Interview
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Niko Kovac ist seit Sonntagabend nicht mehr Trainer des FC Bayern München – verantwortlich für die Krise ist er aber nicht, erklärt Bayern-Experte Justin Kraft. Bild: imago images/ActionPictures

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"Hauptproblem war nicht Kovac" – Experte erklärt, warum die Bayern-Krise viel größer ist

In München kehrt an der Säbener Straße gerade keine Ruhe ein. Am Sonntagabend trennten sich die Wege des FC Bayern München und Trainer Niko Kovac, am Mittwoch gewann die Mannschaft mit Interimstrainer Hansi Flick in der Champions League gegen Olympiakos Piräus und am Samstag kommt Borussia Dortmund schon zum Bundesliga-Spitzenspiel nach München. Doch egal, wie die Partie ausgehen wird: Der Rekordmeister steckt in einer Krise, die vor allem eine Identitätskrise ist.

"Das Problem ist viel größer als nur die Personalie Niko Kovac", sagt Justin Kraft. Der 26-jährige Autor schreibt für den größten deutschsprachigen Bayern-Blog Miasanrot.de und analysierte in seinem Buch "Generation Lahmsteiger" die vergangenen zehn Jahre des FC Bayern München.

Watson sprach mit Kraft über das Ende von Niko Kovac, die Fehler der Vereinsführung und, warum der FC Bayern sich seit Jahren so schwer tut, einen geeigneten Trainer zu finden.

Watson: Die Forderung "Kovac Out" hörte man immer wieder in den sozialen Netzwerken. Wollte am Ende auch der Großteil der Fans Kovac fliegen sehen?

Justin Kraft: Da muss man im Bayern-Kosmos sehr stark differenzieren. In den sozialen Medien kriegt man oftmals ein falsches Bild von der Sache: Aber es war bei #KovacOut beeindruckend, was für eine große Anzahl an Menschen sich teilweise sehr respektlos und voller Hass geäußert hat. Es gibt aber ganz viele Bayern-Fans, die Kovac sportlich zwar nicht als richtigen Trainer betrachten, aber sich sachlich mit seiner Arbeit auseinandergesetzt haben. Die organisierte Fan-Szene stand zudem bis zuletzt hinter Kovac, weil sie Respekt vor dem Menschen hatte.

Die menschliche Seite wurde immer wieder betont. Wird der Mensch Niko Kovac fehlen?

Der FC Bayern ist groß genug, um nicht nur von einzelnen Personen abhängig zu sein. Seine stets respektvolle und ehrliche Art war aber besonders. Ich weiß noch, wie im Pokalfinale das Stadion Niko Kovac gefeiert hat. Viele Fans brauchen eine emotionale Verbindung zu einem Trainer und einige hatten sie gerade zu ihm. Deswegen wird der Mensch Kovac bei einigen fehlen, doch sportlich kann ich nur für mich sprechen, dass der FC Bayern die richtige Entscheidung getroffen hat.

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Justin Kraft ist Co-Autor von "Rot und Weiß ein Leben lang: 111 Gründe für den FC Bayern München" und verfasste "Mats Hummels: Das große Fanbuch". Bild: privat

Über die Verantwortlichen des FC Bayern:

"Ich würde schon unterstellen, dass es ein Fehler der Vereinsführung war, nicht nach einem langfristigen Plan zu agieren, sondern nur zu reagieren"

Lag es sportlich denn nur am Trainer?

Nein, das Hauptproblem beim FC Bayern liegt ganz woanders. Nach 2016, also nach einer sehr erfolgreichen Zeit, wurde verpasst, einen strategischen Plan für die nächsten Jahre aufzustellen und dementsprechend Trainer und Spieler dafür zu verpflichten. Ich sehe keinen roten Faden. Mit Carlo Ancelotti kam schon jemand, der für keinen klaren Spielstil steht. Jupp Heynckes war der Notnagel und mit Niko Kovac war es sogar noch krasser: Mit ihm kam jemand mit einem defensiven Spielstil, der nicht zu der 'Mia san Mia'-Mentalität des Klubs und zu der Zusammensetzung des Kaders passte. Ich würde schon unterstellen, dass es ein Fehler der Vereinsführung war, nicht nach einem langfristigen Plan zu agieren, sondern nur zu reagieren.

Wurde die Schuld also zu sehr auf Kovac und die Trainerposition geschoben?

Ich kann nicht zu 100 Prozent beurteilen, wie intern die Schuldzuweisungen waren, aber ich glaube, dass sich die Öffentlichkeit sehr auf den Trainer fokussiert hat, obwohl der nicht immer schuld war. Ich will Kovac von nichts freisprechen, weil er insbesondere in der Kader-Moderation einige Fehler gemacht hat und taktische Versäumnisse hatte. Aber das lag daran, dass er den Fußball anders denkt und es ein Missverständnis zwischen Trainer und Mannschaft sowie der Vereinsführung gab.

Wir sprechen also auch von Versäumnissen von Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic?

Hasan Salihamidzic wird spätestens im Sommer sehr stark auf dem Prüfstand stehen. Er war sehr präsent in dieser Sommerpause und wird nach meinen Informationen intern auch sehr geschätzt und als sehr fleißig beschrieben. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass er Verantwortung übernehmen darf, das taten noch immer Rummenigge oder Hoeneß. Er ist da eher Spielball der Bosse. Ich sehe den Schritt zum starken Mann beim FC Bayern als Sportdirektor oder sogar Sportvorstand einfach nicht. Er ist zwar ein guter Vermittler zwischen Hoeneß und Rummenigge, aber wenn Kahn nun kommt und Hoeneß wirklich gehen sollte, wird dieser Job vielleicht gar nicht mehr gebraucht. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier personell noch etwas gemacht wird. Vielleicht an der Seite von Salihamidzic.

Muenchen, Deutschland, 09.10.2017, 1. Bundesliga, FC Bayern Muenchen, Pressekonferenz Jupp Heynckes, Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge (FCB) Jupp Heynckes (FCB) Sportdirektor Hasan Salihamidzic (FCB) Praesident Uli Hoeness (FCB) ( DeFodi507

Triple-Trainer und späterer Notnagel: Jupp Henyckes (zw. v. l.) ist zu alt geworden, um für die Bayern-Bosse Karl-Heinz Rummenigge, Hasan Salihamidzic und Uli Hoeneß (v.l.n.r.) eine weitere Ära zu prägen. Bild: Roland Krivec/DeFodi.de/imago sportfotodienst

Wie steht es um die Missverständnisse zwischen Team und Kovac – spielte die Mannschaft gegen den Trainer?

Schon im vergangenen Jahr hatten sich Trainer und Mannschaft zusammengerauft und es wurde erörtert, wie es weitergehen soll. Da hat sich Kovac seinen Spielern auf Augenhöhe genähert, was ja am Ende auch eine erfolgreiche Rückrunde und das Double zur Folge hatte. Nun gab es wieder Probleme. Ich würde aber niemandem vorwerfen, dass er gegen den Trainer gespielt hat. Ich glaube es lag eher daran, dass es unterschiedliche Vorstellungen zwischen Team und Kovac gab, wie man Fußball spielen soll.

Joshua Kimmich nahm nun die Mannschaft in die Pflicht. Wer muss jetzt im Team vorangehen?

Das ist aktuell ein ganz spannendes Thema für die Bayern. Führungsspieler wie Robben oder Hummels sind weggebrochen und Kovac hat es bei der Umstrukturierung des Kaders nicht geschafft, eine Hierarchie zu etablieren. Auch darüber ist er am Ende gestolpert. Es liegt erstmal an der Mannschaft, die Ergebnisse zu erzielen, aber spätestens mit dem neuen Trainer muss es gelingen, eine Hierarchie zu etablieren.

An welche Spieler denkst du?

An Thomas Müller zum Beispiel. Der ist schon lange da und war immer Wortführer, auch wenn er sportlich nicht mehr an seine alten Tage anknüpfen kann. Ich glaube aber, dass vor allem von unten Spieler aufrücken müssen. Joshua Kimmich übernimmt schon viel Verantwortung, aber wird noch mehr in den Vordergrund treten müssen. Positiv überrascht bin ich von Robert Lewandowski, der sich wirklich nicht nur sportlich herausragend präsentiert, sondern auch als Führungsspieler. Er ist einen großen Schritt gegangen und stellt sich in den Dienst der Mannschaft.

Sport Bilder des Tages 29.10.2019, xovx, Fussball DFB Pokal 2.Runde, VfL Bochum - FC Bayern Muenchen emspor, Jubel nach dem Tor zum 1:2 durch Thomas Mueller FC Bayern Muenchen, Aktion . DFL/DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and/or QUASI-VIDEO Bochum *** 29 10 2019, xovx, Soccer DFB Cup 2 Round, VfL Bochum FC Bayern Muenchen emspor, Cheers after the goal to 1 2 by Thomas Mueller FC Bayern Muenchen , Action DFL DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and or QUASI VIDEO Bochum

Thomas Müller spielt seit 19 Jahren beim FC Bayern und ist absoluter Publikumsliebling. Bild: Jan Huebner/Vogler via www.imago-images.de

Gibt es noch Spieler, die man sonst nicht so auf dem Zettel hat?

Ich würde es sogar gegenteilig formulieren: Von David Alaba wird als Eigengewächs immer erwartet, dass er vorweg geht. Ich glaube aber, dass es ihm nicht liegt, in der Hierarchie ganz oben zu stehen, auch wenn er seine Meinung klar äußert und wichtig für das Team ist. Da würde ich eher Thiago nennen, der von vielen unterschätzt wird, aber durch seine Einstellung und Mentalität in der Lage ist, die Mannschaft mitzureißen.

Du sprachst schon vom neuen Trainer. Auf dieser Position gibt es seit der Trennung von Pep Guardiola im Jahr 2016 keine Kontinuität mehr. Braucht der Neue eher Stallgeruch oder soll es ein Star-Trainer sein?

Es kommt erstmal darauf an, welche Art Fußball man spielen will. Will man wieder zurück zu dem Stil, den Louis van Gaal, Jupp Heynckes oder Pep Guardiola geprägt haben – also zu kontrolliertem Ballbesitz-Fußball? Oder will man mehr in die Richtung, in die etwa Jürgen Klopp bei seinen Klubs geht – also mit dem Fokus auf Gegenpressing und schnellem Umschalten? Wenn man sich darüber klar ist, dann sollten sich Trainerkandidaten herauskristallisieren.

Über die Trainer-Suche:

"Der FC Bayern hat in den vergangenen Jahren den Fehler gemacht, auf der Trainerposition nur nach Namen, Titel und Erfolg zu entscheiden"

War das zuletzt der Fehler in der Planung?

Ja, der FC Bayern hat in den vergangenen Jahren den Fehler gemacht, auf der Trainerposition nur nach Namen, Titel und Erfolg zu entscheiden. Das ist der falsche Weg, man braucht erst die Strategie.

Welcher Trainer und Spielstil könnten es denn werden?

Erik ten Hag von Ajax Amsterdam wäre durchaus eine Option. Er geht eher in die Richtung 'Kontrollierter Ballbesitz' und hat in Amsterdam gezeigt, dass er attraktiven Fußball spielen lassen und junge Spieler entwickeln kann. Zudem bringt er ein bisschen Stallgeruch mit. Ich denke, er wäre im Sommer zu haben, aber sieben Monate sind eine lange Zeit.

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Erik ten Hag trainiert zwischen 2013 und 2015 die zweite Mannschaft von Bayern München und ist seit 2017 Cheftrainer von Ajax Amsterdam. Bild: imago images / Lackovic

Wie könnte der FC Bayern die Zeit überbrücken?

Wir müssten erstmal beobachten, wie es mit Hansi Flick läuft. Vielleicht kann man mit ihm die Zeit überbrücken. Ansonsten ist es sehr, sehr schwer da eine Alternative zu finden, weil es nur wenige Trainer gibt, die frei sind.

José Mourinho oder Arsène Wenger hätten Zeit und laut Medienberichten auch Lust…

Bei Mourinho weiß ich aus guter Quelle, dass er aktuell nicht auf der Kandidaten-Liste steht. Bei Wenger bin ich persönlich sehr angetan, auch wenn er bei Arsenal zuletzt einige Probleme hatte. Aber er bringt die Erfahrung und das taktische Know-how mit, um die Zeit zur Vielleicht-Wunsch-Lösung ten Hag zu überbrücken. Er lässt attraktiven Fußball spielen und könnte gute Strukturen legen. Bei Wenger ist nicht nur der Name groß, sondern er passt menschlich auch zum Klub. Zudem spricht er die Sprache. Man hört ja, dass er Lust hat und für ihn persönlich wäre es mit 70 Jahren nochmal die Möglichkeit ein Team zu trainieren und vielleicht auch Titel zu gewinnen. Möglicherweise wird er mit seinem riesigen Netzwerk im Sommer ja auch anders eingebunden.

Welche Konstellation würdest du dir wünschen?

Erst Wenger, dann ten Hag im Sommer, der den Ballbesitz-Fußball wieder etabliert. Das würde den Bayern guttun.

Anmerkung der Redaktion: Wie "Bild" am Donnerstagnachmittag berichtet, hat der FC Bayern Arsène Wenger eine Absage erteilt. Der Münchner Klub "schätzt ihn für seine Arbeit als Trainer bei Arsenal London sehr, aber er ist keine Option als Trainer beim FC Bayern München", heißt es.

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