den Leuten Angst einreden zu wollen. Gerade in so einer zentralen Gegend in Berlin sind viele junge Menschen unterwegs, die vielleicht glauben, sie würden sowieso nicht an Covid-19 erkranken. Da könnte sich die Kanzlerin persönlich hinstellen und ein betretenes Gesicht machen – die Leute würden sich trotzdem nicht mehr fürchten. Zu Beginn der Pandemie war die Stimmung allerdings noch anders.

Warum haben die Menschen keine Angst mehr vor dem Virus?

Wir beobachten die Fallzahlen zwar in den Medien, aber viele Menschen kennen gar niemanden, der tatsächlich an Covid-19 erkrankt ist oder positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Zudem konnten wir selbst während der schlimmsten Pandemie-Zeit noch einigermaßen entspannt unserem Leben nachgehen. Damit rückt die Bedrohung in die Ferne.

"Da könnte sich die Kanzlerin persönlich hinstellen und ein betretenes Gesicht machen – die Leute würden sich trotzdem nicht mehr fürchten."

Diese Entspannung verführt allerdings zu leichtsinnigem Verhalten, das einen erneuten Anstieg der pandemischen Welle provozieren könnte. Wie können wir das verhindern, wenn nicht über Emotionen wie Angst?

Das geht im Prinzip nur mithilfe von einfachen, aber strengen Regeln. Am Anfang der Pandemie hieß es: Bleibt zu Hause! Das ist nicht nur rigoros, sondern auch leicht zu merken. Mittlerweile überblicken viele Menschen die zahlreichen unterschiedlichen Regelungen nicht mehr. Niemand scheint mehr so genau zu wissen, was man darf und was nicht, selbst Kontrollinstanzen wie die Polizei sind da manchmal nicht so gut informiert.

Heißt das, wir brauchen wieder mehr eindeutige Regeln?

Theoretisch ja – in der Praxis sieht das allerdings anders aus: Ein Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel hat wesentlich weniger Corona-Fälle als Bayern. Der Einfachheit halber landesweit dieselben Maßnahmen zu verhängen, ist der Bevölkerung der jeweiligen Gebiete schwer zu vermitteln. Ein Landkreis, der nicht so stark von der Pandemie betroffen ist, würde sich dann vollkommen falsch behandelt fühlen. Und dennoch haben die Menschen ein Bedürfnis nach klaren, einfachen Regeln – weil es ihnen eben häufig schwerfällt, differenziert zu denken.

"Wir sollten idealerweise lernen, in Wahrscheinlichkeiten zu denken."

Wie meinen Sie das?

Nicht allen Leuten fällt es leicht, mit Weitsicht und um die Ecke zu denken, erst recht nicht während einer Krise. Das zeigt sich auch schon in der Politik. Unsere Politiker haben momentan auch Schwierigkeiten, eine klare Linie zu fahren. Ob sie Lockerungen fordern oder zur Vorsicht mahnen – jeder Kurs hat Vor- und Nachteile, weil die Situation komplex ist. Weder sie noch die Wissenschaftler können den Verlauf der pandemischen Welle genau vorhersehen – aber genau das verlangen einige Menschen. Das ist ein wenig wie bei der Wettervorhersage: Manche können mit einer Vorhersage wie "Zu 50 Prozent scheint morgen die Sonne" nichts anfangen – sie wollen wissen: Regnet es oder nicht?

Dass die Bevölkerung Tatsachen von den Politikern will, ist sicherlich ein Zeichen ihrer Verunsicherung. Wie können wir nun damit umgehen?

Auch wenn viele die letzten Wochen als Zumutung empfunden haben, brauchen wir nun noch etwas mehr Geduld und Verständnis dafür, dass es momentan eben nicht möglich ist, endgültige Tatsachen zu behaupten. Und wir sollten idealerweise lernen, in Wahrscheinlichkeiten zu denken.

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