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Die ersten Monate allein mit Baby können ganz schön einsam sein. (Symbolbild) Bild: E+ / miodrag ignjatovic

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Mutter: Die Geburt war erträglich – was danach kam, war die Hölle

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Kein Arzt hatte vorausgesehen, dass mein Kind knapp fünf Kilo wiegen würde. Also brachte ich es auf natürlichem Weg zur Welt. Neben einem Sohn bekam ich Vaginal- und Dammrisse gratis dazu.

Als ich nach der Geburt in den OP musste, saß mein Mann zwei Stunden mit Neugeborenem da und hatte eine Scheißangst, weil er nicht wusste, was los war. Es folgte ein dramatischer Kreislaufzusammenbruch. Panik, Spritzen, keine Ahnung, ich erinnere mich kaum. Seitdem habe nicht ich ein Geburtstrauma, sondern er.

Die nächsten fünf Tage landeten wir auf der Kinderkrankenstation, weil alle dachten, unser dickes Kind hätte vielleicht Zucker. In dieser Zeit war mein Kreislauf noch zu schwach, um aufzustehen. Halb saß ich, halb lag ich, denn durch die Geburtsverletzungen konnte ich nicht aufrecht sitzen. Ich pinkelte in einen Katheder und hatte eine fette Einlage in der Krankenhaus-Netzunterhose, weil man nach einer Geburt wochenlang blutet wie ein Schwein. Wochenfluss heißt das.

"Welcome home, Baby! Die Girlanden-Hersteller sollten das Baby durch Wrack ersetzen, das wäre wenigstens ein realistischer Einstieg ins Wochenbett."

Ich saß/lag also andauernd in einer Blutlache, spürte bei jeder Bewegung meine Nähte, durfte wegen des Heilungsprozesses nicht duschen und bekam als besonderes Abschiedsgeschenk eine schmerzhafte Milchdrüsenverhärtung an der Brust. Welcome home, Baby! Die Girlanden-Hersteller sollten das Baby durch Wrack ersetzen, das wäre wenigstens ein realistischer Einstieg ins Wochenbett.

Zu Hause konnte ich lange nur auf einem aufblasbaren Sitzring sitzen, aber egal, ich saß ja eh kaum auf Stühlen. Von nun an lebte ich auf dem Sofa – mit stillendem Kind an der Brust oder schlafend im Arm. Als der Schmerz meiner blutigen Brustwarzen nicht mehr zu ertragen war, verwendete ich Stillhütchen. Man stülpt sich dünne Silikonhüte in Brustwarzenform über die Brust, durch die das Baby saugen soll. Die zweite Erniedrigung neben den Monster-Slipeinlagen, die sich anfühlen, als würde man sich eine Matratze in den Slip stopfen.

Doch all das war nichts gegen das, was folgen sollte. Die Geburt? Dank PDA größtenteils erträglich! Der ekelhafte Wochenfluss? Für immer verdrängt. Die Brustwarzen? Wahrscheinlich Hornhaut drauf. Die Nähte? Inzwischen zu Narben verheilt, die nur noch beim Sex ab und zu schmerzen.

"Nach zwei Wochen wurde mir bewusst, dass ich in mein altes Leben nie mehr zurückkehren würde."

Die kommenden Monate waren jedoch die Hölle – emotional. Mein Leben hatte seit der Geburt eine gegenteilige Richtung eingeschlagen, ohne, dass meine Gefühlswelt hinterherkam. Mir blieb nicht ein Tag Zeit, mich langsam daran zu gewöhnen. Ich musste einfach funktionieren.

Ab sofort hatte ich keinen Job mehr, keine Zeit für meine Interessen und keine Möglichkeit, über mich selbst zu bestimmen. Nach zwei Wochen wurde mir bewusst, dass ich in mein altes Leben nie mehr zurückkehren würde. Ich heulte, weil ich diesen Selbstaufgabe-Zustand, in dem ich mich befand, hasste. Tag für Tag saß ich mit ihm auf der Couch, während um mich herum alles weiterlief wie bisher.

Zuerst fühlte ich mich alleine, dann isoliert und irgendwann einsam. Beim Stillen aktualisierte ich wie besessen Instagram und kam nicht klar, dass alle ihr cooles Leben weiterlebten, während ich um 15 Uhr noch ein vollgesabbertes Schlafshirt trug, ein erstes Käsebrot aß und nichts vollbracht hatte, außer mein Kind zu stillen, zu wickeln und zum Schlafen zu bringen.

"Über die berühmten Latte-Macchiato-Mütter, die angeblich stundenlang an einem Kaffee nuckeln und mit ihren Kinderwägen Durchgänge blockieren, konnte ich nur hysterisch lachen."

Es existierten so viele Bilder in meinem Kopf: Kinderwagen schiebende Mütter mit Coffee to go, Lunch-Dates mit ehemaligen Kollegen, während das Kind in der Trage schläft. Nichts davon war auch nur annähernd realisierbar. Über die berühmten Latte-Macchiato-Mütter, die angeblich stundenlang an einem Kaffee nuckeln und mit ihren Kinderwägen Durchgänge blockieren, konnte ich nur hysterisch lachen.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

War er wach, hätte sein Geschrei jeden Kaffeeklatsch übertönt. Schlief er – ausschließlich eng an oder auf meinem Körper –, musste ich bewegungslos da sitzen und am besten mein eigenes Atmen einstellen. Oder ich lief mit der Trage im Stechschritt umher, aber bitte im gleichbleibenden Rhythmus und ohne eine Sekunde Stillstand. Uncool, wenn die Gesprächspartnerin dann alleine am Tisch sitzt, während man selbst auf 20 Quadratmetern einen Marathon zurücklegt.

Autofahren ging übrigens auch nicht, er brüllte, als hätten wir ihn auf ein Nagelbrett geschnallt. Kurz: Ich traf einfach niemanden mehr, weil Einsamsein am Ende die stressfreiere Variante war. Das beschloss ich, als die Acai Bowl eines angesagten Delis in der naheliegenden Metropole auf meine Tasche tropfte, während ich beim Stillen versuchte, meine Brust mit einem Tuch zu bedecken und gleichzeitig einen Löffel zu essen. Um mich herum Menschen in Anzügen und stylishen Kleidern, noch nie hatte ich mich so fehl am Platz gefühlt.

"Ich heulte, ich schrie meinen Mann an, ich machte ihm Vorwürfe, dass es seine Scheißidee gewesen sei, ein Kind zu bekommen."

Nach einigen Monaten wusste ich, es war Zeit, mein altes Leben loszulassen. Doch es war so frustrierend. Ich wollte mehr als nur Mutter sein. Auch von unserer bisherigen Paarbeziehung musste ich mich verabschieden. Abend für Abend, Monat für Monat, stillte ich das Kind in den Schlaf. Und schlief gleich selbst mit ein. Dann wurde ich wütend, weil mein Mann arbeiten ging und sich für ihn nichts geändert hatte. Wenn er nach Hause kam, ließ ich den gesamten Frust des Tages bei ihm ab. Ich heulte, ich schrie ihn an, ich machte ihm Vorwürfe, dass es seine Scheißidee gewesen sei, ein Kind zu bekommen.

Was mich gerettet hat? Eine Whatsapp-Gruppe mit zwei ehemaligen Kolleginnen, die zu einem ähnlichen Zeitpunkt Mutter geworden waren. In dieser Gruppe kam jede Problematik knallhart aufs Tablett. Hier konnte ich abkotzen und kotzte eine andere ab, fühlte ich mich für ein paar Minuten nicht mehr allein. Es tat so gut zu lesen, dass es scheinbar doch noch jemanden gab, der mit seiner plötzlichen Mutterrolle genauso haderte.

"Als mein Sohn eine Weile so laut schrie, dass ich kurz vorm Durchdrehen war, kam der ultimative Tipp von meinen Girls: 'Oropax. Habe ich mir gestern Abend reingestopft. Ja nee sorry, Schmerzgrenze erreicht.'"

"Ich habe Major Babyblues und die letzten zwei Wochen nur geheult. Dann habe ich abgestillt. Seitdem es Wein gibt, geht’s mir besser", waren die ersten geschriebenen Worte von Kollegin Nummer Eins, 14 Tage nach ihrer Geburt. "Diese erniedrigende Milchpumpe hat meinem Blues den Rest gegeben. Der frisst einen Liter am Tag, soviel konnte ich gar nicht produzieren. Und das Programm, bei dem sie einem die Zitzen langziehen, hieß klangschön Symphony."

Wir benutzten gerne und oft den Hashtag #Einzelkind, das grüne Fön-Emoji, wenn man sich nach einer Horrornacht am liebsten die Kugel gegeben hätte und unsere Kinder wurden statt beim Namen auch mal als kleiner Motherfucker betitelt. Als mein Sohn eine Weile so laut schrie, dass ich kurz vorm Durchdrehen war, kam der ultimative Tipp von meinen Girls: "Oropax. Habe ich mir gestern Abend reingestopft. Ja nee sorry, Schmerzgrenze erreicht."

Nach einer besonders harten Phase, in der wir uns unterstützt, bemitleidet und mit bösem Humor bei Laune gehalten hatten, schrieb die eine: "Boah, wehe, das zahlt sich alles nicht echt mal aus und die werden geile Typen", "die uns später mal ein geiles Leben finanzieren", fügte ich hinzu, "ja, Bahamas und so"... Die zweite Kollegin kam später dazu: "Ihr seid die Geilsten – love you!" Auch wenn wir heute nicht mehr viel miteinander zu tun haben und jeder seinen Weg geht – love you, too!

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Ich konnte meine Gedanken in Texten ausdrücken und bekam dafür Geld. Ich saugte Inspirationen durch Städtetrips, Konzerte, Designmessen und menschliche Begegnungen auf. Ich aß mich regelmäßig …

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