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In der Kinderkrankenpflege herrscht akuter Pflegemangel. ard/screenshot

Pflegemangel in Kinderkliniken: Wenn Ärzte todkranke Kinder abweisen müssen

deana mrkaja

Die aktuelle Reportage im Ersten "Kein Geld für kranke Kinder" zeichnet ein dramatisches Bild von Kinderkliniken in Deutschland: Operationen müssen verschoben werden, Rettungssanitäter wissen nicht, wohin sie junge Patienten bringen sollen und viele schwerkranke Kinder müssen abgewiesen werden, weil das Pflegepersonal fehlt. Warum vernachlässigt das Gesundheitssystem die Schwächsten?

Deutschlands Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. Und trotzdem muss Dr. Florian Hoffmann vom Haunerschen Kinderspital in München kleine Patienten abweisen, weil sie es "personell nicht gestemmt" kriegen. Und das in einer der renommiertesten Kinderkliniken Südbayerns.

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Dr. Florian Hoffmann musste bereits einige Patienten aufgrund von Pflegemangel abweisen. ard/Screenshot

"Das Abweisen von Patienten fühlt sich schlimm an. Es bleibt ein Gefühl des Nicht-geholfen-habens."

Dr. Hoffmann ist Kinderarzt in München

Der junge Arzt ist auch als Notfallretter im Einsatz und berichtet davon, dass Notfallpatienten häufiger ins 80 Kilometer entfernte Augsburg gebracht werden müssen, weil es in München nicht ausreichend Betten geben würde. Das Problem kommt demnach auch deshalb zustande, weil eine Pflegekraft in einer Kinderintensivstation maximal zwei Kinder betreuen darf – das klingt zwar sinnvoll, doch bei dem akuten Pflegenotstand in Deutschland ist dieser Personalschlüssel kaum einzuhalten.

Als eine mögliche Erklärung nennt Dr. Hoffmann die schlechte Bezahlung des Personals: "In einer Stadt wie München, wo das Leben so teuer ist, ist die Krankenpflege nicht mehr der Ort, wo man sich ausbilden lässt. Der Job wird immer unattraktiver. Wir schreien seit Jahren nach Hilfe, aber wirklich gehört hat uns noch niemand."

Gründe für den Pflegemangel: Zu wenig Personal, zu wenig Geld

Eine solche Abweisung musste auch Sabrina Paul gemeinsam mit ihrem Sohn Tom erleben. Schon vor der Geburt ihres Sohnes war klar, dass sein Herz Probleme machen würde. Doch nun, nachdem der Junge fast ein Jahr alt ist, wurde die anstehende Herz-OP plötzlich verschoben. Seit zwei Monaten wartet die alleinerziehende Mutter auf einen neuen Termin.

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Sabrina Paul mit ihrem herzkranken Sohn Tom. ard/screenshot

Wurde der Termin wegen Personalmangels verschoben? Die Mutter weiß nicht mehr, was sie glauben soll. Das Universitätsklinikum Münster, in dem ihr Sohn operiert werden sollte, dementiert, dass es am Personalmangel liegt und erklärt, Toms Situation habe sich verbessert, sodass die Klinik erst zu einem späteren Zeitpunkt operieren wollte.

Doch bis der neue OP-Termin steht, könne die junge Mutter nicht arbeiten gehen, klagt sie in der Doku. Jetzt müsse sie Hartz IV beantragen, da ihr Elterngeld bald auslaufe. Doch so lange sie nicht wisse, was genau mit ihrem Sohn passiert, habe sie keine andere Wahl.

Doch woran liegt die schlechte Versorgung von Kindern in Deutschland? Die Reportage benennt dabei insbesondere die sogenannte Fallpauschale – eine Abrechnungseinheit, die einen Krankheitsfall vergütet. Die Folge dieser pauschalen Vergütung pro Behandlungsfall: Wenn ein Patient "zu lange" im Krankenhaus liegt, lohnt sich das für die Klinik wirtschaftlich nicht mehr. Während die Fallpauschale auf vielen anderen Stationen einer Klinik funktioniert, scheint sie gerade bei der Versorgung von Kindern ihr Ziel zu verfehlen. Denn bei den Kleinsten kommen oft so viele Baustellen zusammen, dass die "normale" Aufenthaltsdauer überschritten wird.

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Dr. Hoffmann zeigt auf die leeren Patientenräume - der Pflegemangel erlaubt es nicht, Patienten aufzunehmen. ard/screenshot

"Man kann doch Leute nicht einfach auf die Straße stellen, nur weil sie nichts mehr für die Klinik bringen."

Der Kinderarzt Dr. Hoffmann sieht einen Fehler in der Anwendung der Fallpauschale auf Kinder.

Kinder brauchen mehr Betreuung als Erwachsene. Gleichzeitig müssen Fachärzte aus allen Richtungen anwesend sein, wenn es um die Kinderversorgung geht. All das würde in der Fallpauschale nicht berücksichtigt werden, sagt Prof. Christoph Klein, der Direktor des Haunerschen Kinderspitals in München.

Ein Kind ließe sich nicht durchtakten, sagt der Arzt weiter. Kinderabteilungen schrieben somit immer rote Zahlen.

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Prof. Klein sagt, dass Kinder im System benachteiligt würden. ard/Screenshot

Beim ersten Kindergesundheitsgipfel am Starnberger See zeigt der Professor auf dramatische Weise auf, wozu die schlechte Versorgungslage bei Kindern führen kann. Er zeigt Röntgenbilder einer Lunge und sagt: "Dieses Kind lebt heute leider nicht mehr. Dieses Röntgenbild wurde von einem Radiologen begutachtet, der mit Kindern sonst wenig zu tun hat."

Viele Erwachsenenmediziner ohne entsprechende Kinderexpertise würden immer häufiger auch Kinder behandeln, heißt es in der Doku. Dabei könnten Fehler passieren. Deshalb will Prof. Klein die Kinderrechte auch in der deutschen Verfassung verankern – mit dem Ziel, die "bestmögliche medizinische Versorgung für Kinder einklagen zu können". Wenn in der Politik nichts vorangehe, müsse er eben neue Wege einschlagen.

"Wir müssen Kindern im Gesundheitssystem das Recht geben, Kinder sein zu dürfen."

Prof. Klein vom Haunerschen Kinderspital

Im vergangenen Juni haben Gesundheitsminister Jens Spahn, Familienministerin Franziska Giffey und der Arbeitsminister Hubertus Heil ein Konzept zur Verbesserung der Pflege vorgestellt. In der Broschüre dazu taucht der Begriff "Kinderpflege" lediglich ein Mal auf – in einer Fußnote.

Birgit Pätzmann-Sietas vom Bundesverband Kinderkrankenpflege sagt in dem Bericht, dass die Versorgung von Kindern nicht im Fokus der Pflege stünde: "Kinder sind keine Wähler. Die demografische Entwicklung ist derart gravierend, dass die Versorgung der älteren Bevölkerung immer im Vordergrund steht."

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands. Doch es ist nur ein schwer zu durchschauendes Konstrukt, wie eine Grafik aus der Reportage deutlich veranschaulicht:

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Der komplizierte Aufbau des G-BA. ard/screenshot

Zwar sind auch die Patientenverbände und ein einziger Vertreter des Pflegerats Teil des G-BA, jedoch haben sie kein Stimmrecht. Das bedeutet, dass die Vertreter des Pflegepersonals nicht mitentscheiden dürfen. Die Pflegekräfte fordern schon seit Längeren ein Stimmrecht ein. Geschehen ist bislang nichts.

Warum kommt der Notruf von den Kindern nicht bei der Politik an? Pätzmann-Sietas sagt, dass die Kinderversorgung ökonomisch nicht interessant sei und sie deshalb eine untergeordnete Rolle spiele. Dr. Hoffmann aus München glaubt mittlerweile, dass die Politik erst reagiere, wenn das ganze System auf dem Boden liege. Und er macht seinen Standpunkt deutlich: "Wenn wir die Basisversorgung unserer Kinder nicht garantieren können, dann zweifle ich dramatisch an unserem System. Wir wohnen in einem der reichsten Länder der Welt und denken nur an den Gewinn. Das ist unerträglich."

Die Geschichte des Bundestages in 17 Daten

Chantal hat ein Spenderherz - und unterstützt Jens Spahn

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