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Zuletzt kauften die Deutschen ein Drittel mehr Wein als im Vorjahr. Bild: E+ / martin-dm

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Wenn die Pandemie zur Alkoholsucht führt – Mediziner erklärt, wann wir gefährdet sind

In Kneipen und Restaurants werden schon lange keine Gäste mehr bedient. Fitnessstudios, Kinos und Theater haben ihre Türen verriegelt. Und Erinnerungen an Familienbesuche, Grillabende und durchtanzte Nächte fühlen sich an wie aus einem anderen Leben. Also wird sich über Zoom, Skype oder Houseparty virtuell zugeprostet, auf bessere Zeiten und gegen die Langeweile angetrunken. Ein Glas Wein gegen Einsamkeit und Existenzängste geleert – man muss sich in diesen Zeiten auch mal was gönnen.

Und wenn im Homeoffice ohnehin keine wichtigen Termine anstehen, kann einem schon mal der Gedanke kommen, das Feierabendbierchen nach vorne zu ziehen – oder gleich zum Mittagessen zu trinken. "Zu Hause habe ich weniger soziale Kontrolle. Alkoholkonsum fällt dort weniger auf", sagt Andreas Jähne, der ärztliche Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura gegenüber watson. "Der Verlust von Struktur und Verpflichtungen ist neu."

"Zu Hause habe ich weniger soziale Kontrolle. Alkoholkonsum fällt dort weniger auf"

Suchtexperte Andreas Jähne

Schon zu Beginn des weltweiten Corona-Lockdowns warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO davor, dass mit der sozialen Isolation der Alkoholkonsum steigen könnte. Einige Wochen später scheinen sich diese Befürchtungen zu bestätigen. "Die Verkaufszahlen der Discounter und Erfahrungsberichte aus Suchtberatungsstellen deuten darauf hin, dass seit Ausbruch der Corona-Pandemie mehr Alkohol konsumiert wird", sagt Jähne.

Das zeigen auch erste Ergebnisse einer Studie der Klinik für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim. "Es gibt einen Anteil von 20 Prozent, die weniger trinken", sagt die an der Studie beteiligte Oberärztin Anne Koopmann gegenüber "Deutschlandfunk Nova". "Dann gibt es aber einen Anteil von 40 Prozent der Studienteilnehmer, die mehr oder viel mehr trinken seit der Corona-Pandemie."

Mehr Wodka in Russland, mehr Wein in Spanien

Die Verkaufszahlen aus dem Einzelhandel deuten in die gleiche Richtung: Laut dem Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK landeten im März ein Drittel mehr Weinflaschen in den Einkaufswagen der Deutschen als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Klare Spirituosen wie Gin und Korn wurden demnach 31 Prozent häufiger gekauft. Deutschland ist damit keine Ausnahme: In Russland schoss mit dem Beginn der Corona-Pandemie der Verkauf von Wodka in die Höhe.

In Spanien kletterten mit der Ausgangssperre die Verkaufszahlen von Wein und Bier um 60 beziehungsweise 80 Prozent in die Höhe. Die Brasilianer kauften nach dpa-Informationen zuletzt mehr Alkohol als während des Karnevals. Und in Südafrika wurden Spirituosen-Läden geplündert, als mit der Ausgangssperre ein landesweites Alkohol- und Tabakverbot eingeführt wurde.

Dabei ist Alkoholkonsum in Pandemiezeiten noch gefährlicher als sonst, sagt Suchtexperte Jähne.

"Alkoholkonsum ist während der Pandemie noch gefährlicher, weil sich nicht mehr die Frage nach dem Aufhören stellt, wenn ich nicht noch nach Hause kommen muss, sondern einfach ins Bett fallen kann. Zum anderen ist der Mythos, dass Alkohol gegen Viren wirkt natürlich falsch, im Gegenteil: Alkohol schädigt das Immunsystem des Körpers. Und seine enthemmende Wirkung führt dazu, dass die Kontrolle verloren geht. Dann werden Schutzmaßnahmen nicht mehr so streng eingehalten und die Gewaltbereitschaft steigt."

Suchtexperte Andreas Jähne

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Social Distancing in der Schlange vor dem Spirituosen-Laden: nicht nur in New York derzeit ein alltägliches Bild. Bild: iStock Editorial / Thomas Lambui

Besonders Menschen, die psychische Probleme haben, die unter Angststörungen, Depressionen oder Schlafstörungen leiden, sind zur Zeit gefährdet, Suchtprobleme zu entwickeln, sagt Jähne. Dazu gehören auch Menschen, die bereits mit einer anderen Abhängigkeit zu kämpfen haben.

Klar, nicht jeder, der aus Mangel an Alternativen derzeit das ein oder andere Bier mehr trinkt als vor der Pandemie, rutscht gleich in eine Sucht ab. Viele beobachten den eigenen Konsum deshalb auch eher mit einem Augenzwinkern – Twitter ist voll mit Tweets über Quarantinis und Homeoffice-Drinks. "Als ich früher fünf Flaschen Wein im Einkaufswagen hatte, konnte ich so tun, als ob ich Gäste erwarte", schreibt der eine. "Spült ihr das Weinglas eigentlich zwischendurch mal oder zieht ihr durch?", fragt ein anderer.

Zu sehr auf die leichte Schulter nehmen sollte man den Alkoholkonsum trotzdem nicht. Wichtig ist, auf die Anzeichen zu achten, die darauf hindeuten, dass der Konsum problematisch geworden ist.

"Die Alarmglocken sollten läuten, wenn ich mehr trinke als beabsichtigt und nicht aufhören kann. Ein Warnsignal ist auch, wenn ich merke, dass ich mehr vertrage – dann hat sich der Körper schon an den Alkohol gewöhnt. Und wenn andere mich auf meinen Konsum ansprechen und ich verärgert reagiere und mir meinen Konsum schönrede. Ein hartes Warnsignal ist morgendlicher Konsum, etwa wenn ich mir schon einen Schnaps in den Kaffee kippe, um in den Tag starten zu können."

Suchtexperte Andreas Jähne

Wer solche Warnsignale bemerkt, sollte sofort aufhören Alkohol zu trinken, sagt der Mediziner – und keine Ausreden und Rechtfertigungen finden. Wenn das nicht klappt, sei es unumgänglich, eine Suchtberatungsstelle oder den Hausarzt aufzusuchen.

Zunahme von Suchtkranken erwartet

"Betroffene, die beispielsweise einen Rückfall erlitten haben, wenden sich derzeit allerdings häufig aus Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, nicht an einen Arzt oder ans Krankenhaus", sagt Jähne. Dabei sei das Angebot von Seiten der Beratungsstellen weiter vorhanden und größtenteils auf Telefonberatung oder Videochat umgestellt worden. "Ich kann deshalb nur appellieren: Nutzen Sie solche Angebote! Möglicherweise müssen Sie googeln, wo online eine Selbsthilfegruppe stattfindet, aber Sie werden eine finden."

Ab der kommenden Woche öffnen Restaurants wieder, Freunde können wieder getroffen werden, das Homeoffice wird nach und nach gegen den Platz im Büro getauscht. "Möglicherweise wird nach dem Ende der Isolation weniger getrunken, aber es wird weiter getrunken", prognostiziert Jähne. "Wenn die Menschen dann wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, zeigen sich die Auffälligkeiten und Konflikte, die im Homeoffice nicht sichtbar waren." Der Klinikdirektor rechnet deshalb damit, dass Sucht- und psychische Probleme in den kommenden Monaten zunehmen werden. Der Kater nach dem Corona-Rausch könnte es also in sich haben.

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