Small children with face mask back at school after covid-19 quarantine and lockdown, writing.

Derzeit wird maximal zweimal pro Woche an Schulen getestet. Bild: iStockphoto / Halfpoint

Analyse

Forscher fordern offene Schulen, damit dort Infektionen erkannt werden – was Experten dazu sagen

146,9 – das war am Montagmorgen laut Robert-Koch-Institut die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Über genau diese Inzidenzen und ihre Aussagekraft wird seit Beginn der Pandemie diskutiert. Von dieser Zahl hängt beispielsweise auch ab, ob Schulen geöffnet oder geschlossen sind.

Göran Kauermann ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) und Direktor des Instituts für Statistik. Er gehört zudem zur "Covid-19 Data Analysis Group" der Universität. In einem Interview mit dem "Münchner Merkur" sagte er jetzt, dass die Inzidenz als Gesamtzahl derzeit aus vielerlei Hinsicht nicht mehr aussagekräftig sei. Und er sagt, offene Schulen seien besser als geschlossene. Man sehe aktuell rückläufige Inzidenzzahlen bei den Über-80-Jährigen. Im Gegensatz dazu würden die Inzidenzzahlen bei Schülern und Jugendlichen steigen. Dafür seien mutmaßlich auch die Virus-Varianten verantwortlich. "Wir können aber auch nachweisen, dass durch die Tests an Schulen ganz einfach die Dunkelziffer deutlich gesunken ist", so Kauermann.

Kauermann bezeichnet manche Maßnahmen der Politik als "kontraproduktiv" und nennt als Beispiel die viel diskutierten Schulschließungen. Er sagt: "Aus statistisch-epidemiologischer Sicht ist es nicht richtig, die Schulen wie in Bayern ab einem Inzidenzwert von 100 zu schließen. Unsere Analysen zeigen klar, dass offene Schulen sogar zur Pandemiebekämpfung beitragen, solange dort verpflichtend und dicht getestet wird. Man findet auf diese Weise nämlich zwei- bis dreimal so viele infizierte Kinder und Jugendliche".

"Die Schulen wären dann lediglich Testzentren"

Timo Ulrichs

Komplexere Sachlage

Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin findet den Ansatz der Studie interessant. "Aber er geht davon aus, dass das Detektieren von Infizierten unter den Schülerinnen und Schülern mit nachfolgender Isolation/Quarantäne den positiven Effekt der Kontaktreduktion durch Distanzunterricht überwiegt, und das ist sehr fraglich", sagt Ulrichs gegenüber watson. Denn Kontakte könnten nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Weg dorthin passieren. Zudem gehe man in der Studie davon aus, dass die Infektionszahlen in den jüngeren Altersgruppen ohnehin steigen würden. Und zwar unabhängig davon, ob Präsenzunterricht stattfindet oder nicht. "Die Schulen wären dann lediglich Testzentren um diese sichtbar zu machen", so Ulrichs.

Er sagt, die Sachlage sei komplexer. "Es kann auch nicht über die Inkubationszeit argumentiert werden, denn hier gibt es fließende Übergänge, und wir wissen einfach nicht, wo genau die Virusübertragungen stattfinden."

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sieht Studie kritisch

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und erklärt gegenüber watson: "Grundsätzlich erscheint dem DL die Folgerung aus der LMU-Studie, durch Testen lasse sich eine Notbremse bei Schulschließungen vermeiden, sehr fragwürdig". Mit diesem Argument könne man die Notbremse in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen aushebeln und überall die Öffnung von Einrichtungen an Tests koppeln, so Meidinger.

"Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass diese Altersgruppe derzeit von der Pandemie am meisten betroffen ist und deshalb gerade im Schulbereich höchste Vorsicht angesagt ist"

Heinz-Peter Meidinger

"Für uns zeigt die LMU-Studie, wonach durch Testungen an Schulen deutlich mehr Infizierte als bei Schülern, die zu Hause lernen, entdeckt werden, dass es eine hohe Dunkelziffer von meist asymptomatisch erkrankten Kindern und Jugendlichen gibt. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass diese Altersgruppe derzeit von der Pandemie am meisten betroffen ist und deshalb gerade im Schulbereich höchste Vorsicht angesagt ist", sagt Meidinger.

Zudem spreche gegen die Argumentation der Studie, dass derzeit maximal zweimal pro Woche an Schulen getestet wird. "Eine lückenlose Überwachung setzt eine tägliche Testpflicht voraus, die derzeit in keinem einzigen Bundesland angedacht geschweige denn praktiziert wird", betont Meidinger. Und weiter: "Solange nach wie vor in vielen Regionen das Infektionsgeschehen hoch ist, solange immer noch eine Mehrzahl der Lehrkräfte insbesondere an weiterführenden Schulen nicht geimpft ist und solange es keine tägliche Testung gibt, halten wir vom DL aus den Wechsel in den Distanzunterricht bei Überschreitung der festgesetzten Werte für die Schulnotbremse für notwendig".

Die Forscher der LMU hatten sich die Zahl der positiven Corona-Tests in der Woche nach Ostern angesehen und dabei Landkreise mit offenen Schulen und Landkreise, in denen die Schulen geschlossen waren, verglichen. Bei den Kindern, die in dieser Woche in der Schule waren und dort getestet wurden, seien die Inzidenzen laut Kauermann "deutlich angestiegen". "Diese gefundenen Infektionen können aufgrund der Inkubationszeit von ca. fünf Tagen nicht auf Infektionen an der Schule zurückgeführt werden. In der Schule wurden sie dann aber durch die Testpflicht gefunden", erklärt er.

Die Schule mit Testpflicht sei ein sinnvolles Instrument zur Pandemiebekämpfung, wenn dort die Hygienemaßnahmen eingehalten würden. "Statistisch gesehen ist die Gefahr, einen infizierten Schüler zu übersehen, um ein Vielfaches geringer als der Nutzen, der entsteht, wenn in den Schulen sehr viele symptomlose Infektionen herausgefiltert werden, bevor es zu weiteren Ansteckungen kommt", so Kauermann.

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