Deutschland
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Epidemiologe Stefan Willich sieht eher wenig Gefahr beim Coronavirus selbst, warnt aber vor den Folgen der Isolation. null / screenshot ard

Epidemiologe sieht "gute Nachrichten" für Deutschland, doch warnt vor Folgen der Isolation

dirk krampitz

Seit einer guten Woche befindet sich Deutschland im Corona-Koma. Die Läden haben zu, die Wirtschaft steht still, menschliche Kontakte sollen nach Möglichkeit vermieden werden. Und die Kanzlerin gab bekannt, dass sich die Menschen auch über Ostern hinaus auf strikte Kontaktbeschränkungen einstellen müssen.

Bund und Länder wollen die bestehenden Regeln wegen der Corona-Krise mindestens bis zum 19. April verlängern. Mittlerweile mehrt sich die Kritik daran. Bei "Maischberger" sagt Journalist Jakob Augstein: "Über das Ziel sind wir uns ja alle einig, aber die Maßnahmen sind ja die einschneidendsten, die man treffen kann"

Es diskutierten bei Sandra Maischberger:

Von Bundeskanzlerin Merkel findet Augstein es mittlerweile "verantwortungslos, nicht über die Aufhebung der Maßnahmen zu sprechen" – denn schließlich brauche man ja eine Perspektive und die Wirtschaft auch eine Vorbereitungszeit. Er habe mittlerweile "fast vor den Maßnahmen mehr Angst als vor der Krankheit". "Welt"-Politik-Journalistin Claudia Kage macht sich Sorgen um die Wirtschaft: Falls der Stop über den 20. April hinaus andauern sollte, würde die Wirtschaft "überproportional abstürzen.“

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Jakob Augstein mit eindringlichen Worten. bild: screenshot ard

Epidemiologe sieht mit Blick auf Italien "sehr gute Nachrichten" für Deutschland und warnt vor Folgen der Isolation

Da wird es Zeit, den Epidemiologen und Gesundheitsökonomen Stefan Willich zu befragen. Der Mediziner von der Charité verweist darauf, dass die erschreckend hohe Todesrate in Italien an der Verfassung der Patienten liege: Das Durchschnittsalter der Opfer habe bei 80 Jahren gelegen, die Hälfte der Todesopfer habe drei oder mehr chronische Vorerkrankungen wie Lungen-Funktionsstörungen, Diabetes oder Herzerkrankungen gehabt. Die Toten seien "sehr spezielle und sehr kranke" Opfer gewesen. Das seien "sehr, sehr gute Nachrichten" für Deutschland, denn darum sei das Virus "für einen großen Teil der Bevölkerung nicht gefährlich".

Auch er spricht sich für eine baldige Rückkehr zum normalen Leben mit einer Prävention für die Risikogruppe aus. Als Maischberger nachhakt und auf Corona-Todesfälle wie den einer 16-jährigen Französin ohne Vorerkrankung zu sprechen kommt, erwidert der Mediziner: "In der Medizin gibt es immer extreme Ausnahmefälle. Und an der Influenza sterben immer auch Kinder und Jugendliche."

Lieber verweist er auf die Fallzahlen, die auch in Schweden stabil blieben, und das obwohl sie dort so gut wie keine Einschränkungen haben. Seine Schlussfolgerung: Nicht die restriktiven Maßnehmen seien entscheidend, "sondern das Appellieren an die Bevölkerung". Als Sozialmediziner befürchte er, dass die Folgen der Isolation "schon jetzt dramatisch" seien. "In kürzester Zeit führt das zu Ängsten und Depressionen". Man müsse unbedingt Hilfsangebote schaffen. "Sozialer Austausch muss ermöglicht werden."

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Schauspielerin Jutta Speidel betreibt zwei Frauenhäuser mit ihrem Verein. bild: screenshot ard

Von sozialen Folgen soll die Schauspielerin Jutta Speidel berichten. Sie betreibt mit ihrem Verein Horizont e. V. zwei Zufluchtshäuser für Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erfahren habe. Sie ist aus München zugeschaltet. Allerdings hat es bisher noch keinen deutlichen Anstieg gegeben. Zum Glück. Das Gespräch mit ihr ist leider nur wenig konkret. Klar, Corona schränkt sie in der Arbeit ein. "Wir mussten eigentlich alles schließen, Kita, Werkstätten und Bildungsstätten." Aber es gebe noch eine Mutter, die aus Afrika stammt, die nun bunte Atemmasken näht, die man über die Internetseite bestellen kann. Zur Demonstration zieht sie Speidel gleich mal auf.

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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) will zu Ostern die Strände sperren. bild: screenshot ard

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ist nicht nur zugeschaltet, sondern live im Studio. Ihn befragt Maischberger zu den unterschiedlichen Maßnahmen der Bundesländer. "Wir wären dankbar, wenn die Bürger zu Hause blieben, aber wir machen keine Grenzkontrolle", sagt Stephan Weil mit Blick auf die Osterferien.

Die Strände wird Niedersachsen wohl aber über Ostern sperren. "Wir wollen keine Attraktionen schaffen, keine Reiseziele anbieten", sagt der Ministerpräsident. Trotz der unterschiedlichen Maßnahmen herrsche in allen Bundesländern "dasselbe Schutzniveau". Auf die Frage, ob sich das nicht widerspreche mit den Grenzkontrollen, die Mecklenburg-Vorpommern durchführt, antwortet er: Bei längerer Küste müsste man "vielleicht auch andere Maßnahmen ergreifen."

Zum Schluss geht es noch um die geplante Corona-App, die Bewegungsdaten erfasst und Nutzer warnt, die sich in der Nähe eines an Corona Erkrankten aufgehalten haben. Kabarettist Florian Schröder warnt deutlich: "Wenn die Büchse der Pandora geöffnet ist, wird sie nicht mehr geschlossen." Das habe man schon beim Terrorismus gesehen. "Der Datenschutz kam in allen Bereichen nicht wieder." Schröder hält es für eine "hochgefährliche Entwicklung in jeder Hinsicht." Er setzt dagegen auf "schnelles, massenhaftes Testen" im Kampf gegen Corona. Und auch der Mediziner Willich ist kein Fan der freiwilligen App:

"Das geht an den wirkungsvollen, etablierten Eindämmungsmaßnahmen vorbei und dürfte kaum Wirkung bringen."

Stefan Willich

Wirklich wichtig sei die Disziplin der Menschen. Also auch, wenn das Leben wieder normaler laufen sollte: Abstand halten, in die Armbeuge husten und Hände waschen bleiben unsere Begleiter auf lange Zeit.

Bund und Länder verhandeln über neue Maßnahmen – erste Einigungen bei Regeln für Geschäfte

Die Corona-Pandemie bereitet Menschen weltweit Sorgen. Nach der ersten Welle, die Europa im Frühjahr erlebte, verzeichnen derzeit viele Länder weltweit wieder steigende Zahlen.

Das Robert-Koch-Institut zählte bis Mittwoch (Stand: 0 Uhr) 961.320 Infektionen in Deutschland sowie 14.771 Todesfälle.

Bund und Länder hatten sich zuletzt auf vorübergehende massive Beschränkungen des öffentlichen Lebens ähnlich wie im Frühjahr verständigt. Die folgenden Maßnahmen gelten vorerst bis Ende November:

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